Südtiroler Landwirt, Leben | 12.05.2022

Gefordert, aber nicht überfordert

Klare Entscheidungen und kleine Fluchten brauchen Direktvermarkter in ihrem fordernden Alltag. Alexander Agethle und Erwin Eccli wissen ein Lied davon zu singen. Was der eine schon kann und der andere noch lernen muss: konsequent auch mal Nein zu sagen. von Renate Anna Rubner

Erwin Eccli bei der Vinitaly: Selber zu produzieren und zu vermarkten bereitet ihm Genugtuung.

Erwin Eccli bei der Vinitaly: Selber zu produzieren und zu vermarkten bereitet ihm Genugtuung.

Alexander Agethle ist einer, der sich traut, unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. Gemeinsam mit seiner Frau Sonja bewirtschaftet er seinen Hof in Schleis und die dazugehörige Hofkäserei Englhorn.

Die Landwirtschaft hat er 2008 von seinem Vater übernommen, schon ab der Jahrtausendwende aber arbeitete er am Hof mit und entschied bald darauf, die Milch nicht mehr an den Milchhof zu liefern, sondern selbst zu verarbeiten. Gemeinsam mit dem Senn Max Eller fing er an, Rezepturen auszuarbeiten, zunächst für sechs Käsesorten. Übriggeblieben sind davon drei, ein Weich-, ein Schnitt- und ein Hartkäse, aus Rohmilch und gereift. „Wir bieten keine Frischeprodukte an, auch wenn Kundinnen und Kunden oft danach fragen“, erklärt Alexander Agethle. Die sogenannte „Weiße Linie“, also Frischkäse, Joghurt und dergleichen, sei von ihrer Haltbarkeit her viel schwieriger zu handhaben als gereifter Käse. „Auch wenn wir an einem Tag mal nichts verkaufen, schlafe ich trotzdem gut. Morgen geht es wieder besser“, weiß der Bauer, der bereits seit 20 Jahren Direktvermarkter ist.

Nachts ruhig zu schlafen, sich Auszeiten zu nehmen und bewusst abschalten zu können, war für Alexander und Sonja bei all ihren Entscheidungen wichtig. Deshalb haben sie die Käserei gleich in professionelle Hände übergeben, denn die Landwirtschaft, der ­Verkauf und die Verwaltung machen schon viel Arbeit. „Solange sich physische Arbeit und Verwaltung die Balance halten, bin ich ausgeglichen und zufrieden. Wenn ich nur am Computer beschäftigt wäre oder rein körperlich arbeiten müsste, würde mir das bald keine Freude mehr machen“, sagt der Bauer.

Die Hofkäserei Englhorn verarbeitet neun Monate im Jahr die Milch von insgesamt
16 Kühen, drei davon leben auf einem biologisch bewirtschafteten Nachbarbetrieb. In den drei Sommermonaten steht der Stall leer, die Tiere sind dann auf der Alm. „Der Almauftrieb ist für mich wie Weihnachten“, gibt Alexander Agethle offen zu, denn dann beginnt auch für ihn und seine Familie eine Auszeit. In der es natürlich trotzdem viel zu tun gibt: Das Heu muss eingebracht, der Getreideacker mit alten Sorten gepflegt und geerntet werden, und der Ab-Hof-Verkauf läuft auch weiter. Trotzdem bleibt im Sommer Zeit für die angenehmen Seiten des Lebens, dazu gehören für Alexander seine Schwimmrunde, das Reisen in andere Länder und natürlich der Familienurlaub. Täglich macht er einen kurzen Mittagsschlaf – zehn Minuten reichen schon – und seine Entspannungsübungen frühmorgens gleich nach dem Aufstehen. 

Kein Sprint, sondern Langstrecke

Alexanders Eltern und auch die Kinder Raphael (20), Caterina (17) und Ziehsohn Fabian (23) helfen zwar mit, besonders dann, wenn es Arbeitsspitzen zu kappen gilt. Der Betrieb lastet aber vor allem auf Alexanders und Sonjas Schultern. Da gilt es, gut hauszuhalten mit den Kräften. „In der Direktvermarktung ist die Euphorie anfangs immer groß“, weiß Alexander Agethle, dabei werde oft vergessen, dass man keinen Sprint, sondern einen Langstreckenlauf vor sich hat. Deshalb brauche es klare Entscheidungen, um sich nicht zu übernehmen – vom Arbeitspensum her aber auch finanziell. 

Die rund 7,5 Tonnen Käse der Hofkäserei Englhorn werden vorwiegend über den eigenen Hofladen und einen Händler verkauft, bald kommt auch noch die Bürgergenossenschaft Vinschgau als Abnehmerin dazu. „Wir sind mit unseren Produkten noch bei drei bis vier Jahrmärkten dabei, ansonsten machen wir aber weder Lieferungen noch Märkte“, erklärt Agethle. Auch Butter und Almkäse, die im Herbst von der Alm kommen, werden auf diese Weise an die Kundschaft gebracht.

Der Hofladen ist montags bis samstags geöffnet, immer vormittags. „Es kommt zwar immer wieder Kundschaft außerhalb der Öffnungszeiten auf den Hof, sich abzugrenzen ist sehr schwer“, sagt Alexander Agethle. Und auch wenn er und seine Familie sich oft schwertun damit, „freundlich, aber konsequent Nein zu sagen und die Leute auf die Geschäftszeiten hinzuweisen, hat das viel Druck genommen.“ So könne man sich am Nachmittag auf Landwirtschaft, Verwaltung und das ganze Drumherum konzentrieren. 

