Produktion | 20.06.2022

Forschung für hochwertige Kirschen

Das Versuchszentrum Laimburg begleitet die Bäuerinnen und Bauern seit Beginn des Kirschanbaus in Südtirol und liefert wissenschaftliche, objektive Erkenntnisse. Am Freitag, den 17. Juni, fand in Fragsburg bei Meran eine Versuchsbegehung statt.

Der Kirschenanbau (im Bild reife Kirschen der Sorte Henriette) wird in Südtirol erst seit rund 20 Jahren professionell betrieben. (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

Der Kirschenanbau (im Bild reife Kirschen der Sorte Henriette) wird in Südtirol erst seit rund 20 Jahren professionell betrieben. (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

Bis heute gibt es in Südtirol über 120 Produzentinnen und Produzenten von Kirschen mit einer Ernte von rund 1200 Tonnen pro Jahr. Die besondere Beschaffenheit des Gebiets sowie die Verwendung von spät reifenden Sorten ermöglichen es, zu einem späteren Zeitpunkt auf den Markt zu kommen als die Kirschen aus anderen Regionen Italiens. Auf dem Versuchsfeld Fragsburg bei Meran führt die Arbeitsgruppe „Beeren- und Steinobst“ des Versuchszentrums Laimburg seit rund 30 Jahren wissenschaftliche Versuche durch, um der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung objektive Daten zur Verfügung zu stellen. Am 17. Juni fand im Versuchsfeld eine Begehung für Landwirtinnen und Landwirte sowie Beratungsstellen statt, bei dem Forschende des Versuchszentrums Laimburg die Ergebnisse der laufenden Versuche vorstellten. 

Teil des Aktionsplanes 2016–2022
Diese reichten von der Sortenselektion über das Studium von Unterlagen bis hin zu Tests verschiedener Schnitttechniken sowie Pflanzenschutzstrategien, die in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe „Mittelprüfung“ des Versuchszentrums Laimburg entwickelt wurden. Diese Tätigkeiten wurden im Rahmen des Aktionsplans 2016–2022 für Forschung und Ausbildung in Berglandwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften finanziert, einer Initiative des Landesrates für Landwirtschaft. 

Qualität und moderne Techniken
Obwohl der Kirschanbau in Südtirol nur 0,5 Prozent der Landesfläche ausmacht und erst etwa 20 Jahre zurückreicht, wird er von modernsten Techniken und Verfahren begleitet. Die Kirschproduktion in Südtirol ist ausschließlich auf Qualitätsproduktion ausgerichtet und verfügt über sehr gut ausgestattete Anlagen. So können dank der Verwendung von Regenschutzfolien und Hagelschutznetzen Beschädigungen der Früchte vermieden werden, und Insektennetze schützen die Kirschen vor dem Befall invasiver Insekten. Dieser einfache mechanische Schutz, der nur für einige Wochen im Jahr verwendet wird, ermöglicht es, den Einsatz von Insektiziden auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. 

Die Wahl der richtigen Unterlage
Als vor 20 Jahren der Kirschanbau in Südtirol in größerem Stil begann, war das Phänomen der Bodenmüdigkeit hierzulande noch unbekannt. Dieses Problem tritt erst auf, wenn über einen längeren Zeitraum dieselbe Kultur auf demselben Standort angebaut wird. Bereits vor 14 Jahren startete die Arbeitsgruppe „Beeren- und Steinobst“ in der Anlage Fragsburg Versuche mit verschiedenen Unterlagen in einer 15 Jahre alten Kirschanlage. Massimo Zago, der Leiter der Arbeitsgruppe, erklärt: „Obwohl das Problem der Bodenmüdigkeit damals noch nicht aktuell war, wollten wir verschiedene Unterlagen auf ihre Anfälligkeit hin prüfen. Nun verfügen wir über wissenschaftliche Daten über einen Zeitraum von 14 Jahren, und das bei nur 20 Jahren Geschichte des Kirschanbaus in Südtirol." 

Die Unterlage ist der basale Teil der Pflanze, der das Wurzelsystem ausbildet und der Pflanze aus dem Boden Wasser und Nährstoffe liefert. Die Vitalität der Unterlage und ihr Verhalten bei fortschreitender Bodenmüdigkeit beeinflusst den Ertrag der Kirschbäume und die Qualität der Früchte. Eine gute Unterlage benötigt zudem weniger Düngung und Bewässerung und ist damit nachhaltiger.

