Leben, Südtiroler Landwirt | 23.06.2022

Das Klassenzimmer am Bauernhof

Gewonnen! Eine dritte Klasse der Grundschule Eppan hat als Dankeschön für ihren Brief an die Bäuerin/den Bauern einen Besuch auf einem Schule-am-Bauernhof-Betrieb bekommen. Und hat am Haflingerhof in Jenesien einen unvergesslichen Schultag erlebt. von Renate Anna Rubner

Fabian Plattner erklärt der Klasse in „seiner“ Schule am Bauernhof, welche verschiedenen Arten von Getreide es gibt.

Fabian Plattner erklärt der Klasse in „seiner“ Schule am Bauernhof, welche verschiedenen Arten von Getreide es gibt.

Damit der Bus auch sicher hält, sprintet Fabian schnell über die Straße. Dabei winkt er dem Busfahrer zu, der versteht sofort: Er hält an und öffnet die Türen: 16 Kinder mit ihren beiden Lehrerinnen klettern von Bord, alle mit Rucksack und festen Schuhen ausgestattet, sichtlich gut gelaunt und etwas übermütig. Zumindest ein paar davon. 

Es ist Montag, die letzte Schulwoche ist gerade angebrochen. Für Fabian Plattner ist diese Klasse die letzte in diesem Frühling, die auf seinen Haflingerhof kommt. Die Deutschlehrerin Claudia Dellagiacoma hatte den Wettbewerb der Südtiroler Bäuerinnenorganisation zum Anlass genommen, mit den
16 Schülerinnen und Schülern einen Brief an die Südtiroler Bäuerin/den Südtiroler Bauern zu schicken. Zunächst musste natürlich etwas Vorarbeit geleistet werden: „Ich habe mit den Kindern darüber gesprochen, ob und wie sie bereits mit der Landwirtschaft in Kontakt gekommen sind. Irgendetwas ist wirklich jedem Kind eingefallen, im Gespräch sogar ziemlich viel“, freut sich die Lehrerin. Dann sind alle mit viel Motivation ans Werk gegangen: Jede Schülerin/jeder Schüler hat eine Seite gestaltet, mit Zeichnungen und Texten. Das Gesamtwerk wurde dann eingeschickt. Und hat überzeugt: Eine Jury hat die Arbeit der Klasse als besonders kreativ eingestuft, der Gewinn war ein Halbtag auf einem Schule-am-Bauernhof-Betrieb. Der wurde nun eingelöst: „Es ist unüblich so spät im Schuljahr noch Ausflüge zu machen“, erklärt die Lehrerin, in diesem speziellen Fall habe man aber eine Ausnahme gemacht.

Nachdem sich die Klasse um Fabian versammelt hat, gehen alle gemeinsam über die Straße und am Hof vorbei in die Wiese vor dem Haus. Von hier aus hat man einen einzigartigen Blick auf Bozen und das Unterland. Am Morgen hat es noch geregnet, nun scheint die Sonne zwischen den Wolken durch. Fabian hat es im Handumdrehen geschafft, die Kinder für sich zu gewinnen, sie folgen ihm auf dem Fuß und hängen ihm an den Lippen. Das nützt er, um der Gruppe gleich die Regeln beizubringen, die am Hof gelten: Man lässt ausreden, meldet sich, wenn man etwas fragen will oder zu sagen hat, läuft nicht einfach herum. „Das sind dieselben Regeln, wie sie auch in der Klasse gelten“, sagt er und ergänzt, „heute haben wir das Klassenzimmer mit dem Bauernhof ausgetauscht. Benehmen müsst ihr euch aber trotzdem.“ 

Vom Korn zum Mehl

Dann gibt es Lockerungsübungen: Die Kinder stellen sich im Kreis auf und machen alles nach, was Fabian vormacht. Dazu gibt es Ziehharmonika-Musik, bis alle außer Puste sind. Trinkpause, und weiter geht’s! Das Thema des heutigen Tages lautet „vom Getreide zum Brot“, Fabian flicht aber auch andere Themen in seinen Unterricht mit ein. Da der Haflingerhof ein Viehbetrieb mit Obst-, Wein- und Ackerbau ist, kann er aus dem Vollen schöpfen. Seine Thementage lauten deshalb unter anderem „Vom Heu zur Milch“, „Kartoffeln und ihr Anbau“, „Bodenlebewesen erforschen“ oder „Den Wald entdecken“.

Was er auch immer wieder einbringt und den Kindern ans Herz legt, ist der respektvolle Umgang mit der Umwelt, den Pflanzen und vor allem mit den Lebensmitteln: „Bei uns wird nichts weggeworfen“, sagt er.

Nun macht die Gruppe einen Abstecher auf den Acker: Neben Mais und Kartoffeln sind hier auch Dinkel und Roggen angebaut. Weiter hinten steht der Weizen. Nun die Frage an die Kinder: Wer hat schon einmal Brot gebacken? Alle heben die Hand, bei der Vorbereitung zur Erstkommunion haben sie aus Mehl, Salz, Wasser und Hefe Teig geknetet und gebacken. Also wissen sie auch um die Zutaten Bescheid. Etwas schwieriger wird es, wenn Fabian nach Getreidesorten fragt: Nur zögerlich und mit Hilfe der Lehrerinnen kommen Dinkel, Weizen und Roggen als Antwort. Fabian zeigt die unterschiedlichen Ähren und lässt sie von Hand zu Hand gehen. Hat jemand eine Frage, nimmt er sie auf, auch wenn es gerade nicht zum Thema passt. 

Weil ein paar Tropfen vom Himmel fallen, zieht die Gruppe weiter in den Stadel, da hat der junge Bauer seine „Schätze“ versteckt: die unterschiedlichsten Körner, die die Kinder anschauen und kosten dürfen. Er erklärt den Unterschied zwischen Milch-, Teig- und Erntereife, den Aufbau des Korns und den Werdegang des Erntegutes bis hin zum Mehl. 

Was heute der Mähdrescher macht, war früher Handarbeit. Fabian zeigt Schnittrechen und Sichel. Dann lässt er den Dreschflegel auf den Boden knallen, die Kinder sind beeindruckt. Der Korb für das Sieben ist auch in dem kleinen Museum untergebracht, das Fabian im Stadel eingerichtet hat. Die Windmühle fehlt. Mit ihr wurden die letzten Strohteile von den Körnern getrennt, bevor sie vermahlen werden konnten. Heute ist das alles automatisiert: Es steht eine professionelle Getreidemühle in der Kammer, die wirft Fabian an, und Amelia darf die Schaufel halten, in die sich das Mehl türmt. Fabian verteilt etwas davon auf jede Hand. So können die Kinder erfühlen, wie grob das Vollkornmehl ist, wie es riecht und schmeckt. 

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 12 des „Südtiroler Landwirt“ vom 24. Juni ab Seite 23, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.