Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 01.09.2022

„Über Versorgungssicherheit reden“

Die Versorgungssicherheit, das Großraubwild und die neue EU-Agrarpolitik waren nur einige der Themen auf der traditionellen Europawanderung, zu der der Südtiroler Bauernbund und der EU-Abgeordnete Herbert ­Dorfmann nach Pflersch geladen hatten.

Eine hochkarätige Runde aus Politik und Verbandsvertretern traf sich zur Europawanderung.

Eine hochkarätige Runde aus Politik und Verbandsvertretern traf sich zur Europawanderung.

Einmal im Jahr trifft sich der Südtiroler ­Bauernbund abseits von Sitzungssälen und Online-Konferenzen mit europäischen Spitzenvertretern aus der Landwirtschaft unter heimischen Gipfeln, um sich über aktuelle landwirtschaftliche Themen auszutauschen. Heuer waren unter anderen der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler, der ­Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, und des Bayerischen ­Bauernverbandes, Walter Heidl, der österreichische ­Agrarminister Norbert Totschnig, der Tiroler Bauernbund-Obmann und Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler sowie der Präsident der Handelskammer Bozen, Michl Ebner, nach Pflersch gekommen, um etwa über das Großraubwild zu diskutieren. 

Wolf: „Gemeinsam noch mehr Druck ausüben!“

Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler sprach sich dafür aus, „gemeinsam noch mehr Druck auszuüben, besonders auch auf nationaler und europäischer Ebene, um den extrem hohen Wolfsschutz zu lockern“. Mit dem Riss eines Rindes am Wochenende im Pustertal sei eine neue gefährliche Stufe erreicht worden, zeigte sich Tiefenthaler besorgt und fragte: „Wo soll das noch hinführen?“

In Tirol ist man derweil schon einen Schritt weiter, erklärte der Tiroler Bauernbund-­Obmann und Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler: „Wir haben nun Bescheide zur Entnahme von Wölfen aufgrund ihrer Gefährlichkeit erlassen.“ Allerdings sei der Weg dahin weit und kompliziert, was ein zeitgemäßes Wolfsmanagement erschwere. Zudem würden NGOs die Entwicklung bei der Wolfspopulation – der gute Erhaltungszustand ist ohne Zweifel gegeben – nicht wahrhaben wollen.

Ein weiteres Thema auf der Europawanderung war die geplante pauschale Halbierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes durch die EU. „Wenn wir weiterhin einen gedeckten Tisch wollen, müssen wir dieses Vorhaben nochmals überdenken“, betonte Bauernbund-Obmann Tiefenthaler, „sonst kann die Versorgungssicherheit nicht mehr garantiert werden. Und genau über diese Versorgungssicherheit müssen wir wieder mehr reden.“ Eine weitere Folge könnte sein, dass die Lebensmittelproduktion in Länder außerhalb der EU abwandert. „Diese Lebensmittel müssten wir dann importieren und so längere Transportwege in Kauf nehmen. Das können wir doch nicht wollen“, warnte Tiefenthaler. 

Für den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, könne Deutschland die pauschale Halbierung der Pflanzenschutzmittel nicht umsetzen. Auch wenn der Umwelt- und Klimaschutz keinesfalls in Frage zu stellen sei, gehe der eine oder andere Vorschlag eindeutig zu weit. „Wenn alle Vorschläge, die derzeit auf dem Tisch liegen, umgesetzt würden, würde in Deutschland jeder dritte Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche wegfallen“, rechnete Rukwied vor. Das führe zwangsläufig zu einer Ernährungskrise. Der EU-Abgeordnete Herbert Dorfmann erklärte, dass in Brüssel als Folge der Ukraine-Krise die Versorgungssicherheit bei Lebensmitteln stärker in den Mittelpunkt rücke. 

Viele Maßnahmen zu Klimaschutz und Biodiversität seien wichtig und für die Südtiroler Landwirtschaft eine Chance, dennoch müsse bei allem auch die Versorgungssicherheit im Auge behalten werden. „Viele Diskussionen wie die über die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln oder über die Biodiversitätsrichtlinie, sind stark ideologisch, gehen oft an der Realität vorbei und stellen die Versorgungssicherheit in Frage“, betonte Dorfmann. Dabei sei sie ein strategisches Element der EU. Aber natürlich müsse auch die Landwirtschaft dazu beitragen, Klima und Biodiversität zu schützen. Die Energiekrise sah Dorfmann als Chance für alternative Energiequellen, auch aus der Landwirtschaft. 

Zufrieden zeigte sich Dorfmann mit der neuen EU-Agrarpolitik: „Aus Südtiroler Sicht ist die Reform gut, da die benachteiligten Gebiete besser unterstützt werden können und die Alpung einen größeren Stellenwert bekommt.“ Zudem hätten die Mitgliedstaaten mit den Strategieplänen mehr Gestaltungsmöglichkeiten, was die meisten Länder auch nützen. Der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler schlug vor, die Zwischenberichte zu den Zielen der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik zu nutzen, um neuerlich jene Vorschläge in die Diskussion einzubringen, die bisher nicht berücksichtigt wurden. 

Über die Auswirkungen der Corona-­Pandemie auf die Landwirtschaft sprach der neue österreichische Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig. Besonders die Engpässe bei Lieferungen seien nach wie vor zu spüren. Der Ukraine-Krieg habe die Lage zusätzlich verschärft, weil er die Kosten auf den Bauernhöfen in die Höhe treibt und andererseits die Verkaufspreise kaum nachziehen. Die Folge sei wohl, dass Betriebe aufgelassen würden. Auch Franz Fischler warnte vor den Folgen des Ukraine-Krieges, die vielfach noch unterschätzt würden. Zudem kritisierte er, dass einige Preiserhöhungen ausschließlich auf Spekulationen zurückzuführen seien. Eine weitere Folge des Konflikts könnten eine Hungerkrise und neue Migrationsbewegungen sein.

Höhere Preise für hohe Standards

Ein weiteres Thema der Europawanderung war das Tierwohl. Walter Heidl, Präsident des Bayerischen Bauernverbands, forderte den Lebensmitteleinzelhandel auf, die höheren Kosten der Erzeuger bei der Preisgestaltung zu berücksichtigen. Es dürfe nicht sein, dass von den Bäuerinnen und Bauern immer höhere Standards verlangt werden, ohne aber höhere Preise zu zahlen. Gleiches gelte auch für das Thema Regionalität. Leider zeige sich aktuell, dass die Konsumentinnen und Konsumenten gerade bei Lebensmitteln sparen würden.

Neue sinnvolle Regeln wie in anderen Ländern des Alpenraumes brauche es auch für das Mountainbiken, das dank der E-Bikes immer beliebter, für die Grundeigentümer aber immer belastender werde, erklärten Tiefenthaler und Geisler.