Aus den Ergebnissen von 14 Jahren Versuchstätigkeit hat sich die Gisela6-Unterlage als die geeignetste erwiesen, um der Bodenermüdung entgegenzuwirken. Bei einer Erneuerung von Kirschanlagen ist sie daher die beste Wahl. Die derzeit verwendete Unterlage hat sich als zu schwach erwiesen, um auf einem bereits müden Boden erneut gepflanzt zu werden.

Hohes Einkommen dank hochwertiger Sorten
Der Anbau von Kirschen führt zu einem Gewinn pro Hektar, der mit dem des Apfelanbaus vergleichbar ist. Die Etablierung von Kirschanlagen ist daher eine interessante Option für Landwirtinnen und Landwirte, die ihre Produktion diversifizieren, die Höhe der Gewinne beibehalten und einen Beitrag zur Biodiversität in der Landwirtschaft auf lokaler Ebene leisten möchten.
Grundlegend für die Zukunftssicherung des Anbaus ist die Sortenselektion, die am Versuchszentrum Laimburg vorgenommen wird. Dabei wird eine Art Personalausweis von Sorten aus aller Welt erstellt. Derzeit werden 75 Sorten auf verschiedenste Parameter hin untersucht: Zuckergehalt, Säuregehalt, Größe und Gewicht der Frucht, Farbe und Härte, Homogenität der Reife und agronomische Charakterisierung der Pflanze wie beispielsweise Eigenschaften der Fruchtbildung, Eintritt in die volle Produktivität, Anfälligkeit für Krankheiten. Vor kurzem hat das Versuchszentrum Laimburg eine Kooperation mit dem Südtiroler Sortenkonsortium zur Bewertung und Validierung neuer Kirschsorten für die Zukunft gestartet.

Der richtige Baumschnitt
Die steigenden Temperaturen führen zu einer früheren Kirschblüte, wodurch das Risiko von Schäden durch Frühjahrsfröste steigt. Die Forscherinnen und Forscher des Versuchszentrums Laimburg haben mehrere Schnitttechniken getestet, um zu erkunden, wie sich der richtige Schnitt positiv auf das Produktionsmanagement auch beim Auftreten von Frost auswirken kann. „Der mechanische Vorschnitt in der Nachernte im Sommer bewirkt, dass viel Licht in die Krone des Baumes gelangt“, erklärte Giacomo Gatti von der Arbeitsgruppe „Beeren- und Steinobst“. Dies begünstige die Bildung von Blütenknospen anstelle von Knospen, die neue Zweige und Triebe ausbilden. „Eine größere Anzahl von Blüten am Baum führt zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Fruchtbildung und damit zu einer höheren Produktivität", erklärt Gatti.

Parasitäre Pilze und invasive Insekten
Bei der Vorstellung der Feldversuche sprach Urban Spitaler von der Arbeitsgruppe „Mittelprüfung“ über einen invasiven Pilz, der die Kirschbäume in ganz Südtirol befällt. Der Pilz Monilinia kann Früchte und Triebe parasitieren. Neben den beiden am weitesten verbreiteten Arten haben die Forscherinnen und Forscher des Versuchszentrums Laimburg auch neue Arten identifiziert. Derzeit laufen Untersuchungen im Labor, um diese eingehend zu charakterisieren. 

Eine weitere Bedrohung für die Südtiroler Kirschen ist die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii), ein invasives Insekt aus Asien, das seit seinem erstmaligen Auftreten in Südtirol im Jahr 2011 große Schäden anrichtet. Ein Forscherteam des Versuchszentrums Laimburg hat eine Strategie zur Kontrolle der Kirschessigfliege an Kirschbäumen getestet, welche im Rahmen eines Projekts an der Vernatsch-Rebe entwickelt wurde. Die sogenannte Attract & Kill-Strategie basiert auf einer spezifischen Formulierung von Hefen, die speziell ausgewählt wurden, um für das Insekt als Nahrungsquelle attraktiv zu sein. Die mit Insektizid gemischte Formulierung ermöglicht es, die benötigte Insektizidmenge pro Hektar und dadurch eine mögliche Kontamination der Früchte mit Rückständen deutlich zu senken. „Auf diese Weise wird der Pflanzenschutz im Kirschanbau nachhaltiger, und zwar sowohl für Umwelt und Gesundheit als auch aus wirtschaftlicher Sicht”, erklärte Urban Spitaler. Weitere Versuchstätigkeiten zum Thema Süßkirschen sind auch für die Zukunft geplant, insbesondere da die Kirschanlagen des Versuchszentrums Laimburg kürzlich stark erweitert wurden.