Südtiroler Landwirt, Leben | 21.12.2021

Unterwegs zu Gott und den Menschen

Noch nie sind so viele Menschen unterwegs gewesen wie in den vergangenen Jahren und ­Jahrzehnten, die Beweggründe sind ganz verschiedene. Sie können wirtschaftliche, materielle oder manchmal auch religiöse Ursachen haben von Thomas Stürz

Bei vielen Krippen muss man das eigentliche Geschehen – Maria, Josef und das Jesuskind – oft erst suchen.

Bei vielen Krippen muss man das eigentliche Geschehen – Maria, Josef und das Jesuskind – oft erst suchen.

Unzählige Menschen sind im Laufe eines Jahres unterwegs. Manche sind auf der Flucht, weil sie in der eigenen Heimat nicht mehr leben können und wollen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben und sich in der Fremde ein besseres Leben erhoffen. Andere machen sich auf den Weg, weil sie Ruhe und Erholung suchen und weil sie in einem anderen Land als dem eigenen Ferien machen wollen. Wer an der Autobahn oder an Durchzugsstraßen lebt, weiß, dass gerade in diesem Jahr die Zahl der Reisenden wieder stark zugenommen hat. Eine beachtliche Zahl von Menschen nutzt alle Jahre auch die Angebote des diözesanen Pilgerbüros. 

Dabei gibt es ganz unterschiedliche Beweggründe, mit einer Gruppe unterwegs zu sein. Unter den Teilnehmenden sind solche, die jährlich ausschließlich denselben Wallfahrtsort besuchen, weil sie dieser fasziniert und sie dazu eine besondere Verbindung haben. Andere hingegen wollen neue Ziele entdecken, die vom Pilgerbüro angesteuert werden, und schätzen dabei auch das religiöse Rahmenprogramm. Viele wollen beim Pilgern, Wallfahren und Reisen in der Gruppe auch im Glauben wachsen.

Besonders hilfreich kann das Pilgern auf den Spuren Jesu sein. Wer im Heiligen Land unterwegs ist, kann sich in verschiedene Erzählungen Jesu hineinversetzen lassen, sieht Ereignisse vor den eigenen Augen ablaufen, besonders wenn historische Orte besucht werden wie der See Genezareth oder die Grabeskirche in Jerusalem, Jericho in der Wüste oder der Ölberg bei Jerusalem.

Gott ist als Kind auf die Welt gekommen

„Das Wort ist Fleisch geworden“: So heißt es ganz lapidar im Weihnachtsevangelium, das der Evangelist Johannes verfasst hat. Damit drückt er aus, dass Gott als Kind auf die Welt gekommen ist. 

An diese besondere Tatsache erinnern sich die Christinnen und Christen aller Konfessionen in den kommenden Tagen und Wochen. Sie feiern die Geburt Jesu und freuen sich zu Recht über das Kind, das in der Krippe liegt. Sie freuen sich über Gott, der einer von ihnen geworden ist, weil durch die Geburt die alten Erwartungen der Menschen endlich erfüllt worden sind. 

Bei vielen Krippen in den heimischen Stuben und Wohnzimmern muss man oft ganz genau hinschauen, sich auch bücken, damit man das Geschehen im Mittelpunkt überhaupt entdecken und sehen kann. 

Viel eher fallen die Dinge schneller ins Auge, die sich bei Krippen normalerweise um den Stall herum abspielen. Da sieht man Schafe und Hirten, Handwerker und Händler, manchmal Musikanten, Menschen, die zu tun haben, Menschen, die unterwegs sind, Engel, die erscheinen, Tiere auf der Weide und sonst noch allerhand Leben. 

Das Ereignis im Stall ist meistens irgendwo im Hintergrund, obwohl es das wichtigste Ereignis in der ganzen Darstellung ist. Und deswegen muss man dieses besondere Ereignis erst suchen, damit man es überhaupt sehen und in der Folge betrachten kann.

Den Zugang zu Gott muss man erst suchen

Wer in Betlehem als pilgernder oder einfach nur als neugieriger oder als an Kunst interessierter Mensch in die Geburtskirche hineingehen will, um an die Stelle zu gelangen, wo die Tradition die Geburt Christi lokalisiert, muss zunächst auch einmal den Eingang zu diesem großen Gotteshaus suchen. 

