Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 15.09.2022

„Weg zu neuen Technologien ebnen“

Ende Juli war die neue Direktorin des nationalen Bauernverbandes Confagricoltura, Annamaria Barrile, zu Gast in Südtirol. Der „Südtiroler Landwirt“ hat sich mit ihr über Digitalisierung, Nachhaltigkeit und andere Herausforderungen unterhalten.

Der Einsatz digitaler Technologien bei der täglichen Arbeit wird in Zukunft immer mehr zum Alltag werden.

Der Einsatz digitaler Technologien bei der täglichen Arbeit wird in Zukunft immer mehr zum Alltag werden.

Mit großem Interesse hat Barrile die Maßnahmen begutachtet, mit denen der Südtiroler Bauernbund diesen Themen entgegentritt (s. „Südtiroler Landwirt“ Nr. 14 vom 5.8.2022). Große Chancen für die bäuerlichen Betriebe in ganz Italien sieht Barrile in der Energieerzeugung. 

Auch zum Wolf hat sich die neue Direktorin bei ihrem Antrittsbesuch beim Südtiroler Bauernbund geäußert. 

Südtiroler Landwirt: Frau Direktorin Barrile, die letzte Landwirtschaftszählung hat ergeben, dass staatsweit immer mehr kleine Betriebe schließen. Wie können gerade kleine Höfe besser unterstützt werden? 

Annamaria Barrile: Aus der siebten Landwirtschaftszählung geht eine Botschaft klar hervor: Die Landwirtschaft ist in einem Reifungsprozess. Die Betriebe werden insgesamt größer und sind besser organisiert. Zudem ist die italienische Landwirtschaft europaweit an erster Stelle, wenn es um die Schaffung von Mehrwert geht. Das bedeutet, dass die Betriebe nicht nur auf den nationalen, sondern auch auf den internationalen Märkten konkurrenzfähig sind. 

Für diese Entwicklung müssen wir Danke sagen, unter anderem auch an Südtirol. In eurem Land mischt sich eine moderne Betriebsvision mit einer hohen Qualität in der Produktion. Bäuerliche Betriebe müssen daher weniger unterstützt als vielmehr begleitet werden hin zu einem betrieblichen Wachstum. 

Besonders erfolgreich sind innovative Unternehmen. Wie kann die Innovation noch gesteigert werden?

Innovation gibt es in der Primärproduktion schon seit vielen Jahren. Confagricoltura hat als erster Verband die Innovationsinitiative „Landwirtschaft 4.0“ unterstützt. Wie wichtig und verbreitet neue Technologien sind, sieht man gerade jetzt. Die Landwirtschaft zeigt eine besondere Widerstandsfähigkeit in dieser außergewöhnlichen Hitze- und Trockenperiode. Der Rückgang der Produktion aufgrund des Wassermangels wäre viel größer, wenn nicht bereits über 50 Prozent der Betriebe ihre Bewässerung auf die Tropfbewässerung umgestellt hätten. 
Das Ziel von Confagricoltura ist es daher, für eine immer größere Zahl von Betrieben den Zugang zu neuen Technologien zu erleichtern, die die Produktion optimieren und helfen, Rohstoffe einzusparen.

Auch bäuerliche Betriebe haben immer mehr Schwierigkeiten, gute Arbeitskräfte zu finden. Welche Initiativen müssten auf nationaler Ebene forciert werden? 

Wir wissen alle, dass die Wettbewerbsfähigkeit der bäuerlichen Betriebe eng mit der Nachhaltigkeit zusammenhängt. Und diese wiederum ist eng mit der Digitalisierung verbunden. Beides sind große Themen der Zukunft. Gerade bei der Digitalisierung zeigen viele Studien, dass es bei vielen Akteuren an Wissen und Fähigkeiten fehlt. Unser Ziel bei Confagricoltura ist es, das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt mit verschiedenen Initiativen und Instrumenten auszugleichen, besonders durch die Weiterbildung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie auch von Arbeitskräften, die bereits in der Landwirtschaft tätig sind. Was wir sicher auch noch brauchen, ist, die Unterrichtsprogramme in den Schulen anzupassen, gerade in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. 

Wir sind gerade dabei, Ausbildungsangebote für neue Berufsbilder, wie den Innovationsbroker, den Experten für die Präzisionslandwirtschaft oder für die Nachhaltigkeit, auszuarbeiten. Auch arbeiten wir an Angeboten für Menschen, die bereits in der Landwirtschaft tätig sind. Dafür werden wir verschiedene Fördertöpfe nutzen. 

