Produktion, Südtiroler Landwirt | 17.03.2022

Können wir auf Nutztiere verzichten?

Nutztiere als Klimakiller oder doch eher ausbalancierendes Element im landwirtschaftlichen Kreislauf? Besonders ­Wiederkäuer haben einen schlechteren Ruf, als sie es verdienen, wurde bei der Vollversammlung des Beratungsrings Berglandwirtschaft BRING vorgerechnet. von Wilhelm Windisch, Technische Universität München

In einer ausbalancierten Kreislaufwirtschaft haben Wiederkäuer eine wichtige Rolle zu erfüllen, sagt Professor Wilhelm Windisch. Foto: Sennereiverband

In einer ausbalancierten Kreislaufwirtschaft haben Wiederkäuer eine wichtige Rolle zu erfüllen, sagt Professor Wilhelm Windisch. Foto: Sennereiverband

In der öffentlichen Diskussion wirft man landwirtschaftlichen Nutztieren oft vor, sie seien Nahrungskonkurrenten, Umweltverschmutzer und Klimakiller, allen voran die Wiederkäuer mit ihren Methan-Emissionen. In der Tat kann eine allzu intensive Tierproduktion zu solchen negativen Erscheinungen beitragen. Aber eine Landwirtschaft ganz ohne Nutztiere wäre ebenfalls höchst problematisch. Entscheidend ist die richtige Balance der Tierproduktion im Gesamtsystem der landwirtschaftlichen Kreislaufwirtschaft.

Die Weltbevölkerung wächst und gleichzeitig schrumpft die Verfügbarkeit der landwirtschaftlichen Nutzfläche pro Erdenbürger in bedrohlichem Ausmaß. Vor diesem Hintergrund geraten Nutztiere als potenzielle Nahrungskonkurrenten immer mehr in die Kritik. Dabei wird häufig vergessen, dass der allergrößte Teil der landwirtschaftlichen Biomasse vom Menschen gar nicht essbar ist. Es ist bei Weitem nicht nur die Biomasse, die auf absolutem Grasland wächst. Auch Ackerland liefert große Mengen an nicht essbarer Biomasse im Rahmen der Fruchtfolge (z. B. Kleegras), als Koppelprodukte (z. B. Stroh) sowie als Nebenprodukte aus der Verarbeitung von Ernteprodukten. Pro Kilogramm veganem Lebensmittel aus dem Handel fallen in der Landwirtschaft mindestens vier Kilogramm nicht essbare Biomasse an.

Nutztierfütterung bringt höchstwertige Nahrungsmittel

Die darin gebundenen Pflanzennährstoffe müssen wieder in den landwirtschaftlichen Kreislauf zurück. Bloßes Einarbeiten in den Boden ist ineffizient. Biogasproduktion und Nutzung der Gärreste als Dünger ermöglichen zwar ein effizientes Recycling, aber nur die Nutztierfütterung liefert darüber hinaus auch noch höchstwertige Nahrungsmittel. Der potenzielle Zugewinn an Nahrung ist der Produktion an veganen Lebensmitteln in etwa gleichwertig. Diese Leistung vollbringen insbesondere die Wiederkäuer. Beim Verzicht auf Nutztiere müsste der verlorene Zugewinn an Nahrung durch eine intensivere „vegane“ Produktion ersetzt werden. Dies erhöht unweigerlich die Umwelt- und Klimawirkung der insgesamt erzeugten Lebensmittel. Gleiches gilt auch umgekehrt für die Intensivierung der Tierproduktion, sobald essbare ­Biomasse verfüttert und/oder über das Mindestmaß der Fruchtfolge hinaus auf Ackerflächen zusätzliches Futter angebaut wird.

(Wenig) Rinder sind keine Nahrungskonkurrenten

Die Footprints (CO2-Äquivalente, Stickstoff-Emissionen, Landverbrauch usw.) der Bereitstellung von Nahrungseiweiß schneiden vor allem für Rindfleisch schlecht ab, Milch und Schweinefleisch liegen im Mittelfeld, während Hähnchenfleisch und Eier relativ niedrige Werte aufweisen. Diese sektorale Betrachtung ist jedoch irreführend, denn die Fütterung von Wiederkäuern beruht primär auf nicht essbarer Biomasse. Somit können Rindfleisch und Milch bis zu einer mittleren Leistungshöhe völlig ohne Nahrungskonkurrenz zum Menschen erzeugt werden. Unter diesen Bedingungen stellen die relativ hohen Footprints auch keine grundsätzliche Umweltbelastung dar, denn sie sind Teil des landwirtschaftlichen Stoffkreislaufs. Eine Ausnahme bildet das Methan, welches im Zuge der mikrobiellen Umsetzungen in den Vormägen der Wiederkäuer unvermeidlich entsteht. Es wird in der Atmosphäre zwar relativ rasch abgebaut (Halbwertszeit ca. 8 Jahre), ist in dieser Zeit jedoch durchaus klimawirksam.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 5 des „Südtiroler Landwirt“ vom 18. März ab Seite 81online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.