Marketing, Südtiroler Landwirt | 31.03.2022

Eine Chance: Verkauf direkt ab Hof

Der Südtiroler Bauernbund will die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit Direktvermarktung steigern. Hans J. Kienzl, Leiter der ­Abteilung Marketing, erklärt im Interview, wie diese Nische ausgebaut werden soll und welche Rolle dabei die Beratung spielt. von Renate Anna Rubner

Wer Rat braucht in der Direktvermarktung, findet ihn beim Südtiroler Bauernbund und weiteren Beraterinnen und Beratern. Foto: Frieder Blickle

Wer Rat braucht in der Direktvermarktung, findet ihn beim Südtiroler Bauernbund und weiteren Beraterinnen und Beratern. Foto: Frieder Blickle

Bäuerinnen und Bauern, die ihre Produkte direkt vermarkten oder es künftig tun möchten, brauchen Unterstützung auf allen Ebenen, sagt Hans J. Kienzl. Der Südtiroler Bauernbund hat deshalb in einer Broschüre einen Pool an Beraterinnen und Beratern zusammengestellt, der das gesamte Spektrum abdeckt: von der Ideenfindung über die Produktion und Verarbeitung bis hin zu rechtlichen, steuerlichen und hygienetechnischen Fragen, Marketing und Vermarktung. So solle aus einer Schwachstelle in der Direktvermarktung eine Stärke werden, lautet das ambitionierte Ziel. Die Broschüre „Gut beraten in der Direktvermarktung“ kommt in den nächsten Tagen per Post an alle Bauernhöfe Südtirols und liegt in den Bezirksbüros des Südtiroler Bauernbundes auf. 

Herr Kienzl, wieso soll es in Südtirol künftig mehr Direktvermarkterinnen und Direktvermarkter geben?

Hans J. Kienzl: Der Südtiroler Bauernbund sieht in der Direktvermarktung großes Potenzial. Einerseits gibt es vor allem junge Bäuerinnen und Bauern, die innovative Ideen und Lust haben, selbst zu verarbeiten und zu vermarkten. Andererseits haben wir ein Riesenpotenzial an Abnehmerinnen und Ab­nehmern, schließlich sind wir eine Tourismusdestination mit über 33 Millionen Nächtigungen pro Jahr und 530.000 Einwohnern. Dieses Potenzial können wir uns sukzessive erschließen. Dabei ist beim Lebensmitteleinzelhandel und in der Gastronomie noch reichlich Luft nach oben. Das gilt es zu bedienen und entsprechend aufzubauen.

Und wie soll konkret aufgebaut werden?

Die Direktvermarktung kann nur dann gut funktionieren, wenn wir es schaffen, alle Schwächen, die die Direktvermarktung heute noch hat, auszumerzen und ihre Stärken zu potenzieren.

Welche Schwächen sind das?

Eine Schwäche derzeit ist sicher noch die Ausbildung. Durch die Direktvermarkter-Akademie mit über 180 Stunden Umfang haben wir so etwas wie den Führerschein für die Direktvermarktung eingeführt.
Auch an Kommunikation und Vertrieb ist noch zu arbeiten. Wir haben verschiedene Ideen, wie wir in diesen Bereichen besser werden können. 

Ein weiterer Schwachpunkt ist sicher die Beratung: In der Landwirtschaft haben wir viel Know-how, das Bäuerinnen und Bauern in Anspruch nehmen können. Wenn die Kuh nicht mehr frisst, ruft man den Tierarzt, wenn die Melkmaschine nicht mehr funktioniert, gibt es einen Kundendienst, den man rufen kann. 

Für die Direktvermarktung gab es so einen Beraterpool bisher noch nicht, das ändert sich mit der Broschüre „Gut beraten in der Direktvermarktung“. Sie liefert Kontakte von ­Fachleuten unterschiedlichster Bereiche, die Bäuerinnen und Bauern anrufen und auf den Hof holen können, wenn der Schuh drückt. 

Wo bekommt man diese Broschüre?

Die Broschüre ist nun gedruckt und wird für den Versand vorbereitet: Sie wird an alle Mitglieder des Südtiroler Bauernbundes verschickt. Demnächst wird sie in den Briefkästen liegen. Darüber hinaus wird sie auch in den Bezirksbüros des Südtiroler Bauernbundes aufliegen. Wir hoffen sehr, dadurch einen großen Mehrwert zu schaffen: für bereits aktive Direktvermarkterinnen und Direktvermarkter und für Bäuerinnen und Bauern, die es noch werden möchten.

Für welche Themen gibt es Beratung?

Wir haben rund 70 Beratungsthemen eruiert und ihnen 50 Beraterinnen und Berater zugeteilt. Mit dieser Broschüre kann man also sagen: Egal, was produziert wird und wo es ein Problem oder eine Frage gibt, es gibt Beraterinnen und Berater, die man befragen bzw. auf den Hof holen kann. Das ist essenziell, um Bäuerinnen und Bauern Sicherheit zu geben, die Direktvermarktung auf ein neues Niveau zu hieven und auszubauen. 

Und falls jemand Fragen hat, die diese Fachleute nicht beantworten können, steht die Abteilung Marketing zur Verfügung, um die entsprechende Fachfrau/den entsprechenden Fachmann zu finden.

Was ist mit innovativen (Produkt-)Ideen?

Für Bäuerinnen und Bauern bietet die Abteilung Innovation & Energie Beratung zum Innovationsprozess an. Speziell auf dem Bereich der Produktveredlung liegt zurzeit ein Schwerpunkt. Damit soll in Zusammenarbeit mit NOI Techpark, Freier Universität Bozen und Versuchszentrum Laimburg Know-how für die Entwicklung neuer Produkte und Verfahren gesammelt werden.

Erste Anlaufstelle ist aber die Abteilung Marketing: Wieso?

Wir sind das Kompetenzzentrum für die bäuerliche Direktvermarktung in Südtirol. Wir klären für Interessierte schon vorab alle rechtlichen Fragen, zum Beispiel, wenn es um Ausbildung, Lizenzen, Etikettierung, ­HACCP und dergleichen geht. Wenn jemand auch einen Business- oder Finanzierungsplan braucht, ist die Abteilung Betriebsberatung in die Gespräche involviert. 

Und wir haben viel Know-how im Bereich Marketing, Produktentwicklung, Preisgestaltung, Kommunikation, das ist unser Kerngeschäft, hier können wir beraten. 

Für wen ist die Beratung zugänglich?

Alle Bäuerinnen und Bauern in Südtirol können die Beratung in Anspruch nehmen. Wenn sich jemand dazu entschließt, auch Mitglied der Marke „Roter Hahn“ zu werden, geht die Betreuung natürlich noch tiefer. Wir sind eine große Familie auf einer mit Werten beladenen Markenbühne: hochwertig, hochpreisig, exklusiv. Diese Bühne stellen wir unseren ­Mitgliedern gern zur Verfügung.

Wie viel kostet eine Beratung?

Wir versuchen, die Beratung so günstig wie möglich anzubieten. Institutionen wie der Beratungsring für Obst und Weinbau oder der Beratungsring Berglandwirtschaft BRING bieten sie für ihre Mitglieder kostenlos an. Daneben gibt es externe Beraterinnen und Berater, deren Dienst wir zu einem günstigen Betrag anbieten können.