Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 09.06.2022

Persönliches Auffangnetz schaffen

Der Mutualitätsfonds I.S.T. Milch soll helfen, das Einkommen aus der Milchproduktion langfristig abzusichern. Wie dieser Fonds funktioniert und warum es wichtig ist, dass jetzt möglichst viele diesem Fonds beitreten, war kürzlich Thema eines Webinars. von Bernhard Christanell

Der Mutualitätsfonds I.S.T. Milch soll die Grundlage dafür bilden, dass Bäuerinnen und Bauern ihr Einkommen aktiv selbst absichern können. Foto: IDM/Andree Kaiser

Der Mutualitätsfonds I.S.T. Milch soll die Grundlage dafür bilden, dass Bäuerinnen und Bauern ihr Einkommen aktiv selbst absichern können. Foto: IDM/Andree Kaiser

Über den neuen Mutualitätsfonds hat der „Südtiroler Landwirt“ bereits ausführlich berichtet (Nr. 9 vom 13. 5. 2022, S. 54, und online unter https://bit.ly/Milchfonds). Dass es nach wie vor viele offene Fragen gibt, zeigte das große Interesse an einem Webinar, das der Südtiroler Bauernbund Ende Mai zu diesem Thema organisiert hatte. Weit über 500 Bäuerinnen und Bauern hatten sich online zugeschaltet, um sich über diese neue Form der Absicherung zu informieren. 

Eingerichtet haben den Fonds das Hagelschutzkonsortium in Zusammenarbeit mit dem Sennereiverband Südtirol, mehreren Südtiroler Milchhöfen, dem Südtiroler Bauernbund und dem Beratungsring Berglandwirtschaft BRING. Der sektorale Mutualitätsfonds I.S.T. Milch soll zur Stabilisierung des Einkommens der Südtiroler Milchbäuerinnen und Milchbauern dienen. 

Der Fonds ist beim Hagelschutzkonsortium angesiedelt und wird von diesem verwaltet. Ziel eines solchen Fonds ist es, das Einkommen der Landwirte zu stabilisieren und Schwankungen auszugleichen, die auf sinkende Auszahlungspreise oder einen Anstieg der Produktionskosten zurückzuführen sind. Eine Analyse der Universität Padua anhand der Daten zweier Südtiroler Milchhöfe hat ergeben, dass in den Jahren 2013 und auch 2019 bis zu 77 Prozent der Lieferanten einen entsprechenden Einkommensverlust erlitten hatten, den der Fonds auszugleichen vermocht hätte.

Wie der Fonds konkret funktioniert, erklärte der Direktor des Hagelschutzkonsortiums, Manfred Pechlaner: „Ein Betrieb zahlt jährlich ca. 0,3 Cent pro produziertem Kilogramm Milch ein, die EU gibt dazu noch
0,7 Cent pro Kilo Milch als Förderung dazu. Wer also zum Beispiel pro Jahr 70.000 Kilogramm Milch an den Milchhof liefert, zahlt pro Jahr 210 Euro in den Fonds ein, die EU gibt 490 Euro dazu. Dabei handelt es sich um Fördermittel, zu denen Landwirte nur über diese Schiene Zugang haben.“ Wer dem Fonds beitritt, verpflichtet sich, diesen Deckungsbeitrag für mindestens drei Jahre einzuzahlen, das eingezahlte Geld verbleibt im Fonds. „Der Mutualitätsfonds sichert das durchschnittliche Einkommen der letzten drei Jahre ab. Wichtig ist es, den Fonds als langfristige Lösung zur Absicherung des Einkommens aus der Milchproduktion zu sehen“, unterstrich Pechlaner. 

Abgefedert werden zum einen Verluste über einen geringeren Milchpreis, sofern dieser auf Marktschwankungen zurückzu­führen ist, zum anderen gesteigerte Produktionskosten, die anhand von verschiedenen Kennzahlen erhoben werden. „Es ist nicht not­wendig, dass der einzelne Betrieb seine Produktionskosten vorlegt. Die verfügbaren Daten dazu sind ausreichend vorhanden“, erklärte Pechlaner. 

Was ist der „Event Trigger“?

Um eine Auszahlung zu erhalten, müssen folgende Voraussetzungen gegeben sein: Als Erstes muss der sogenannte „Event Trigger“ erreicht sein: Schwankt der Milchauszahlungspreis aufgrund der allgemein schwierigen Vermarktung der Milchprodukte, oder steigen die Produktionskosten aufgrund verschiedener Umstände stark an, sodass diese einen Einkommensverlust von 15 Prozent zur Folge haben, so nennt man dies „Event Trigger“. Ist dieser Punkt erreicht, wird der Ausfall im Einzelfall erhoben, welcher mindestens 20 Prozent betragen muss. Dies ist die gesetzliche Schadensschwelle.

