Politik | 15.09.2022

Nachhaltigkeitstage 2022

Erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Landwirtschaft und Ernährung, nachhaltige Mobilität und resiliente ländliche Lebensräume waren Thema der Sustainability Days. Vorgestellt wurde dabei auch der Klimaplan Südtirol.

Bei den Nachhaltigkeitstagen wurde beispielsweise über Energiegemeinschaften diskutiert.

Bei den Nachhaltigkeitstagen wurde beispielsweise über Energiegemeinschaften diskutiert.

Südtirol soll die Klimaneutralität zehn Jahre vor den EU-Zielen erreichen. Das hat die Landesregierung  im „Klimaplan Südtirol 2040“ festgelegt. Kurz da­rauf haben die Mitglieder der Landesregierung die Details gemeinsam vorgestellt, zum Auftakt der Sustainability Days. Diese Nachhaltigkeitstage, die vom 6. bis 9. September in der Messe Bozen stattfanden, verstehen sich als internationale Plattform für die Regionen der Zukunft. In diesem Jahr konzentrierte man sich auf ökologische Nachhaltigkeit, mit dem Ziel, ländliche Regionen widerstandsfähiger zu machen. Die vom Land Südtirol organisierte Veranstaltung befasste sich mit vier großen Themenschwerpunkten: Erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Landwirtschaft und Ernährung, nachhaltige Mobilität und resiliente ländliche Lebensräume. 

Der Klimaplan des Landes

Das +1,5-°C-Ziel und das dazugehörige Nettonull-Ziel ist aus derzeitiger Sicht nur unter großer Kraftanstrengung zu erreichen“, steht im Klimaplan, der in einem Beteiligungsprozess mit der Bevölkerung, den Sozialpartnern und relevanten Nicht-Regierungsorganisationen, der Forschung und Wissenschaft sowie der Landesverwaltung und -regierung entstanden ist. In Zahlen ausgedrückt sieht der Klimaplan 2040 fünf übergeordnete Ziele, sechs Hauptstrategien und insgesamt 16 Handlungsfelder vor.

Die CO-Emissionen sollen gegenüber dem Stand von 2019 bis 2030 um 55 Prozent und bis 2037 um 70 Prozent reduziert werden. Bis 2040 soll Südtirol klimaneutral sein.

Der Anteil erneuerbarer Energie soll von derzeit 67 Prozent bis zum Jahr 2030 auf 75 Prozent und auf 85 Prozent im Jahr 2037 steigen. Letztlich muss er für die Klimaneutralität 100 Prozent erreichen.Treibhausgasemissionen, die von CO2 verschieden sind, also speziell N2O und Methan, sollen bis 2030 um 20 Prozent und bis 2037 um 40 Prozent reduziert werden gegenüber dem Stand von 2019.

Der Anteil der Südtiroler Wirtschaft an den durch die Klimawende wachsenden und neu entstehenden Märkten soll sich überproportional entwickeln. Trotz der notwendigen Anpassung von Gesellschaft und Wirtschaft soll der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung bis 2030 um zehn Prozentpunkte gegenüber dem Stand von 2019 sinken.

Mit dem Beschluss der Landesregierung seien die im Klimaplan festgelegten Ziele und Maßnahmen verbindlich, erklärte der Landeshauptmann Arno Kompatscher zu Beginn der Vorstellung: „Mit diesem Dokument verpflichten wir uns zu mutigen Entscheidungen, die wir bereits in der Nachhaltigkeitsstrategie Everyday for Future vor einem Jahr angekündigt haben und nach denen sich unser Handeln neu ausrichten muss. Der nun überarbeitete Klimaplan ist ein sehr wichtiger Teil dieser Gesamtstrategie.“

Man wolle Klima-Vorzeigeland werden, betonte Giuliano Vettorato, Landesrat für Umwelt und Energie, der den Klimaplan vorgelegt hat. So steht im Klimaplan: „Ein Wohlstandsland wie Südtirol muss mehr als das Minimum erreichen.“ Dies würde längerfristig zu einem Standortvorteil führen. Die Maßnahmen würden „vielschichtige Chancen, aber auch Belastungen schaffen“. 