Auch das ist für den Bauern Lebensqualität. Und erleichtert es ihm, den Überblick zu bewahren und es einfach mal gut sein zu lassen. Seine Frau hilft ihm dabei. „Ich bin der Kreative, Unstetige, der immer viele Ideen hat und am liebsten alles und gleich umsetzen möchte. Meine Frau bricht diese Auswüchse dann auf die Realität herunter. So wird schnell deutlich, was für uns machbar ist und sinnvoll“, sagt Agethle. 

Pardellerhof: noch im Aufbau 

Am Pardellerhof in Marling haben sich Erwin Eccli und seine Frau Anita Mitterer eingerichtet. Anita hat den Hof von ihren Eltern übernommen, nachdem der Vater nach kurzer schwerer Krankheit gestorben war. Das war im Jahr 2014, Erwin erinnert sich gut an diese schwere Zeit: „Unsere Kinder Nora und Carl (heute 10 und 9 Jahre) waren damals noch klein, wir wohnten in einer Miniwohnung am Hof, hatten beide unseren Job in abhängiger Arbeit aufgegeben und mussten mit den neuen Umständen erst lernen zurechtzukommen.“ Irgendwie sei alles gegangen, aber es war nicht einfach damals. Für alle nicht.

Erwin Eccli stammt aus Salurn, hat die Oberschule für Landwirtschaft besucht und sich danach zum Önologen ausbilden lassen. Schließlich hat er für das Versuchszentrum Laimburg gearbeitet. Dort hat er auch seine Frau kennengelernt, die dort als Mikrobiologin für ein Projekt gearbeitet hat. Dass sie die Landwirtschaft übernehmen würde, war bald klar, ihre beiden Schwestern sind in anderen Berufen tätig. Für Erwin war das in Ordnung, auch er hatte Lust, den Hof zu bearbeiten.Trotzdem musste er sich das eingerostete Obstbauwissen aus der Schulzeit erst wieder erarbeiten. Sein Schwiegervater half ihm dabei, zu kurz war aber die Übergabezeit. 

Zunächst mussten Anitas Schwestern ausbezahlt werden, dann wurde der Hof umorganisiert und teilweise erneuert: Heute gibt es am Pardellerhof vier Ferienwohnungen, die junge Familie lebt in der Betriebswohnung im ersten Stock und die Schwiegermutter im Dachgeschoss. Früher hat der Pardellerhof Trauben und Äpfel an die Genossenschaft geliefert, für Anita und Erwin war aber gleich klar: Den Wein wollten sie künftig selbst einkellern und vermarkten. Dass das nicht einfach werden würde, war klar. Trotzdem gingen sie diesen Weg. „Natürlich gab es viel zu diskutieren“, sagt Erwin Eccli rückblickend, „aber in den grundlegenden Dingen waren Anita und ich uns immer einig. Der Bauer ist überzeugt: „Wir haben gemeinsame Vorstellungen und Ziele, das ist eine gute Basis.“

 Heute kümmert sich Anita vorwiegend um die Gäste, die Wohnungen und den ­Ab-Hof-Verkauf, Erwin um den Weinbau, den Keller und die Vermarktung. Inzwischen läuft beides recht gut, sie sind zufrieden. Den Obstbau haben sie abgegeben. Eine gute Entscheidung, weil nicht alles machbar ist, wie Erwin sagt. Denn nicht nur die Produktion, auch die Verwaltung verschlingt viel Zeit: Egal ob es um das Pflanzenschutz- oder das Weinregister, die Buchungen der Wohnungen oder die Rechnungslegung geht, die Bürokratie macht viel Arbeit“, sagt der Bauer. Trotzdem macht ihm die Direkt­vermarktung Freude: „Die Genugtuung ist natürlich eine ganz andere, seitdem wir unsere eigenen Weine produzieren und verkaufen“, erklärt Erwin. Und das auch noch mit ruhigem Gewissen. Ihm und Anita ist es wichtig, im Einklang mit der Natur zu wirtschaften: Sie vermeiden synthetische Stoffe im Anbau, egal ob beim Bindematerial oder im Pflanzenschutz, hauchen alten Strukturen neues Leben ein, beziehen die Energie aus Photovoltaik und die Wärme aus einer Stückholz­heizung, achten auf regionale Kreisläufe, sogar im Weinverkauf. So ist der Hof für sie stimmig.

Kleine Fluchten mit dem VW-Bus

„Als Direktvermarkter muss man flexibel sein“, sagt Erwin Eccli, der sich manchmal die Zeiten zurückwünscht, in denen er und Anita einfach abtauchen konnten. Und wenn es nur bis zum nächsten Morgen im Büro oder im Labor war. „Wir hatten uns vorgenommen, dass zumindest der Sonntag uns und der Familie gehören muss. Das schaffen wir manchmal, aber nicht immer“, gibt er zu. Zwar gibt es am Pardellerhof nur samstags An- und Abreise, aber für manche wochentags liegen gebliebene Arbeit muss leider oft der Sonntag herhalten. Büroarbeit,  eine Lieferung da, die eine oder andere Messe, schließlich müssen die 11.000 Flaschen Produktion ja auch verkauft werden. Trotzdem – oder gerade deshalb – haben sich Anita und Erwin 2018 einen Traum erfüllt und einen VW-Bus geleast, als Familien-, Freizeit- und Lieferwagen. Wenn es Samstagabend und ruhig wird am Pardellerhof, die neuen Gäste ihre Wohnungen bezogen haben und die Wünsche der Kunden erfüllt sind, packt die junge Familie ihre Siebensachen und verschwindet bis Sonntagabend. Das Handy muss zwar mit, „das ist mein Büro“, aber Anita und die Kinder wachen drüber, dass die Bürotür auch mal zugesperrt bleibt. 

Ein ergänzendes Interview mit Residenz- und Businesscoach Christine Viel finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 9 des „Südtiroler Landwirt“ vom 13. Mai ab Seite 29, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.