Der Zu- und Nebenerwerb wird immer wichtiger, besonders der Urlaub auf dem Bauernhof und die Energieerzeugung. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Die Produktion von grüner Energie ist die große Neuigkeit beim Zuerwerb am Hof. Mit einem Anteil von 8,5 Prozent bei der Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen ist die Landwirtschaft bereits ein wichtiger Akteur. Diesen Anteil können wir noch weiter steigern. 

Das gesamtstaatliche Ziel ist es, innerhalb 2030 bis zu 50 Gigawatt Strom durch Photovoltaikanlagen zu produzieren – zehn Gigawatt mit Dachanlagen, auch auf landwirtschaftlichen Betrieben, und 30 Gigawatt mit Anlagen, die auf landwirtschaftlichen Flächen stehen, ohne aber die Produktivität der landwirtschaftlichen Tätigkeit zu beeinträchtigen. Das soll nicht nur die Selbstversorgung der Betriebe sichern, was gerade aufgrund der hohen Preise wichtig ist, sondern ein zusätzliches Einkommen ermöglichen. 

Neben der Photovoltaik dürfen wir die Biomasse nicht vergessen. Und weil wir hier in Bozen sind: Eure Region ist italienweit an zweiter Stelle bei der Erzeugung von Strom aus Wasserkraft. 

Die Landwirtschaft wird in Zukunft eine entscheidende Rolle bei der Erzeugung erneuerbarer Energien einnehmen, auch dank Investitionen, die mit dem Aufbaufonds ­PNRR und neuen Dekreten unterstützt werden. 

Die Voraussetzungen sind vorhanden, nun braucht es einen rechtlichen Rahmen, der es den bäuerlichen Unternehmen erlaubt, die Investitionen zu planen.

Eine große Herausforderung stellt die Bürokratie dar. Sie wird trotz Digitalisierung immer mehr. Wie können Prozesse vereinfacht werden?

Es wird viel über Vereinfachungen gesprochen, dennoch wächst die Bürokratie. Die öffentliche Verwaltung hat viele Daten gesammelt, dennoch werden immer wieder dieselben Daten bei den bäuerlichen Betrieben abgefragt. Hier müssen wir die Sammlung und Speicherung der Daten verbessern, natürlich unter Berücksichtigung des Datenschutzes. 

Confagricoltura möchte dazu beitragen, die Informatisierung und Digitalisierung der Betriebe zu verbessern. Gleichzeitig ist eine digitale Plattform geplant, die es ermöglicht, immer besser auch mit der öffentlichen Verwaltung und weiteren Partnern zu kommunizieren. 

Ein großes Problem ist in Südtirol der Wolf. Immer mehr Tierhalter denken darüber nach, ihre Tiere nicht mehr auf die Alm zu bringen – mit weitreichenden Folgen für die Kulturlandschaft. Wie ist Ihre Meinung zum Wolf? 

Das Ziel muss eine Kontrolle der Fauna sein, um einen Ausgleich zwischen Tierwelt und den Bedürfnissen der landwirtschaftlichen Produktion zu schaffen. 

Das Thema ist komplex, wie auch der letzte Bericht des Umweltinstitutes ISPRA zum Wolf zeigt. Laut einer Schätzung halten sich in Italien aktuell 3307 Wölfe auf. In einem ersten Schritt muss daher definiert werden, ob diese Anzahl noch vertretbar oder bereits zu hoch ist, um eine klare Strategie zu entwickeln. 

Es ist klar, dass die Wölfe besonders dort leben, wo es einfach ist, an Nahrung zu gelangen. Das sind Gebiete mit Viehzucht und Gegenden, wo Lebensmittel weggeworfen werden. Ähnlich verhält es sich mit den Wildschweinen, die mittlerweile zu einem nationalen Notstand geführt haben. 

Beim Thema Wolf gibt es nicht nur Pro­bleme mit den „echten“ Wölfen, deren Bewegungen überwacht werden, sondern besonders mit den hybriden Tieren. Letztere müssen reduziert, wenn nicht sogar ausgerottet werden. 

Das ist nicht nur im Interesse der Bäuerinnen und Bauern, sondern auch der Wolfspopulation, weil hybride Wölfe eine Gefahr für das genetische Erbe darstellen.