Bauernbund, Südtiroler Landwirt | 24.11.2022

Braun vor Grün – leicht gesagt, schwer getan

Die Diskussionen über die Erweiterung der Gewerbezone Enzenberg bei Terlan reißen nicht ab. Nicht nur Bauern, auch zahlreiche Anrainer setzen sich zur Wehr – und fragen sich, wie solche Projekte mit vielbeschworenen Flächenzielen zusammenpassen. von Bernhard Christanell

Bei der Gewerbezone Terlan könnten bald die Bagger auffahren.

Bei der Gewerbezone Terlan könnten bald die Bagger auffahren.

Die Vorgeschichte ist seit Monaten in allen Medien, daher an dieser Stelle nur eine kurze Zusammenfassung: Michael Graf Goëss-Enzenberg beantragt bei der Gemeinde Terlan die Umwidmung von elf Hektar landwirtschaftlichem Grün in Gewerbezone, die Fläche grenzt direkt an die bestehende Gewerbezone Enzenberg in der Terlaner Fraktion Klaus an. 

Im Herbst 2021 startet der Gemeindeausschuss von Terlan das notwendige Verfahren für die Bauleitplanänderung. Nach dem OK mehrerer zuständiger Landesämter kommt im vergangenen Sommer das „Nein“ von der Landeskommission für Raum und Landschaft. Daraufhin zieht Goëss-Enzenberg seinen Antrag zurück, und die Gemeinde Terlan folgt ihm. 

Was aus dieser Fläche werden soll, ist bekannt: Das innovative und aufstrebende Technologieunternehmen Alpitronic soll hier einen neuen Sitz bekommen, der die gesamte Produktion sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – mittlerweile mehrere Hundert – an einem Ort vereint. Der Druck ist groß und durchaus verständlich: Alpitronic ist ein junges Südtiroler Unternehmen, das als Start-Up aus dem NOI Tech Park hervorgegangen ist und mittlerweile innovative Schnellladesäulen für Elektroautos produziert. Es wäre wohl ein schlechtes Zeichen für den Wirtschaftsstandort Südtirol, wenn ein solches Unternehmen gezwungen wäre, dem Land den Rücken zu kehren und seinen Standort woanders hin zu verlegen. Schließlich könnte Alpitronic auch die Chance bieten, hochqualifizierte Südtiroler Arbeitskräfte wieder zurück in die Heimat zu bringen. 

Die zuständigen Ämter der Landesverwaltung prüfen derzeit, ob das Gebiet für die Ausweisung einer Gewerbezone für strategische Ansiedlungen in Frage kommen kann – also ob es ein Gewerbegebiet von Landesinteresse wird: insgesamt fünf statt wie ursprünglich vorgesehen elf Hektar groß. 

Gegenwehr auf breiter Basis

Von Anfang an heftige Gegenwehr gegen das geplante Projekt zur Erweiterung der Gewerbezone Enzenberg kam von einer breit aufgestellten Initiativgruppe unter der Führung von mehreren Terlaner Bürgern: Einer davon ist Alexander Höller, bäuerlicher Gemeinderat in Terlan und Mitglied des Bezirksbauernrates im Bezirk Bozen. 

Er stellt klar: „Uns geht es nicht um das Unternehmen Alpitronic. Wir finden es gut und wichtig, dass es solche Unternehmen in Südtirol gibt. Wir wehren uns aber dagegen, dass für die Ansiedlung dieses Unternehmens neuer landwirtschaftlicher Grund versiegelt wird und damit unwiederbringlich verloren geht“, unterstreicht Höller. Es gebe genügend Alternativen für die Ansiedlung solcher Unternehmen, diese gelte es zu nutzen.

Die Initiativgruppe hat zum ersten Projekt – jenem zu elf Hektar – knapp 500 Unterschriften gesammelt und sich gegen die Erweiterung der bestehenden Gewerbezone Enzenberg ausgesprochen. Die Argumente: Die Zone sei verkehrstechnisch nicht gut angebunden und nur über die Terlaner Fraktionen Klaus und Siebeneich erreichbar, die eigentlich vom Verkehr entlastet werden sollten. In der Nähe der Zone befinde sich ein Trinkwasserbrunnen, der durch die Erweiterung möglicherweise gefährdet sein könnte. Besonders betroffen von der erweiterten Zone wären die Anrainer der Rubatschsiedlung, einer kleinen Häusergruppe in der Nähe der Gewerbezone. Diese hätten sich vor einigen Jahren ihre schönen Häuschen im Grünen gebaut und bekämen nun eine Fabrikhalle vor die Nase gesetzt. Nicht nur die Wohnqualität der Anrainer würde dadurch drastisch sinken, auch der Wert ihrer Immobilien. 

