Südtiroler Landwirt, Produktion, Markt | 10.11.2022

Die Probleme am Berg – ein Fallbeispiel

Was bleibt am Ende des Tages? Die Freie Universität Bozen hat anhand eines extremen Bergbauernhofes analysiert, was er erwirtschaftet und was als „Lohn“ bleibt. Das Ergebnis ist ernüchternd. Und zeigt das Dilemma der Berglandwirtschaft. von Matthias Gauly, Thomas Zanon

Seit der Hofübernahmne im Jahr 1996 führt Josef Pranter akribisch Buch über Erlöse und Kosten.

Seit der Hofübernahmne im Jahr 1996 führt Josef Pranter akribisch Buch über Erlöse und Kosten.

Die Berglandwirtschaft steht nicht erst seit den letzten Monaten unter einem erheblichen wirtschaftlichen Druck. Im Gegensatz zum Glauben einiger landwirtschaftsferner Bürgerinnen und Bürger sind die im Durchschnitt erwirtschafteten Arbeitseinkommen schon lange sehr niedrig und liegen weit unter den landesüblichen Löhnen vergleichbarer Berufe. Beispielhaft wird im Folgenden ein solcher Hof dargestellt. Dadurch sollen die Probleme der Landwirtschaft im Berggebiet deutlich gemacht werden. Sollen solche Betriebe auch in Zukunft erhalten bleiben, braucht es Lösungen. 

Der vorgestellte Betrieb befindet sich in Winnebach an der unmittelbaren Grenze zu Osttirol. Er liegt auf 1430 Meter Meereshöhe und umfasst sieben Hektar Mähwiese sowie 20 Hektar Wald. Insgesamt werden am Betrieb 4,85 Großvieheinheiten in Anbindehaltung gehalten, davon vier Milchkühe der Rasse Fleckvieh mit einer durchschnittlichen Milchleistung von ca. 7000 Litern je Laktation mit 4,08 Prozent Fett und 3,05 Prozent Eiweiß. Die relativ niedrige Viehdichte entspricht der Philosophie des Betriebsleiters, wonach die Milch überwiegend auf Basis des selbst erzeugten Futters ermolken werden soll. Die Bewirtschaftung des Betriebes ist aufgrund der topografischen und klimatischen Gegebenheiten sehr schwierig, was sich auch in den 123 Erschwernispunkten widerspiegelt.  

Das Besondere des Betriebes ist nicht nur die außerordentlich schwierige Bewirtschaftung, sondern auch, dass der Betriebsleiter es sich zur Aufgabe gemacht hatte, seit der Übernahme des Hofes im Jahre 1996 akribisch alle Erlös- und Kostenpositionen zu notieren. Neben dem Eigeninteresse, die wirtschaftliche Situation des Betriebes genauestens zu kennen und zu überprüfen, war und ist es ein großes Anliegen des Betriebsleiters, seine Daten zu nutzen, um auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten klein strukturierter Bergbauernhöfe hinzuweisen. Dazu wurden neben dem Beratungsring Berglandwirtschaft BRING auch die Freie Universität Bozen hinzugezogen. Im Frühjahr dieses Jahres haben wir die Betriebsdaten erhalten und ausgewertet. Durch die einzigartige Datensammlung konnte die Entwicklung der finanziellen Situation über die Jahre sehr genau dargestellt werden. Dadurch werden die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Bergbäuerinnen und -bauern in Südtirol besonders deutlich. 

Wir stellen die Ergebnisse der Auswertung hier vor und setzen damit den Wunsch des Betriebsleiters um, eine neue Diskussion über die Zukunft der Berglandwirtschaft anzustoßen.

Die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation des Betriebes

Für die Auswertung wurden alle betriebsbezogenen Ausgaben und Einnahmen berücksichtigt. Gleichfalls wurden die Arbeitsstunden ermittelt, um den entsprechenden Stundenlohn zu ermitteln. Nicht einbezogen wurden dabei die vielen Arbeitsstunden, die von Familienmitgliedern und Bekannten vor allem während der Heuernte geleistet wurden. Wir überlassen es der Fantasie der Leserinnen und Leser, sich vorzustellen, wie die Zahlen danach aussehen würden.

In Abbildung 1 sind die Entwicklung der Kosten und Erlöse seit dem Jahr 1997 dargestellt. Bei genauerer Betrachtung könnte man diese in drei Zeiträume gliedern, nämlich die Jahre 1997–2011, die Jahre 2012–2017 und die folgenden Jahre 2018, 2019 und 2020. 

Die Jahre 1997–2011

Die Jahre zwischen 1997 und 2011 stellen gewissermaßen die Normalität des Betriebes dar. In diesem Zeitraum variierte der Gesamterlös, welcher vor allem auf den Erlös aus der Milchproduktion zurückzuführen ist, zwischen ca. 23.000 und 40.000 Euro. Ähnlich moderat variieren die Gesamtkosten, welche in diesem Zeitraum zwischen etwa 10.100 und 18.300 Euro schwankten. Eine gewisse Ausnahme stellt das Jahr 2004 dar. Die hohen Kosten dieses Jahres waren vor allem durch die höheren Ausgaben an Kraft- und Grundfutter sowie die höheren steuerlichen Ausgaben in diesem Jahr zurückzuführen. 

Der erarbeitete Stundenlohn liegt im Zeitraum der genannten Jahre durchgehend unter fünf Euro. Im schlechtesten Jahr waren es sogar weniger als drei Euro. Auf der Basis der Erlöse und Kosten konnten kaum Rücklagen gebildet und keine größeren Investitionen getätigt werden. Auch das spiegelt die Realität der Berglandwirtschaftsbetriebe gut wider.

Die Jahre 2012–2017

Im Zeitraum von 2012 und 2017 wird ein leichter Anstieg im Gesamterlös ersichtlich, welcher einerseits durch einen höheren Milch­erlös und andererseits durch zusätzliche Erlöse und Beiträge aus der Forstwirtschaft erklärt werden kann. Zudem ist auch ein Anstieg in den Produktionskosten ersichtlich, wobei die Fixkosten, vor allem bedingt durch Sozialabgaben, welche vor 2010 nicht gezahlt wurden, anteilsmäßig im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum deutlich zunehmen. Die erwirtschafteten Stundenlöhne steigen leicht an, bleiben aber deutlich unter den Löhnen vergleichbarer Gewerbe. 

Die Erlöse aus dem Holz wurden teilweise „erzwungen“, da sturmbedingte Verluste verkauft werden mussten. Dadurch waren die Arbeitszeiten aber auch länger, was in der Berechnung allerdings unberücksichtigt bleibt.

Die Jahre 2018–2020

Ab 2018 wird ein starker Anstieg an Beiträgen aus der Forstwirtschaft deutlich, was mit dem Sturmereignis Vaia im Jahr 2018 sowie starkem Schneedruck im Folgejahr erklärt werden kann. In diesen Jahren werden zwar deutlich bessere Arbeitslöhne erwirtschaftet, diese gehen aber darauf zurück, dass sturmbedingt Holz verarbeitet und verkauft werden musste. Und dies zu sehr ungünstigen Preisen. Gleichzeitig wird hier stark auf die Betriebsreserve (Wald) zurückgegriffen, die nun den kommenden Generationen nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Alleine die in diesem Jahr erzielten Gewinne müssten für notwendige Investitionen genutzt werden. Realistisch reichen sie aber kaum aus, wodurch die Zukunft des Betriebes als kritisch bezeichnet werden muss. Auch das ist kein Einzelfall in der Berglandwirtschaft.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 20 des „Südtiroler Landwirt“ vom 11. November ab Seite 66, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.