Um die verschiedenen Ziele zu erreichen, sieht der Klimaplan drei Gruppen von Maßnahmen vor: Schnell wirksam seien Gebote und Verbote. Mittelfristig würden Anreize wirken, um bestimmte Verhaltensweisen zu belohnen. Besonders zielführend sei hingegen die dritte, langfristig wirkende Gruppe, die sich mit dem Oberbegriff „kultureller Wandel“ zusammenfassen lässt und Verhalten aus eigenem Antrieb verändert. Notwendig werde sein, alle Strategien und Wirkungsmechanismen in allen Aktionsfeldern einzusetzen.

Der „Klimaplan Südtirol 2040“ sieht auch vor, bis spätestens Juni 2023 den „Spezifischen Teil“ zu erarbeiten. 

Einige der Vorträge und Diskussionsrunden der Sustainability Days befassten sich mit landwirtschaftlichen Themen oder solchen, die für bäuerliche Betriebe und die Bevölkerung im ländlichen Raum von Interesse sind.

Nachhaltigkeit im Alltag: Gelebte Beispiele 

So ging es am zweiten Tag um drei konkrete Beispiele für gesunde und umweltfreundliche Ernährung sowie resiliente ländliche Lebensräume: Ein toskanischer Landwirt, ein Südtiroler Küchenchef und ein Vorstand einer Bürger*Genossenschaft erzählten, wie sie es geschafft haben, Kreisläufe zu schließen. Studenten und Universitätsprofessoren haben ihre Ansätze theoretisch beleuchtet.

Garum ist das Rezept von Küchenchef Mattia Baroni. Durch Gärungsprozesse – also mit Hilfe von Mikroben und ohne zusätzlichen Energieaufwand – gewinnt er aus Lebensmitteln, die in der traditionellen Küche wohl im Müll landen würden, ein flüssiges, nährstoffreiches Lebensmittel. Garum wird aus Pflanzen (Gemüse) hergestellt, aber auch aus pensionsreifen Legehennen, Resten aus der Käseproduktion oder Fischteilen. Mit Baroni im NOI-Techpark-Labor standen und stehen Kollegen und Expertinnen des Versuchszentrums Laimburg. „Noch ist es zu zeitaufwändig, Garum für jedermann zu produzieren“, räumte er ein. Sein Traum sei es, Garum in vier Wochen in kleinen Strukturen an vielen Orten herzustellen. „Das wäre gut für Gesundheit und Umwelt: Jeder Bissen bedeutet einen Eingriff in beides“, sagte Küchenchef Mattia Baroni.

Kreisläufe und eine wesentliche Reduktion des CO2-Ausstoßes sind auch auf dem 1000-ha-Hof des toskanischen Landwirts Jacopo Goracci Alltag. „Wir züchten drei Rinderrassen“, sagte er. Die Tiere werden auf Wald- und Wiesenweiden gehalten, geschlachtet wird in Schlachtwagen; den Prototyp hat er gemeinsam mit seinen Mitstreitern entwickelt. „In der Fleischqualität ist durch diese Art der Schlachtung kaum ein Unterschied bemerkbar. Aber ich denke, wir müssen verstärkt an das Tierwohl denken“, sagte er. Wertschätzung – finanziell und kulturell – für nachhaltig produzierte Lebensmittel sei ein Gebot der Stunde. „Wir wollen Wertschätzung erfahren, indem der Konsument unsere Produkte kauft und dafür bezahlt. Wir wollen nicht von Subventionen leben“, brachte Goracci es auf den Punkt.

Eine Risikoanalyse der Umgebung, eine Auflistung der Chancen, Interesse, sprich Wertschöpfung, schaffen, verständliche Kommunikation, Experimentierwillen und Flexibilität: Das sind die Ingredienzien für resiliente ländliche Lebensräume. Gemeinsam daran arbeiten müssen Personen, die das theoretische Wissen haben, und jene, die in der Gegend wohnen. 

