Produktion | 21.12.2021

Neues Geld-Potenzial ausschöpfen

Eine neue Form der regionalen Kooperation bietet interessante staatliche Fördermöglichkeiten für die ­Landwirtschaft und die Direktvermarktung in Südtirol. Was es mit den „distretti del cibo“ – auf Deutsch „­Nahrungsmittelbezirken“ – auf sich hat, schildert der folgende Beitrag.

Wer Produkte direkt vermarktet und Verarbeitungs- oder Verkaufsräume plant, könnte für die neue Fördermöglichkeit in Frage kommen. Foto: Roter Hahn, Frieder Blickle

Wer Produkte direkt vermarktet und Verarbeitungs- oder Verkaufsräume plant, könnte für die neue Fördermöglichkeit in Frage kommen. Foto: Roter Hahn, Frieder Blickle

In den nächsten Wochen wird die Südtiroler Landesregierung, dem Beispiel anderer Regionen folgend, voraussichtlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass auch hierzulande sogenannte Nahrungsmittelbezirke gegründet werden können. Damit wird der Zugang zu öffentlichen Förderungen über den sogenannten „Contratto di distretto“ ermöglicht.

Die Nahrungsmittelbezirke („distretti rurali“, „agroalimentari“) gibt es in Italien bereits seit 2001. Im Jahr 2017 wurden sie unter der Bezeichnung „distretti del cibo“ neu definiert. In erster Linie handelt es sich dabei um ein wirtschaftspolitisches Instrument, das darauf ausgelegt ist, die lokalen und regionalen Kreisläufe besser zu organisieren und zu unterstützen, die ländliche Entwicklung zu fördern sowie private und öffentliche Initiativen zu bündeln. 

Kooperation auf lokaler Ebene

Der Nahrungsmittelbezirk soll also einerseits die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure auf lokaler Ebene voranbringen und die Vermarktung der regionalen Produkte fördern, andererseits bildet er das Bindeglied zwischen dem Landwirtschaftsministerium und den einzelnen Landwirten im Zuge der Vergabe von öffentlichen Förderungen. 

In Südtirol könnte dieses neue Instrument dazu beitragen, die Herstellung landwirtschaftlicher Produkte und deren Direktvermarktung einen entscheidenden Schritt weiterzubringen. Der Südtiroler Bauernbund ist überzeugt, dass die Direktvermarktung der am Hof erzeugten Produkte ein großes Entwicklungspotenzial in der Südtiroler Landwirtschaft hat. Stichworte wie regionale Kreisläufe, kurze Transportwege, bewusste und gesunde Ernährung und Rückverfolgbarkeit der Waren treten sowohl beim Urlauber als auch bei der einheimischen Bevölkerung immer stärker in den Vordergrund. 

Die Anzahl der direktvermarktenden Betriebe in Südtirol ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Inzwischen vertreiben bereits über 80 Landwirte ihre eigenen Erzeugnisse unter der Marke „Roter Hahn“ und an die 100 Bauernhöfe bieten ihre Produkte auf Bauernmärkten zum Verkauf an. Daneben gibt es zahlreiche weitere Initiativen und Betriebe, die in der Direktvermarktung tätig sind. Das Sortiment ist dabei sehr breit gefächert und reicht von Kräutern, Freilandeiern, Obst und Gemüse über alkoholische Getränke, Säfte, Brot, Aufstriche und Soßen bis hin zu Fleisch- und Milchprodukten.

Direktvermarktung auf Kurs bringen

Trotz allem bleibt der Sektor jedoch noch weit hinter seinem Potenzial zurück. Gründe dafür sind neben den fehlenden finanziellen Mitteln in den Betrieben auch das fehlende Know-how, fehlende Innovationsimpulse, Schwierigkeiten bei der Wahl und Pflege der richtigen Vertriebskanäle, aber teils auch fehlendes Marketing und die ungenügende Kooperation mit der lokalen Gastronomie und Hotellerie. Ein Nahrungsmittelbezirk könnte einen wichtigen Beitrag zur Überwindung dieser Hindernisse leisten, nicht zuletzt durch die staatlichen Förderungen, die damit einhergehen könnten. Der Südtiroler Bauernbund verfolgt dieses Thema nun schon seit einiger Zeit und hat bereits die ersten Schritte zur Gründung eines Nahrungsmittelbezirkes in die Wege geleitet, unter anderem auch, um einen Teil der verfügbaren Gelder nach Südtirol zu holen. 

Was gefördert werden kann

Für diese staatlichen Förderungen kommen Investitionen von landwirtschaftlichen Unternehmen im Bereich der Primärproduktion, der Verarbeitung und der Vermarktung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Frage. Unter bestimmten Voraussetzungen wird auch die Vermarktung von nicht landwirtschaftlichen Produkten gefördert, beispielsweise von am Hof gebrautem Bier. 

Zugelassen sind Investitionen für den Erwerb oder den Bau von neuen Betriebsstrukturen, von Verarbeitungs- oder Verkaufsräumen, für die Erstellung von Dauerkulturen, für Bodenverbesserungsarbeiten, den Ankauf von Maschinen, Anlagen, Software und teilweise auch den Ankauf von landwirtschaftlichen Kulturflächen. Zudem können aber auch betriebs- und sektorübergreifende Maßnahmen wie Werbekampagnen, gemeinsame Veranstaltungen und Messen, Beratungen und andere Dienstleistungen, Forschungsprojekte und Studien gefördert werden. 

Voraussetzungen und Vorgangsweise

Die genauen Details zu den Voraussetzungen stehen noch nicht fest, da die neue Ausschreibung des Landwirtschaftsministeriums noch nicht veröffentlicht wurde. Auf Basis der Ausschreibungen der letzten Jahre lässt sich jedoch bereits sagen, dass die einzelnen Projekte einen relativ großen Umfang aufweisen müssen. Bisher war die Mindestinvestitionssumme pro Betrieb auf 100.000 Euro festgelegt, wobei Beitragssätze von voraussichtlich maximal 30 bis 40 Prozent und evtl. zusätzlich zinsbegünstigte Darlehen möglich sind. Nach Veröffentlichung der Ausschreibung müssen die einzelnen Investitionsprojekte in ein übergeordnetes Investitionsprogramm integriert und innerhalb weniger Monate dem Landwirtschaftsministerium zur Bewertung vorgelegt werden. Die eingereichten Projekte sollten dabei bereits konkret in Planung sein bzw. idealerweise kurz vor der Ausführung stehen. 

Bei Interesse an Teilnahme jetzt melden

Aufgrund des beschränkten Zeitrahmens ersucht der Südtiroler Bauernbund bereits jetzt all jene, die Interesse daran haben, Teil dieses Nahrungsmittelbezirkes zu werden, und/oder bereits konkrete Investitionsprojekte geplant haben, die unter die obigen Punkte fallen und nicht anderweitig gefördert werden können, sich an die Abteilung Marketing oder an die Abteilung Betriebsberatung im Südtiroler Bauernbund zu wenden, um die jeweiligen Möglichkeiten in einem persönlichen Gespräch auszuloten. Konkret sollen die Projekte in den nächsten vier Jahren umgesetzt werden.