Arbeitssicherheit | 12.05.2022

Wie man Arbeitsunfälle vermeidet

Leider haben sich in letzter Zeit einige schwere Arbeitsunfälle in der Landwirtschaft ereignet. Die Unfall­untersuchung zeigt: Viele der schweren Arbeitsunfälle hätten vermieden werden können.

Der Sicherheitsgurt ist eine der wichtigsten Maßnahmen zum Schutz vor schweren und tödlichen Unfällen mit landwirtschaftlichen Maschinen.

Der Sicherheitsgurt ist eine der wichtigsten Maßnahmen zum Schutz vor schweren und tödlichen Unfällen mit landwirtschaftlichen Maschinen.

Die Stabsstelle für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz des Südtiroler Bauernbundes und das Arbeitsinspektorat der Landesabteilung Arbeit sind in ständigem Kontakt und versuchen, durch gezielte Kampagnen auf die Wichtigkeit der Maßnahmen zur Arbeitssicherheit aufmerksam zu machen. Erst kürzlich haben sich Stephen Gallmetzer Kaufmann vom Bauernbund und Martin Mair vom Arbeitsinspektorat zu einer Aussprache getroffen.­

In einem Punkt sind sich wohl alle einig: Jeder Arbeitsunfall ist ein Unfall zu viel. Wenn Betroffene und Zeugen einen Arbeitsunfall beschreiben, so fallen oft die Worte „unerwartet“ und „schnell“. Gerade in der Landwirtschaft, wo viele Handgriffe notwendig sind sowie Arbeitswerkzeuge und -maschinen verwendet werden, ereignen sich Arbeitsunfälle auf den Hofstellen, bei der Waldarbeit und/oder bei der Arbeit auf dem Feld. Es mag offensichtlich wirken, aber dennoch wird in den verschiedenen Präventionsberichten immer wieder erwähnt, dass die Weiterbildung der Landwirte und der landwirtschaftlichen Mitarbeiter von großer Wichtigkeit ist, wenn es darum geht, Unfälle zu verhindern. Beispiele dafür finden sich bei der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) ebenso wie bei der deutschen Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) und beim italienischen Arbeitsunfallinstitut INAIL. 

Alle haben schon Situationen erlebt, in denen man sich trotz Unsicherheit und fehlender Kenntnisse zur Nutzung bestimmter Geräte oder Arbeitswerkzeuge entschieden hat. Im Alltag mag dies auch eine recht unbedenkliche Vorgehensweise sein. In der landwirtschaftlichen Arbeit ist das unsachgemäße Bedienen von kleineren und größeren Arbeitsmaschinen und Großgeräten ein erheblicher Faktor für schwere Unfälle. 

Gerade aus dem Zusammenspiel von Mensch, Technik und Umwelt entsteht ein Unfallpotenzial, dass sich kaum mit anderen Branchen vergleichen lässt. Ein richtiger Umgang und auch Kenntnisse in den Bereichen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind hier ein absolutes Muss.

Schwere der Unfälle reduzieren

Laut der Beratungsstelle BUL haben viele Unfälle, von schweren Verletzungen bis hin zu Beinaheunfällen, das Potenzial, auch tödlich enden zu können. 

Arbeitsinspektor Martin Mair erklärt: „Über den Unfallausgang entscheiden hier oft nur wenige Zentimeter oder Sekunden, die nicht beeinflusst werden können. Eine wirkungsvolle Unfallprävention setzt daher nicht nur bei besonders risikoreichen Situationen, sondern über die gesamte Breite möglicher Risiken an.“

Grundvoraussetzung für die Gewährleistung der Arbeitssicherheit ist der Landwirt selbst. Dieser ist verpflichtet, für sich Sorge zu tragen. Zu seinen Aufgaben gehören die Ermittlung der Gefahren und die Umsetzung der Maßnahmen zur Sicherung seines eigenen Arbeitsplatzes und der landwirtschaftlichen Mitarbeiter. 

Die Landwirtschaft bleibt eine ­Branche, in der Arbeitsunfälle häufig vorkommen. Viele Unfälle lassen sich aber vermeiden oder zumindest in ihrer Tragweite reduzieren. Wichtig sind dafür ein gefestigtes Fachwissen und Schutzmaßnahmen, die auf die jeweiligen Aufgaben zugeschnitten sind.

Gefahren richtig ­einschätzen

Stephen Gallmetzer Kaufmann vom Bauernbund sieht auch andere Gefahrenquellen im Umgang mit Traktoren oder Erdbewegungsmaschinen: „Umwelteinflüsse wie das steile Gelände, dazu oft ein nasser und rutschiger Boden, der hohe Zeitdruck und nicht selten eine falsche Einschätzung der Gefahren können zu schweren Unfällen führen.“

Aus diesem Grund ist die Benutzung des Überrollbügels bzw. einer Sicherheitskabine und des Sicherheitsgurtes nicht nur irgendeine Pflicht, sondern kann vor allem dem Benutzer von landwirtschaftlichen Traktoren oder Erdbewegungsmaschinen beim Umkippen das Leben retten. „Weiters sollte man auch die Gefahren niemals unterschätzen, insbesondere dann, wenn Routine eintritt. Denn da kann es leider passieren, dass man nachlässiger wird“, warnt Gallmetzer Kaufmann.

Hohes Kipprisiko im Steilen

Der Versuch, vom umkippenden Traktor abzuspringen, endet nicht selten unter dem Traktor, da die menschliche Reaktionszeit meist länger ist als die Zeit, in der der Traktor kippt. In der Berglandwirtschaft erhöht sich das Kipprisiko bei der Arbeit im steilen Gelände um ein Vielfaches, da der Traktor einen relativ hohen Schwerpunkt hat und in Schräglage ab einer gewissen Neigung instabil ist. Auch in Hanglagen oder in der Nähe von Gräben ist das Kipprisiko hoch.

Überrollschutz und Sicherheitsgurt

Schon im vergangenen Jahr haben die Abteilung Arbeit und der Bauernbund eine Präventionskampagne zum Überrollschutz und zum Sicherheitsgurt gestartet. Ziel ist es, die Landwirte auf die Wichtigkeit des Überrollschutzes und des Sicherheitsgurts aufmerksam zu machen, da deren gleichzeitige Anwendung verhindert, dass der Fahrer unter dem kippenden Fahrzeug eingequetscht wird. Der Überrollbügel sorgt dafür, dass der Traktor im Falle eines Umkippens nicht mehr als eine Vierteldrehung (90°) macht, der Sicherheitsgurt sorgt für festen Halt. Einen gleichwertigen Schutz bietet auch eine geschlossene, genormte Traktorkabine. 

Die Anwendung dieser Schutzmaßnahmen wird zudem auch von den Arbeitsschutzbestimmungen (laut GVD 81/2008) vorgeschrieben. Demnach müssen alle Traktoren mit einem Überrollbügel oder einer genormten Fahrerkabine und einem Sicherheitsgurt ausgerüstet sein, unabhängig davon, ob sie von Arbeitnehmern, selbstständigen Landwirten oder Familienmitgliedern benutzt werden. 

Beispiele von Unfällen finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 9 des „Südtiroler Landwirt“ vom 13. Mai ab Seite 35, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.