Die Theorie dazu kam von Beatrice Durrer-Eggerschwiler (Universität Luzern) und Tina Heisch (Universität Basel), das Praxisbeispiel erläuterte Armin Bernhard, Vorstandsmitglied der „Bürger* Genossenschaft Obervinschgau“. Man müsse eingrenzbare Regionen schaffen, sagte Bernhard. Bürger hätten Interesse da­ran, ihr Verhalten zu ändern, um ihr unmittelbares Umfeld zukunftsfähig zu gestalten. Im Vinschgau habe das Pestizid-Referendum den Grundstein für das Bestehen der Bürgergenossenschaft gelegt, inzwischen wurde eine Ziegenkäsesennerei gegründet, Bioprodukte werden gemeinsam vermarktet, es gibt kulturelle und kulinarische Veranstaltungen.  Immer mehr solche kleine Bewegungen entstehen weltweit. „Vielerorts gibt die öffentliche Hand Geld zur Finanzierung solcher Reallabors aus“, sagte Heisch. Wichtig sei aber auch, dass man sich bewusst sei, dass es für resiliente Lebensräume kein Universalrezept gebe: Man muss bereit sein zu experimentieren.

Energiegemeinschaften: Schlüssel für die Energiewende

„Energiegemeinschaften als innovative Genossenschaftsform“ standen im Mittelpunkt eines Runden Tisches mit Expertinnen und Experten der Südtiroler Genossenschaftsverbände am gleichen Tag der Sustainability Days.

Zu Energiegemeinschaften können sich Privatpersonen, Unternehmen und lokale Körperschaften zusammenschließen. Sie statten sich mit einer Infrastruktur zur Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen aus und produzieren, speichern, verkaufen und verbrauchen Energie. Mitglieder sind also häufig „Prosumers“, das heißt Personen, die Energie gleichzeitig produzieren und konsumieren. „Das ist ein Paradigmenwechsel“, erklärte Manuela Paulmichl, Direktorin des Landesamtes für Genossenschaftswesen, die die Podiumsdiskussion moderierte. „Die Mitglieder agieren also nicht nur als Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern auch als Produzentinnen und Produzenten, was wirtschaftliche und soziale Vorteile mit sich bringt. Zudem nutzen Energiegemeinschaften regenerative Ressourcen und fördern damit eine nachhaltige, lokale und saubere Energieversorgung.“ Sie sollen damit einen Beitrag zur Klimaneutralität leisten und die Energiewende durch erneuerbare Energien weiter vorantreiben.

Wie die Vertreter der Südtiroler Genossenschaftsverbände – Raiffeisenverband, Coopbund, Cooperdolomiti und AGCI – betonten, „ist das Genossenschaftsmodell genau auf diese Entwicklung ausgerichtet, denn die Förderung der Mitglieder und des Bezugsgebietes stehen bei einer Genossenschaft stets im Vordergrund“. Genossenschaften seien demokratisch ausgerichtet, und es gelte das Prinzip der „offenen Tür“: Mitglied werden können alle, die die Voraussetzungen dafür mitbringen. Anderseits seien sie wie eine Kapitalgesellschaft aufgestellt und transparent geführt, was sie auch für komplexe Tätigkeiten geeignet macht. 

Die Möglichkeit der Gründung von Energiegemeinschaften geht auf die Festlegung der EU-Energieeffizienz-Richtlinie im Jahr 2018 zurück; in Italien wurde diese im Vorjahr mit der Umwandlung des Dekrets der Aufschubverordnung („Milleproroghe“) ermöglicht.

„Wir sind noch nicht ganz da, wo wir sein sollten, aber bis Jahresende müssten in Italien alle gesetzlichen Maßnahmen in Kraft sein, um die Gründung von Energiegemeinschaften in Genossenschaftsform zu erleichtern“, berichtete Barbara Passarella vom Raiffeisenverband.

Alex Baldo von Coopbund Südtirol betonte schließlich, dass die institutionelle Unterstützung zwar wichtig sei, die Initiative bei der Gründung von Energiegemeinschaften aber immer von der Basis (bottom-up) ausgehen müsse: „Es braucht aktive Bürgerinnen und Bürger sowie aktive Klein- und Mittelunternehmen. Wir sind aber zuversichtlich, denn Südtirol ist ein fruchtbarer Boden für Kooperation.“ 

Eine Infobox zum Maßnahmenkatalog "Landwirtschaft 2030" finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 16 des „Südtiroler Landwirt“ vom 16. September ab Seite 16, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.