Verlust von wertvollem K­ulturgrund

Der wichtigste Grund, den die Initiativgruppe in ihrer Unterschriftensammlung nennt, ist aber der Verlust von wertvollem landwirtschaftlichem Kulturgrund. Dieses Argument – wie die vorhergehenden auch – lässt die Gruppe auch für das nun geplante, kleinere Projekt gelten: „Dass die Erweiterung nun nur fünf statt elf Hektar groß sein soll, ändert wenig an der Tatsache, dass die Zone dadurch auch in Zukunft für Unternehmen, die nach Flächen suchen, attraktiv bleibt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die restliche Fläche zur Gewerbezone wird“, befürchtet Höller.

Dass die Initiativgruppe – anders als mancherorts berichtet – nicht nur aus Bauern besteht, die „alles verhindern wollen“, ist Höller besonders wichtig: „Zu den Personen, die ihre Unterschrift unter unsere Argumente gesetzt haben, gehören Anrainer der Zone ebenso wie andere Bürger von Terlan, Vertreter ­verschiedener Interessensgruppen und Bürger aus anderen Gemeinden Südtirols. Wir sind sehr breit aufgestellt, weil wir das Problem dieser Erweiterung als beispielgebend für das ganze Land sehen“, erklärt Höller. 

Auch mittel- bis langfristige Folgen bedenken

Denn eine Gewerbezone wie jene in Klaus bringe mittel- bis langfristig noch viele weitere Probleme mit sich. Es gehe auch um die weitere Entwicklung der Gemeinde Terlan, und da sei eine solche Entscheidung auch für den Gemeinderat ein Problem: „Auf der einen Seite sollen wir uns Gedanken über die Zukunft unserer Gemeinde machen und einen Gemeindeentwicklungsplan vorlegen – und auf der anderen Seite sehen wir uns Großprojekten wie dieser Gewerbezone gegenüber“, bemängelt Höller. 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der neuen Gewerbezone hätten nach fünf Jahren Anrecht auf geförderten Wohnbau in Terlan – die Folgen für öffentliche Strukturen wie Kindergärten und Schulen im Dorf wären absehbar. 

Durch die geplante Erweiterung drohe Terlan seinen dörflichen Charakter zu verlieren und immer mehr zum verstädterten Vorort der Landeshauptstadt zu werden. „Das ist nicht die Entwicklung, die wir uns für unsere Gemeinde wünschen. Ich wünsche eine solche Entwicklung aber auch keiner anderen Gemeinde in unserem Land“, betont Höller.

Bleibt die Frage nach möglichen Alternativen: Wo können Unternehmen, die erfolgreich arbeiten und expandieren möchten, ihre Zelte aufschlagen? Die Initiativgruppe nennt einige Beispiele: „Es gibt verschiedene mögliche Standorte in Leifers, Auer und Neumarkt, die allesamt bestens an die Autobahn angebunden wären. Es gibt große, leerstehende Fabrikhallen in der Bozner Industriezone, die für solche Zwecke angepasst werden könnten. Und schließlich wäre da auch noch die MEMC in Sinich ...“ 

Leerstände erheben und sinnvoll nutzen

Wo es sonst noch im Land ungenutzte Leerstände gibt, versucht etwa auch die Plattform Land seit Jahren zu erheben. Auf der jüngsten Mitgliederversammlung (siehe „Südtiroler Landwirt“ Nr. 20, S. 20) berichtete Andreas Schatzer, der Präsident der Plattform Land, vom aktuellen Stand: „In 21 Gemeinden haben wir bisher die Leerstände erhoben. Dabei haben wir uns für eine landeseinheitliche Erhebung stark gemacht.“ In einem zweiten Schritt gehe es dann darum, diese Leerstände sinnvoll zu nutzen. 

Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler weist auf ein weiteres Problem hin: „Wir können Leerstände erheben wie viel wir wollen – solange es günstiger ist, auf der grünen Wiese neue Gewerbezonen zu errichten als aus leerstehenden Gebäuden Neues zu schaffen, kann man den Bauherren kaum einen Vorwurf machen“, erklärt
Tiefenthaler. 

Notwendig wäre ein Umdenken bei der Förderpolitik: „Wir müssten Anreize schaffen, damit es interessanter wird, bestehende Kubatur anzukaufen und daraus etwas zu machen. Warum schichten wir die Fördergelder, die in die Gewinnung von neuem Bauland fließen, nicht in die Wiedergewinnung bestehender Strukturen um?“, schlägt Tiefenthaler vor. Solange das nicht geschehe, werde das vielzitierte Prinzip „Braun vor Grün“ immer ein Wunschtraum bleiben.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 21 des „Südtiroler Landwirt“ vom 25. November ab Seite 4, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.