Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 17.03.2022

„Die Situation ist ­dramatisch“

Der Krieg in der Ukraine macht vielen Angst – nicht nur wegen der drohenden militärischen ­Eskalation, sondern auch wegen der konkreten wirtschaftlichen Folgen. Der Konflikt in Osteuropa bringt auch die Südtiroler Milchviehbetriebe in arge Bedrängnis. von Bernhard Christanell

Zwei- bis dreimal arbeiten, um einmal zu leben – das ist auf vielen Südtiroler Bergbauernhöfen mehr denn je bittere Realität. Foto: Mila

Zwei- bis dreimal arbeiten, um einmal zu leben – das ist auf vielen Südtiroler Bergbauernhöfen mehr denn je bittere Realität. Foto: Mila

Der Begriff „Krisensitzung“ war durchaus angemessen: Anfang vergangener Woche lud der Südtiroler Bauernbund Obmänner und Geschäftsführer der Milchhöfe und der Tierzuchtverbände sowie die Mitglieder des Landesbauernrates zu einer Aussprache an den Bauernbund-Hauptsitz in Bozen ein. Der Großteil der Teilnehmer war online zugeschaltet. Wichtigstes Thema: Analyse der aktuellen Situation der Südtiroler Milchbäuerinnen und -bauern. 

Preissteigerungen für Betriebe nicht zu stemmen

Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler brachte den Stand der Dinge eingangs auf den Punkt: „Am stärksten vom Krieg betroffen ist natürlich die Bevölkerung in der Ukraine, der unser tiefes Mitgefühl gilt. Aber auch unsere Bäuerinnen und Bauern befinden sich in einer sehr schwierigen Situation, die zunehmend dramatisch wird: Die Ukraine und Russland sind wichtige Futtermittel- und Energielieferanten, der Krieg in Osteuropa sorgt mittelfristig für Preissteigerungen, die für unsere Betriebe nicht zu stemmen sind!“

Die gedrückte Stimmung unter den Landwirten untermauerte Hermann Stuppner, der Leiter der Bauernbund-Betriebsberatung, mit Zahlen: „Die aktuellen und zu erwartenden Preissteigerungen werden schon im Jahr 2022 zu einem erheblichen Verlust von Liquidität für die Milchwirtschaftsbetriebe führen. Bei den rund 115 Beispielbetrieben, für die der Bauernbund die Buchführung macht, gehen wir im Schnitt von einem um 12.000 Euro geringeren Geldüberschuss und Gewinn aus und damit werden viele Betriebe in die roten Zahlen rutschen.“ 

Der Anteil des Gewinns am Ertrag eines Durchschnittsbetrieb, der in den 1970er-Jahren noch bei rund 35 Prozent und in den vergangenen Jahren rund um 20 Prozent lag, wird bei den untersuchten Betrieben allein in diesem Jahr auf zwölf Prozent sinken. Die Situation ist also wirtschaftlich sehr schwierig, auch für größere Betriebe, die in den vergangenen Jahren viel investiert haben und diese Investitionen nun abzahlen müssen.  

Die meisten Milchlieferanten kleiner als der Durchschnitt

Umso besorgniserregender: Bei den Betrieben, welche die Bauernbund-Betriebsberatung unter die Lupe nimmt, handelt es sich durchwegs um verhältnismäßig große Betriebe mit durchschnittlich 20 Milchkühen und 30 Großvieheinheiten (GVE). Der große Teil der Milchviehbetriebe in Südtirol ist bekanntlich wesentlich kleiner: „Die aktuellen Zahlen des Sennereiverbandes zur Lieferantenstruktur zeigen, dass über drei Viertel der Milchlieferanten nur rund 40 Prozent der Milch produzieren und dabei im Schnitt sieben bis acht Milchkühe halten“, berichtete Stuppner. Direktor Siegfried Rinner ergänzte: „Die Situation ist wirklich dramatisch! Die Zahlen, die wir heute hier gehört haben, sind für sich schon schockierend genug. Sie sind aber noch wesentlich besser als die Realität und liegen um rund ein Drittel über dem reellen Durchschnitt der 4600 Milchwirtschaftsbetriebe in unserem Land!“ 

Wenn es den größeren Betrieben schon schlecht geht, wie sollen dann die vielen Kleinstbetriebe überleben? Diese Frage stellten sich nicht nur jene, die an der Aussprache in Bozen teilnahmen. Auch eine aktuelle Umfrage unter Betrieben, die in den vergangenen Jahren die Milchlieferung eingestellt haben, beschäftigt sich damit – und mit den Motiven für den Ausstieg. Noch liegen nicht viele Ergebnisse zu dieser Umfrage vor, die ersten Rückmeldungen sprechen aber eine deutliche Sprache. Stuppner stellte erste Zahlen vor: „Es scheitert nicht an der Motivation zum Weitermachen und an der Freude an der Arbeit. Die Hauptargumente fürs Aufgeben sind der zu geringe durchschnittliche Lohn, die besseren Möglichkeiten zum Geldverdienen außerhalb des Betriebes und die zu hohen Kosten. Immer wieder wird deutlich, dass ein Nebenerwerb notwendig ist, um Investitionen am Hof zu tätigen.“ Die vielzitierte Aussage „Zwei- bis dreimal arbeiten, um einmal zu leben!“ ist also für viel zu viele Betriebe längst bittere Realität. 


Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 5 des „Südtiroler Landwirt“ vom 18. März ab Seite 14, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.