Südtiroler Landwirt, Leben | 15.09.2022

Schweinestall statt Party

Zur besseren Orientierung innerhalb des Heftes führte die „Südtiroler Landwirt“-Redaktion 1999 ein Farbleitsystem ein, das im Wesentlichen bis heute gilt. ­Genau in diesem Jahr ist Magdalena Mur vom Unteraichnerhof in Barbian geboren, auch sie ist stets um Verbesserungen auf dem Hof bemüht. von Evelyn Gafriller

Am liebsten verbringt Magdalena Mur ihre Zeit bei ihren Tieren und natürlich beim Lesen des „Südtiroler Landwirt“.

Am liebsten verbringt Magdalena Mur ihre Zeit bei ihren Tieren und natürlich beim Lesen des „Südtiroler Landwirt“.

Aufgewachsen als Jüngste von vier Schwestern, ist Magdalena schon von Kindesbeinen an mit den Abläufen und Aufgaben am Hof vertraut. Anfangs war es manchmal schwer für sie, wenn ihre Freundinnen im Sommer die Tage im Schwimmbad verbrachten und sie hingegen beim Heurechnen helfen musste. „Eigentlich“, sagt sie, „hätte ich schon auch ins Schwimmbad dürfen, aber am Ende hatte ich dann immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht mitgeholfen habe.“ Heute bleibt Magdalena freiwillig lieber zu Hause, weil sie mit den Gedanken meist sowieso bei ihren Tieren ist und davon nicht wirklich abschalten kann, erzählt sie. Ihr Vater neckt sie deshalb sogar manchmal, dass sie fast schon „lästig“ sei. Ein gutes Beispiel dafür war ihr 7-tägiger Ibiza-Urlaub im vergangenen Jahr. Genau während dieses Urlaubs hat eine ihrer Kühe gekalbt und Magdalena sage und schreibe fünfmal täglich zu Hause angerufen, weil sie sich um das Wohl und um den Namen des Kalbs sorgte. 

Weihnachten 2021 hat sich die Jungbäuerin dann, trotz großen Heimwehs, doch einmal für einen ganzen Monat nach Kanada verabschiedet und dort wertvolle Erfahrungen bei einer Bäuerin gesammelt, die allein einen großen Hof führt. Von dieser Frau hat Magdalena auch folgende Aussage übernommen: „Als Frau musst du erst beweisen, dass du etwas kannst. Als Mann hingegen musst du erst beweisen, dass du nichts kannst.“ 

Starke Frauen am Hof

Als junge, gut aussehende Blondine kann Magdalena davon ein Lied singen. „Ja vor allem anfangs wurde bei mir schon genauer hingeschaut, wenn ich zum Beispiel mit dem Hänger rückwärtsfahren musste, eine Motorsäge in der Hand hatte oder überhaupt mit dem Mähtrak unterwegs war“, erklärt sie und fügt sofort hinzu, „aber jetzt haben sich die meisten daran gewöhnt.“ Natürlich bleiben hin und wieder ein paar dumme Sprüche nicht aus, wie einmal von einem Bekannten, der meinte, sie hätte zu rechnen und nicht zu mähen, weil das eine Frauen- und das andere Männer-Arbeit sei. „So ein Blödsinn“, witzelt die junge Bäuerin. 

Wenn Fremde fragen, wie das denn mit vier Mädchen am Hof läuft, bleibt sie gelassen und findet, dass es so ganz ohne Brüder eigentlich besser für sie gelaufen sei. Mit ihren Schwestern Elisabeth, Veronika und Katharina versteht sie sich nämlich bestens, und alle arbeiten trotz eigener Familien und Arbeit immer noch tatkräftig am Hof mit. Dabei bringt sich jede mit dem ein, was sie am liebsten macht, und das ist bei Magdalena eindeutig die Stallarbeit mit den Tieren. Wobei ihr dann doch wieder so viele Tätigkeiten einfallen, die ihr am Hof sonst noch gefallen, dass man Magdalena durchaus als leidenschaftliche Vollblut-Bäuerin bezeichnen kann. Apropos Arbeit: Auch Magdalena unterrichtet seit drei Jahren als Grundschullehrerin und befindet sich nebenberuflich im vierten Jahr des Lehramtsstudiums in Brixen. Diese Arbeit lasse sich aber perfekt mit der am Hof verbinden, schwärmt sie. Trotzdem möchte sie den Hof dann einmal vollends übernehmen und weiterführen. 