Der Zugang zu dieser prächtigen und uralten Kirche ist nämlich recht eng und sehr niedrig. Der Eingang zur Geburtskirche in Betlehem ist nur 1,3 Meter hoch. An der Fassade der Kirche ist aber leicht zu erkennen, dass der Zugang einmal höher gewesen ist, wie es sich für eine große Kirche auch gehört. Immerhin verbirgt sich hinter dieser kleinen Eingangstür eine fünfschiffige Basilika aus dem 4. Jahrhundert! Angeblich aber wollte man verhindern, dass die Kirche durch Andersgläubige zu einem Stall umfunktioniert wird, wie es anderswo passiert ist, und hat dann das Tor einfach zugemauert. Bis heute ist nur dieser kleine Zugang zur Kirche geblieben. 

Selbst klein werden, um Gott zu finden

Dieser Eingang hat für die heutigen Menschen aber auch eine schöne symbolische Bedeutung. Alle müssen von ihrem hohen Ross heruntersteigen, die an die Stelle gelangen wollen, wo der Geburt Christi gedacht wird. Ob dies nun der einfache Pilger ist oder der Patriarch von Jerusalem. 

Dieses Kleinwerden ist vielleicht eine Tugend, von der man heute nicht mehr allzu viel hält. Wer will sich schon in der eigenen Bedeutung einschränken und sich freiwillig buchstäblich klein machen? 

Wenn man die Geburtskirche in Betlehem betreten hat und diesen niedrigen Eingang hinter sich gelassen hat, steht man zwar in der Basilika selbst, der Geburtsort Christi wird aber in einer kleinen Kapelle unterhalb des Altarraumes gezeigt. 

Man muss also mehrere Stufen hinuntersteigen und noch einmal einen kleinen Eingang überwinden. Und wer dort die Stelle berühren will, wo Christus geboren ist, muss sich schließlich gänzlich auf den Boden hinknien, um diese Stelle im Felsen überhaupt erreichen zu können.

Gott ist ganz zu den Menschen hinuntergestiegen

Gott ist Mensch geworden. Das, was in diesen Tagen festlich begangen wird, ist im Grunde genommen eine Zusammenfassung von dem, was man in der Geburtskirche in Betlehem bis zum heutigen Tag erlebt. Gott ist ganz zu den Menschen heruntergestiegen. 

Er, der Unendliche, hat sich ganz klein gemacht, um sich den Menschen anzugleichen. Er, der Allmächtige, wird Fleisch, wie es im Evangelium vom 25. Dezember heißt. Er wird hier auf der Erde hilflos wie ein Kind, um ganz bei den Menschen sein zu können.

Wenn Gott sich schon so klein macht, dann dürfen und müssen es ihm die Gläubigen gleichtun. Auch sie müssen sich bücken und klein machen. Nicht nur, damit sie das Jesuskind in der eigenen Krippe zu Hause sehen oder damit sie als Pilgerinnen und Pilger in die Geburtskirche hineinkommen. 

Die Botschaft von Weihnachten an sich heranlassen

Sie müssen sich klein machen, damit sie nicht überheblich werden und auch die anderen kleinen Menschen neben sich sehen. Sie müssen sich klein machen, damit sie die Botschaft von Weihnachten überhaupt noch an sich heranlassen. 

Pilgern und Wallfahren ist eine Übung auf diesem Weg. Das bedeutet nicht, sich selbst zu finden. Pilgernde und suchende Menschen sind eingeladen, sich klein zu machen, damit sie überhaupt verstehen können, wozu Gott fähig ist. Sie müssen sich klein machen, damit sie dann mit Gottes Hilfe das Große erkennen können, das er zu Weihnachten an den Menschen getan hat. 

Gemeinsam in die Fußstapfen Gottes steigen

Sich klein machen ist also nicht gleichbedeutend mit verlieren und nachgeben, sondern bedeutet – besonders zu Weihnachten –, dass alle versuchen, in die Fußstapfen Gottes zu treten. Wallfahren und Pilgern will im Grunde genommen also nichts anderes sein, als ein Hinführen zu dieser Haltung Gottes.