Leben | 26.05.2022

Bauer sucht (und findet) Rat

Wem der Job zu viel wird, der kann wechseln. Nach Konflikten geht man auf Abstand. Auf Bauernhöfen ist das nicht möglich. So entstehen manchmal Situationen, die nicht mehr allein zu bewältigen sind. Die Straßenzeitung zebra. hat mit Nicole Irsara von der bäuerlichen Lebensberatung gesprochen. von Daniela Halbwidl

In Situationen, die man nicht mehr allein bewältigen kann, hilft die bäuerliche Lebensberatung weiter.  Foto: Armin Huber

In Situationen, die man nicht mehr allein bewältigen kann, hilft die bäuerliche Lebensberatung weiter. Foto: Armin Huber

Ein landwirtschaftlicher Betrieb verbindet Arbeit, Familie und Existenz untrennbar miteinander. Das kann zu Dynamiken führen, die oft nicht leicht zu bewältigen sind. In solchen Situationen bietet die Lebensberatung für die bäuerliche Familie eine Art seelische „Erste Hilfe“ an. Koordinatorin Nicole Irsara erklärt im Interview, was diese erste Anlaufstelle für Bäuerinnen und Bauern leisten kann und wie das Angebot angenommen wird.

Frau Irsara, im Jahr 2009 wurde die bäuerliche Lebensberatung ins Leben gerufen. Wa-rum war das notwendig geworden?

Nicole Irsara: In Südtirol werden viele Beratungsleistungen angeboten. Es gibt die Betriebs- und Rechtsberatung sowie Beratungen zu den Themen Finanzierung und Förderungen. Was jedoch fehlte, war eine Beratung auf menschlicher Ebene, damit eingeleitete Veränderungen wie zum Beispiel die Hofübergabe auch in der Praxis funktionieren.

Wie kann man sich das vorstellen?

Die bäuerliche Lebensberatung ist eine Art seelische „Erste Hilfe“ für Familien, die vermehrt Druck ausgesetzt sind. Das Zusammenleben mehrerer Generationen am Hof ist oft beschwerlich und führt oft zu Konflikten. Das Projekt der Lebensberatung hat sich in den Jahren bewährt, die Beratung wird von Freiwilligen durchgeführt. Sie ist deshalb kostenlos, die Hilfeleistung erfolgt unkompliziert, niederschwellig und schnell.

Wer sind diese Freiwilligen?

Aktuell sprechen wir von 28 aktiven ausgebildeten Freiwilligen in ganz Südtirol, fast ausschließlich Frauen. Im Juni kommen zehn weitere dazu. Die meisten Lebensberaterinnen sind selbst Bäuerinnen oder stammen von einem Hof. Das ist deshalb sehr hilfreich, weil sie mit den Dynamiken und Themen bäuerlicher Familien vertraut sind.

Inwiefern unterscheiden sich bäuerliche von nicht bäuerlichen Familien?

Das Leben auf einem Hof ist ein ganz anderes. Arbeit und Familie sind untrennbar miteinander verknüpft. Dazu kommt das enge Zusammenleben von Jung und Alt. Es kommt leichter zu Reibereien. Auch der wirtschaftliche Druck für landwirtschaftliche Betriebe wird immer stärker, gleichzeitig sinkt das Ansehen der bäuerlichen Familien in der Gesellschaft. Das Leben am und mit einem Hof ist oft auch sehr einschränkend. Ein Bauer kann sich nicht einfach an einem Sonntag freinehmen, wenn er Vieh hat. Die Familie kann nicht zwei Wochen in Urlaub fahren, wenn das Heu zu machen ist.

Wie hat sich das bäuerliche Leben in den letzten Jahren verändert?