Schicksalsschlag mit glücklichen Folgen

Diese Entscheidung hat sich im Corona-Lockdown 2020 endgültig gefestigt, als sich der Vater einen offenen Bruch am Bein zuzog und damit praktisch von heute auf morgen außer Gefecht gesetzt war. Glück im Unglück für Magdalena, denn so war sie gezwungen, alle Aufgaben im Stall, aber auch außerhalb selbstständig zu übernehmen. 

Ihr Vater, erklärt die junge Bäuerin, sei ihr größtes Vorbild, und gemeinsam treffen sie auch alle Entscheidungen, die den Hof und dessen Fortführung betreffen. Veränderungen soll es in Zukunft keine großen geben, nur Verbesserungen, z. B. das Tierwohl betreffend. Eine solche Verbesserung war vor viereinhalb Jahren auch der Wechsel von der Silagefütterung zu Bioland. Heute wird auf dem Hof alles biologisch angebaut, und auch ein Laufstall wurde errichtet. Die Tiere verbringen die meiste Zeit im Freien, wo sie einen großen Bewegungsfreiraum genießen. Trächtige Kühe erhalten einen GPS-Peilsender und können so, auch wenn sie auf der Alm sind, sofort geortet werden. 

Beim Kälbern und auch bei den Würfen von zahlreichen Ferkeln war Magdalena schon hautnah dabei und ist dabei tatkräftig zur Hand gegangen. Etwa auch bei einer ziemlich komplexen Geburt, wo sie den Nachwuchs an den Hinterbeinen schüttelnd vom Schleim im Maul befreien musste, da sich die Tiere davon alleine nicht befreien können. „Das Gefühl, dann aber alles richtig gemacht zu haben, ist unbeschreiblich! Da bleibt man dann gerne auch mal freitagabends im Schweinestall, anstatt auf eine Party zu gehen“, lacht Magdalena. 

„Natürlich gibt es auch sehr traurige Momente“, fügt sie hinzu, vor allem bei Totgeburten oder überhaupt, wenn irgendeines ihrer Tiere stirbt. Mit der Zeit nehme man das mit immer mehr Fassung, aber kalt lasse es einen doch nie ganz, erklärt die junge Frau. 

Zeit für Hobbys finden

Vielfältig und bunt, genau wie in den Ressorts beim „Südtiroler Landwirt“ seit dem Jahre 1999, geht es auf dem Unteraichnerhof zu. Neben Kühen, Schweinen und drei Pferden wird am Hof auch etwas Wein angebaut. Die Familie Mur hat sich für die PIWI-Sorten Solaris und Cabernet Cortis entschieden, weil diese deutlich seltener gespritzt werden müssen und im Sommer ohnehin wenig Zeit für die Arbeit im Weinberg bleibt. Die Trauben werden dann auch selbst eingekellert und der Wein im hofeigenen Buschenschank den Gästen serviert. Dort gibt es auch weitere Köstlichkeiten wie Kastanien, Marmeladen, Butter und Milch vom Hof. Der Buschenschank ist immer im Herbst in der „Törggele-Zeit“, aber auch im Frühjahr, weil dort z. B. viele Erstkommunionfeiern stattfinden, geöffnet. 

Bei all der ganzen Arbeit bleibt natürlich wenig Zeit für Hobbys, doch hin und wieder nimmt sich Magdalena ganz bewusst eine Auszeit. Dann geht sie am liebsten mit ihrem Freund Hannes auf den Berg. Ein besonderes Ziel dabei ist der Hochfeiler mit seinen 3510 Metern in den Zillertaler Alpen. Diesen möchte Magdalena unbedingt einmal besteigen. Bis dahin verbringt sie so viel Zeit wie möglich auf ihrer Alm, dort reitet sie am liebsten mit den Pferden aus. 

Im Winter liest sie außer dem „Südtiroler Landwirt“ auch hin und wieder gerne ein Buch. Ein besonderes Projekt möchte sie aber unbedingt noch dieses Jahr anpacken: Sie möchte ihren Mähtrak neu streichen. Ein weißes Dach mit farbigen Blümchen soll er bekommen. Damit wird er sicherlich zu einem echten Hingucker, und die Leute können noch mehr staunen, wenn Magdalena damit lässig auf ihren Wiesen herumfährt.