Produktion | 15.09.2022

Getreideanbau mechanisiert

Familienhotel, Gasthaus, Seilbahn und Bauernhof: Auf der Taseralm gehen Landwirtschaft und Tourismus Hand in Hand. Familie Gamper hat hier ein neues Projekt verwirklicht: Sie baut Getreide an und verarbeitet es. Was dabei nicht fehlen darf, ist innovative Technik – bei Saat, Ernte und Verarbeitung. von Renate Anna Rubner

Stripping nennt sich das Ernteverfahren, bei dem diese neue Maschine die Ähren von den Halmen rupft. Am Taser Hof wurde sie getestet.

Stripping nennt sich das Ernteverfahren, bei dem diese neue Maschine die Ähren von den Halmen rupft. Am Taser Hof wurde sie getestet.

Lange haben Josef und Martin Gamper auf diesen Tag gewartet. Heute ist es so weit: Das Getreide kann geerntet werden. Es ist ein sonniger Tag Mitte August, morgens um acht. Noch liegt die Taseralm im Schatten, ein Urlaubsgast führt seinen Hund Gassi, die Ziegen kauen Heu in ihrem Pferch, Spielplatz und Indianerdorf liegen (noch) verlassen da. Die Luft ist frisch, der Blick fällt in den sonnenbeschienenen Meraner Talkessel, den Vinschgau und ins Passeiertal hinein. Die Wiesen sind steil. Weiter hinten, nahe dem Wald, liegt das Getreidefeld, ebenso steil. Auf dem schmalen Weg darüber steht eine Maschine – funkelnagelneu. Es ist ein Prototyp der Firma Geier, die auf einem gängigen Geräteträger – einem Raupenfahrzeug – gebaut ist. Damit soll das Getreide geerntet werden. 

Auch die Techniker und Verantwortlichen des Landmaschinenherstellers sind da, für sie ist das heute ein Probelauf. Deshalb schwingt sich auch der Chef höchstpersönlich in den Sattel, nachdem die Männer kurz die Vorgehensweise diskutiert haben. Das Gefährt ist schwer, der Träger allein wiegt gute anderthalb Tonnen, der Aufsatz nochmal knapp eine Tonne. Mit einer Seilwinde muss deshalb gesichert werden. 

Sobald alle in Stellung sind, geht es los. Die Maschine macht ziemlichen Lärm, sie fährt wie ein Kamm durch das Getreidefeld und rupft die Ähren ab. „Stripping“ nennt sich dieses Verfahren, bei dem im Gegensatz zum Abmähen des Getreides das Stroh auf dem Acker bleibt. Am unteren Feldende warten zwei Gehilfen, die den Sammelbehälter in große Säcke entleeren, mit denen das Erntegut transportiert werden kann. Der Techniker kontrolliert, wie sauber die Maschine arbeitet, wie viele Körner ausfallen. Und er filmt, schließlich handelt es sich heute um eine wichtige Prämiere. Und um die Basis, auf der man künftig aufbauen wird: Schließlich soll die Maschine weiterentwickelt und optimiert werden. „Das Stroh kann später eingearbeitet oder vom Feld gekarrt werden“, erklärt Martin Gamper. Ideal für den Anbau in steilen Lagen. Dann können im September Winterroggen und Dinkel eingesät werden, die Vorarbeit für die nächstjährige Ernte. Auch die Einsaat wird mit der neuen Maschine gemacht, allerdings braucht es dazu einen anderen Aufsatz. Zunächst wurde eine Direktsaat versucht, das hat sich laut Josef Gamper aber nicht bewährt. Das Gras wurde zu hoch, eine Kleeeinsaat eignet sich wahrscheinlich besser. Langsam arbeiten sich Josef und Martin an den Anbau heran, sie probieren noch. Sobald sie mit Winterroggen und Dinkel klarkommen, sind auch andere Getreidesorten geplant, Emmer beispielsweise oder Gerste. 

Irene Holzmann, Beraterin für Getreideanbau beim Beratungsring Berglandwirtschaft BRING, war zwar nicht direkt in das Projekt involviert, kennt es aber gut. „Für den Getreideanbau eignen sich steile Lagen in der Regel nicht", sagt sie. Die Erosion sei hier der limitierende Faktor. Trotzdem oder gerade deshalb könne die Entwicklung von technischen Hilfen zum Anbau in steilen Lagen eine neue Perspektive für Berggebiete liefern. Die Direktsaat könne beispielsweise verhindern, dass durch Schnee oder Regen Boden abgetragen wird. Durch die Einsaat im September sei der Boden ganzjährig bewachsen und vor Erosion geschützt. Mit einem gängigen Mähdrescher könne ein solches Feld aber auf keinen Fall abgeerntet werden: „Der hat zwar den Vorteil, dass er Ernte und Drusch in einem abwickelt, ein normaler Mähdrescher kann aber in Steillagen gar nicht eingesetzt werden", sagt Holzmann. Daneben gibt es Mähdrescher mit Hangausgleich, die gewisse Höhenunterschiede auspendeln können. Bei großem Gefälle schaffen sie das aber nicht. Deshalb sei dieses alternative Ernteverfahren zwar aufwändiger, aber sinnvoll. „Die Maschine ist allerdings noch ein Prototyp, es bedarf also einiger Anpassungen", meint die Beraterin.