Das Zusammenleben ist nicht mehr so einfach. Wobei wir im Grunde nicht wissen, ob es früher wirklich einfacher war. Heute werden gewisse Dinge angesprochen und nicht mehr einfach so hingenommen. Die junge Generation hinterfragt viel. Das ist auch richtig, nur für die Altbauern oft nicht so einfach. Wo sich der junge Bauer unverstanden fühlt, fühlt sich der ältere nicht wert­geschätzt, und umgekehrt. Das Zusammenleben ist komplexer, die Belastung größer geworden.

Welche Belastungen kommen heute noch hinzu?

Viele Höfe sind auf Nebenerwerb angewiesen. Beides gut zu machen, ist nicht einfach. Und dann sind da noch die Digitalisierung und Verbürokratisierung. Man merkt, dass die Landwirtinnen und Landwirte an ihre Grenzen stoßen, weil sie überfordert sind. Leider ist Scheitern in Südtirol immer noch ein Tabu, dabei ist Irren ja menschlich. Auch die Einsamkeit ist ein Thema. 

Wie kommt es zu Einsamkeit?

Wenn ein Bauer keine Partnerin findet, kann das Leben am Hof sehr einsam werden. Mit Corona wurde das noch spürbarer. Ein alleinstehender Bauer, der vor der Pandemie in Vereinen Gesellschaft und Ausgleich fand, geriet in dieser Zeit vermehrt ins Grübeln. Zuletzt stieg auch der finanzielle Druck. Als der Nebenerwerb Corona-bedingt wegfiel, häuften sich Schulden an, was wiederum zu Existenz- und Zukunftsängsten führte. Die Frage „Wie wird es weitergehen?” macht Angst, vor allem wenn man sie sich allein stellen muss.

Familienangelegenheiten sind etwas sehr Privates, das tragen die meisten nicht gern nach außen.

Ja, deshalb ist die Schweigepflicht bei uns oberstes Gebot. Wichtig ist uns außerdem, dass Ratsuchende und Beratende nicht aus demselben Bezirk kommen. Die Parteien sollen sich nicht kennen, damit es niemandem unangenehm wird.

Was sind die häufigsten Probleme und wer sucht eher Unterstützung, die alte oder die junge Generation?

Es hält sich die Waage. Aber die Probleme sind ganz unterschiedlich, betreffen aber meist das Zusammenleben und die Nachfolge. Altbäuerinnen und -bauern rufen eher an, weil sie etwa mit der Schwiegertochter nicht auskommen. Die Jungen geraten hingegen an ihre Grenzen, weil die Eltern darauf beharren, die Dinge so weiterzumachen wie bisher.

Die Hofübergabe ist ein heikles Thema. Was macht das mit den Familien?

Meistens regeln die Familien die Frage der Hofübergabe ganz gut. Aber Eltern tun sich schwer, weil sie ihre Kinder im Grunde ungerecht behandeln „müssen”. Der eine bekommt mehr, die andere weniger. Die Weichenden können nie gerecht ausbezahlt werden. Gleichzeitig ist es schwer loszulassen. Wer auf einem Hof aufwächst, ist mit Grund und Boden stark verwurzelt. Da sagt man nicht einfach: „Ich ziehe von daheim aus.“ Im Gegenzug bekommt der Hofübernehmer/die Hofübernehmerin zwar den gesamten Hof, aber auch die gesamte Verantwortung und Last des Familienschatzes auferlegt.

Welche Hilfe bekommen die Familien dann von der Lebensberatung?

Wenn sich Betroffene an uns wenden, wird eine Lebensberaterin zugewiesen, die zeitnah Kontakt aufnimmt und zu einem persönlichen Erstgespräch an den Hof oder – wenn ein neutraler Ort gewünscht ist – in ein Bezirksbüro des Südtiroler Bauernbundes kommt. Bei diesen Familiengesprächen bringen wir alle an einen Tisch und legen die Gesprächsregeln fest. Das Ziel ist eine offene Kommunikation. Oft sagen die Familienmitglieder dabei zum ersten Mal, was sie wirklich empfinden.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 10 des „Südtiroler Landwirt“ vom 27. Mai ab Seite 19, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.