Der Fonds selbst kann per Gesetz maximal 70 Prozent des Ausfalles vergüten und muss eine Mindestauszahlung von 20 Prozent garantieren. Der Prozentsatz dazwischen richtet sich nach der finanziellen Verfügbarkeit des Fonds. „Selbstbehalt ist für die Milchbäuerinnen und -bauern aktuell keiner vorgesehen. Die genannten 0,3 Cent pro Kilo Milch des Landwirtes zusammen mit den 0,7 Cent der EU bilden das Kapital des Fonds. Alles Geld, das in den Fonds eingezahlt wird, darf nur für Fondsauszahlungen verwendet werden. Zur Deckung der Verwaltungsspesen rund um den Fonds kommt lediglich der Mitgliedsbeitrag des Hagelschutzkonsortium hinzu. Für reine Fondsmitglieder bewegt sich dieser voraussichtlich zwischen 28 und 50 Euro“, ging Pechlaner auf verschiedene Fragen aus der Runde der Webinarteilnehmer ein. 

Zurzeit befindet sich der Fonds in der Aufbauphase, dennoch ist es durchaus möglich, auch für die im laufenden Jahr zu erwartenden Einkommensverluste bereits eine Vergütung aus dem Fonds zu erhalten. 

Bis 20. Juni beitreten

„Grundlegend dafür ist aber, jetzt – und spätestens bis zum 20. Juni – dem Fonds beizutreten. Dann werden wir die Unterlagen zum Fonds dem zuständigen Ministerium in Rom übermitteln. Sobald dieses sein Okay gibt, können wir auszahlen, sofern die Parameter dafür erreicht sind“, betonte Pechlaner.

Die Berechnung der zu erwartenden Vergütung, auf die Pechlaner ebenfalls einging,  ist recht aufwendig, der Beitritt zum Fonds ist es nicht: „Das Beitrittsformular ist bei uns online abrufbar, wer damit nicht zurechtkommt, kann uns jederzeit gerne anrufen“, sagte Pechlaner (Link am Ende dieses Artikels)

Unterstützung der EU nutzen

Beim Webinar riefen gleich mehrere hochrangige Vertreter von Bauernbund, Hagelschutzkonsortium und Sennereiverband Südtirol zur Teilnahme am Fonds auf. Bauernbund-Landesobmannstellvertreter Daniel Gasser sprach dem Hagelschutzkonsortium sein vollstes Vertrauen aus: „Hier sind Leute am Werk, die sehr gewissenhaft und vertrauenswürdig arbeiten. Es ist wichtig, sich abzusichern und die Hilfe vonseiten der EU zu nutzen. Der Fonds ist eine Chance zu reagieren, wenn Milchpreise stark schwanken oder – wie jetzt – die Produktionskosten stark steigen.“ Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner ergänzte: „Jeder soll und muss frei entscheiden, ob er dem Fonds beitritt. Wir können diesen Schritt nur dringend empfehlen, es ist eine Versicherung auf Gegenseitigkeit, die von der öffentlichen Hand zu über zwei Dritteln unterstützt wird – eine einmalige Chance, die es zu nutzen gilt!“

Michael Simonini, der neue Obmann des Hagelschutzkonsortiums ging auf die wachsende Bedeutung des Konsortiums auch für die Berglandwirtschaft ein: „Die Dürreindexversicherung im Grünland ist seit einigen Jahren aktiv. Neben solchen Ausfallversicherungen müssen wir aber in Zukunft verstärkt auch an die Stabilisierung des Einkommens denken.“ Das Prinzip des Mutualitätsfonds sei einfach: „Je mehr Landwirte mitmachen, desto mehr profitieren alle im Einzelfall. Die Landwirte sollten die Möglichkeit nutzen, mit überschaubarem Aufwand im Kollektiv viel zu bewirken und die von der EU bereitgestellten Mittel nutzbar zu machen“, appellierte Simonini. Annemarie Kaser, die Direktorin des Sennereiverbandes Südtirol, verglich den Mutualitätsfonds mit einem Auffangnetz im Zirkus: „Die Hochseilartisten im Zirkus können ihre Kunststücke nur beruhigt ausführen, wenn sie wissen, dass sie im Notfall ein Netz auffängt. Alle Milchbäuerinnen und -bauern sind aufgerufen, dem Fonds jetzt beizutreten und sich so ihr ganz persönliches Auffangnetz zu schaffen.“