Die Anfänge auf der Taseralm

Im Jahr 1906 hat der Großvater von Josef Gamper den Taser Hof gekauft, als Almweide mit Hof und Wirtschaftsgebäude. Der eigentliche Hof der Familie lag in Algund. Bereits in den 1950er Jahren begann Familie Gamper, sich auch dem Tourismus zu öffnen: Damals wurde an Wanderer und Gäste ausgeschenkt. Während sich Südtirol als Urlaubsland entwickelte, wuchs auch dieses Standbein auf der Taseralm langsam.

Einen wichtigen Schritt setzte Josef Gampers Vater, als er die Materialseilbahn, die auf die Alm führt, vom Nachbarn abkaufte, verlängerte und später eine Personenseilbahn daraus machte. Etwa zeitgleich wurde das Gasthaus erweitert, in den späten 1960er Jahren kamen Gästebetten dazu. 

In diese Zeit ist Josef Gamper hineingeboren. Bald schon war klar, dass er übernehmen würde, sowohl den landwirtschaftlichen als auch den Gastronomiebetrieb und die Seilbahn. Schließlich war alles eine Einheit. Das hat Josef Gamper später geändert: Heute gibt es auf der Taseralm drei getrennte Betriebe: den geschlossenen Taser Hof, den Gastbetrieb mit Hotel, Bar und Gasthaus und die Seilbahn. Er führt sie gemeinsam mit seiner Frau Heidi und den Kindern Jacqueline (Jahrgang 1993), Manuela (2001) und Martin (2004). Die beiden Töchter arbeiten in der Gastronomie mit: Die ältere ist Küchenmeisterin und tüftelt an neuen Rezepten. Sie hat Grissini mit Hanf oder Ronen, Kräcker mit verschiedenen Saaten und Brotrezepte entwickelt. Die jüngere hat die Hotelfachschule mit Auszeichnung bestanden und bringt sich im Hotel ein. Der Jüngste, Martin, beginnt gerade das Maturajahr in der Fachschule Fürstenburg, sein Bereich ist die Landwirtschaft. Das Getreideprojekt liegt ihm ähnlich am Herzen wie seinem Vater.

Alle gemeinsam stehen sie in den Startlöchern: Geplant ist, künftig nicht nur aus dem Getreide das eigene Mehl, sondern auch Produkte daraus herzustellen und im neu gebauten Hofladen direkt zu vermarkten, Kräcker zum Beispiel oder auch Nudeln. „Brot interessiert uns für den Hofladen nicht“, meint Josef Gamper. Denn das müsse man immer frisch backen, der Umgang mit den Brot­resten mache die Sache noch komplizierter.

Gestartet im Jahr 2014

Gestartet hat Josef Gamper das Projekt eigentlich schon 2014: In dem Jahr hat er erstmals einen Acker angelegt und Getreide angesät, damals noch händisch. Geerntet wurde mit der Sichel, dazu hat er alte Bauern in der Umgebung um Hilfe und Unterweisung gebeten, er selbst konnte nicht damit umgehen. Zwei Jahre später wurde unter der Koordination von Fabrizio Mazzetto, Professor an der Freien Universität Bozen und Leiter des Agroforestry Innovation Lab im NOI Techpark, mit dem Forschungsinstitut Fraunhofer Italia das EFRE-Projekt begonnen. Es sollte eine Maschine für steile Lagen entwickelt werden, die sowohl Aussaat als auch Ernte mechanisiert. Mit dem Projekt „Brotweg“ realisierten die Projektpartner zudem die Innenausstattung für die Weiterverarbeitung des Getreides: Zum Dreschen wird das Getreide in den Vinschgau gebracht. Alle anderen Verarbeitungs-
schritte werden auf dem Taser Hof abgewickelt.Geplant ist aber auch der Ankauf einer Dreschanlage. Das Reinigen der Körner, die Nachtrocknung falls nötig, beim Dinkel das Entspelzen, die Lagerung und das Mahlen, all das wird direkt am Hof gemacht. 

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 16 des „Südtiroler Landwirt“ vom 16. September ab Seite 55, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.