Produktion, Südtiroler Landwirt, Markt | 09.06.2022

Humus, Balsam für den Boden

Was Humus alles kann, war Thema des ersten Bodensymposiums in Terlan. Er sorgt für gute Bodenstruktur, Fruchtbarkeit und Stabilität. Was ihn wegen der Klimaerwärmung zudem interessant macht: Humus bindet Kohlenstoff. Was aber nicht bedeutet, dass er die CO2-Emissionen kompensieren kann. von Renate Anna Rubner

Ein humoser Boden ist fruchtbar und strukturstabil: eine ideale Basis für gesundes Pflanzenwachstum. Foto: Pixelio/Sabine Weiße

Ein humoser Boden ist fruchtbar und strukturstabil: eine ideale Basis für gesundes Pflanzenwachstum. Foto: Pixelio/Sabine Weiße

Humus ist der zentrale Parameter für die Bodenfruchtbarkeit: Er dient als Wasser- und Nährstoffspeicher, gibt dem Boden Struktur, sorgt für gute Porung und Durchlüftung. Humus ist die Gesamtheit an organischer Substanz im Boden, die ständig um- und abgebaut wird. Es sind zwei Fraktionen zu unterscheiden: Nähr- und Dauerhumus. 

Während Nährhumus rasch abgebaut werden kann und den Pflanzen Nährstoffe liefert, ist Dauerhumus stabil, bindet Kohlendioxid und wird dadurch zur Kohlenstoffsenke, wie Christopher Poeplau vom Thünen-Institut Braunschweig erklärte. Der Leiter der Arbeitsgruppe Bodenmonitoring sprach beim ersten Südtiroler Bodensymposium über „Humus und seine Funktionen in landwirtschaftlichen Ökosystemen“. Das Symposium, das am 27. Mai im Raiffeisensaal in Terlan stattfand, wurde vom Versuchszentrum Laimburg und der Freien Universität Bozen organisiert und vom Beratungsring für Obst- und Weinbau, Felderer Ecorecycling, vom Südtiroler Apfelkonsortium und dem Konsortium Südtirol Wein unterstützt. 

Poeplau erklärte: „Im Oberboden, das sind die oberen 30 Zentimeter, gibt es am meisten Humus, 60 Prozent des Kohlenstoffs sind darin gespeichert. Aber es zeigen sich große Unterschiede, Grünland weist mehr organische Substanz auf als Ackerboden.“ 

Boden hat ein Gedächtnis

Als sein Forscherteam sich auf die Suche nach den Ursachen für die Schwankungen im Humusgehalt der Böden machte, analysierten sie Böden bis ein Meter Tiefe, die als Acker, Dauergrünland oder für Sonderkulturen genutzt werden. Das Ergebnis: Der Kohlenstoffvorrat ist in Agrarökosystemen größer als im Wald. Woher die Variabilität zwischen den Böden kommt, konnte aber nicht ganz geklärt werden. „Viel ist Historie. Der Boden hat ein Gedächtnis“, resümierte der Wissenschaftler. Man habe aber festgestellt, dass die Bewirtschaftung kaum Einfluss auf den Humusgehalt hat, die wichtigsten Einflussfaktoren sind der Tongehalt, das Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnis, der Sauerstoffgehalt und die Grundwasserstufe. Die Inventur soll 2023 wiederholt werden, um festzustellen, wie stabil der Humusvorrat ist.

Humus braucht Futter

Humus braucht Futter, also organische Substanz, die ihm zugeführt werden muss. Und er hat, so Poeplau, großes Potenzial für negative Emissionen: Deshalb sei der Plan, den Bodenkohlenstoff alljährlich um vier Promille zu heben, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. „Man muss sich dabei aber auf Böden konzentrieren, die noch Kohlenstoff aufnehmen können.“ Dabei sei zu bedenken: „Organische Düngung ist keine Netto-CO2-Bindung, sondern eine Umverteilung“, unterstrich der Wissenschaftler. Zudem sei Humusaufbau reversibel und zeitlich begrenzt. 

Welchen realistischen Beitrag kann der Boden leisten?

Walter W. Wenzel, Professor für Bodenschutz und Bodenkultur an der Boku Wien erläuterte in seinem Vortrag das Thema „Humusmanagement im Klimawandel“. Er ging der Frage nach, welchen realistischen Beitrag der Boden zum Klimaschutz leisten kann und stellte konkrete Überlegungen für eine stärkere Kohlenstoffbindung an: So sollte beispielsweise im Grünland der Umbruch vermieden, ein höherer Leguminose-Anteil und eine optimale – sprich mittlere – Beweidungsintensität angestrebt werden. Im Ackerbau dagegen könne Biokohle ein Lösungsansatz sein, aber nur in wenig humosen, leichten, sandigen Böden. Auch das Ausgangsmaterial müsse gut überlegt werden, damit ihr Einsatz Sinn machen kann. Zudem können Begrünungen und begleitende Gehölze zur Kohlenstoffbindung im Ackerbau beitragen. Die hätten zudem landschaftlich einen positiven Effekt, meinte er.

Bodenkartierung: In Südtirol noch Aufholbedarf

Martin Thalheimer vom Versuchszentrum Laimburg gab einen Einblick in die Geschichte der Bodenkunde in Südtirol: „Der erste bodenkundliche Aufsatz geht auf das Jahr 1923 mit dem Thema ,Die Böden unserer Gegenden‘ zurück und ist in der Zeitschrift ,Der Schlern‘ erschienen.“ Darin wurde bereits der Zusammenhang zwischen dem Ausgangsgestein und der Fruchtbarkeit von Böden gezogen. Bis heute gebe es zwar eine ganze Reihe Analysen und Erhebungen von Bodendaten in verschiedenen Gegenden Südtirols, eine flächendeckende Kartierung, wie sie beispielsweise für das Trentino vorliegt, gebe es aber (noch) nicht. Es gelte nun, die einzelnen Datensätze zusammenzuführen und mit den noch fehlenden zu ergänzen. 

Emissionen senken

Die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Böden, Humus, carbon farming: Chance für Südtirol?“ wurde von Tanja Mimmo, Leiterin des Kompetenzzentrums für Pflanzengesundheit an der Freien Universiät Bozen, moderiert. Dabei kamen nicht nur Wissenschaftler zu Wort, auch aus dem Publikum kamen viele Wortmeldungen und Fragen: Georg Niedrist von Eurac Research meinte: „Carbon Farming macht mich zunehmend skeptisch. Metastudien zeigen, dass durch Humusaufbau maximal fünf Prozent der Kohlendioxid-Emissionen aus der Landwirtschaft gebunden werden können.“ Es müssten vor allem die Emission reduziert werden, carbon farming sei nicht die Lösung für das CO2-Problem. Sinnvoller sei es, beispielsweise an klimaneutralen Verpackungen zu arbeiten oder den Viehbesatz zu senken. 

Walter W. Wenzel ergänzt: „Ich teile diese Skepsis, auch weil der Aufwand enorm ist, um die effektive Kohlendioxid-Bindung durch Humusaufbau zu messen, viele Sequestrierungs­leistungen sind nämlich reversibel.“ Eher müsse die Politik Grenzen einziehen, die dürften aber nicht allein von den Landwirten getragen werden, die Konsumenten müssen sie mittragen. Und Christopher Poeplau unterstrich: „Die Humusanreicherung geht sehr langsam, ihr Potenzial für die Kohlenstofffixierung ist klein.“ Humus aufzubauen, zahle sich aber trotzdem aus, weil er den Boden verbessert. 

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 11 des „Südtiroler Landwirt“ vom 10. Juni ab Seite 45, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.