Südtiroler Landwirt, Leben | 28.10.2021

Der Abschied, ein heiliger Moment

Wenn der Tod ins Leben tritt, bricht alles weg. Woran kann man sich dann noch festhalten? Solche Fragen zu beantworten, hilft Gabriela Mair am T­inkhof. Der Sterbe- und Trauerbegleiterin liegen dabei vor allem die ­Kinder am Herzen, „denn sie können an solchen Krisen wachsen“. von Renate Anna Rubner

Zum Leben gehören Verlusterfahrungen. Und der Tod. Sterbe- und Trauerbegleitung hilft dabei, an solchen Krisen zu wachsen. Foto: Renate Anna Rubner

Zum Leben gehören Verlusterfahrungen. Und der Tod. Sterbe- und Trauerbegleitung hilft dabei, an solchen Krisen zu wachsen. Foto: Renate Anna Rubner

Gabriela Mair am Tinkhof (Jahrgang 1978) war 13 als sie zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wurde. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Als später ihre kleine Tochter nach längerem Leiden starb, war das für sie ein unbeschreibliches Erlebnis. Und der Moment, in dem die alten Mechanismen, mit solchen Ausnahmesituationen umzugehen, nicht mehr griffen. 

Durch diese Krise und ein deutliches Zeichen von außen hat sie begonnen, sich mit Vergänglichkeit, Tod und Trauer auseinanderzusetzen und eine Ausbildung zur Trauer-, Krisen- und Sterbebegleiterin gemacht. Die Mutter einer Dreizehnjährigen sagt heute: „Die Beschäftigung mit dem Tod hat mich ins Leben zurückgebracht.“ Um auch andere dabei zu unterstützen, Verlusterfahrungen zu verarbeiten und Krisen aktiv anzugehen, hat sie Farfallina gegründet – eine Anlaufstelle für Erwachsene, die Begleitung suchen im Sterben und im Trauern, vor allem aber für Kinder und Jugendliche, deren Bedürfnisse und Fragen mit ihren Gefühlen oft alleine bleiben.

Südtiroler Landwirt: Frau Mair am Tinkhof, wenn ein Kind oder Elternteil schwer krank wird, was bedeutet das für eine Familie?

Gabriela Mair am Tinkhof: Das bringt Familien natürlich in existentielle Nöte. Ängste auf jeder Ebene brechen durch: Angst vor der Krankheit, Angst um sich selbst und um die (anderen) Kinder. Vor allem wenn es ins Sterben geht, kommt auch Ohnmacht dazu, das lähmende Gefühl, nichts mehr tun zu können. 

In Familien versucht man dann oft, die Kinder so lange wie möglich zu schützen, um sie nicht zu belasten.

Sie plädieren also dafür, die Kinder mit der Wahrheit zu konfrontieren?

Also, übers Sterben der liebsten Menschen im Umfeld soll man erst dann mit den Kindern reden, wenn der Tod auch von medizinischer Seite angesprochen wird. Solange es eine Heilungschance gibt, würde ich nie übers Sterben reden mit den Kindern. 

Aber es muss uns klar sein, dass Kinder viel mehr mitkriegen, als wir denken. Wenn zum Beispiel die Eltern darüber reden. Oder außerhalb des Elternhauses – da wird mit dem Thema oft wenig sensibel umgegangen. Dann kann es schon vorkommen, dass Kinder von Nachbarskindern mit Aussagen konfrontiert werden wie „Stimmt es, dass deine Mami bald sterben muss?“. Die Gefahr dabei ist: Wenn Kinder die Realität von jemand anderem erfahren, erleben sie das als großen Vertrauensverlust. 

Was raten Sie?

Ich weiß, dass es schwer ist, sehr schwer sogar. Aber: Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit. Aber kindgerecht muss sie sein. 

Ein Beispiel: Die Mama hat einen Tumor. Also erklärt man den Kindern, dass die Mama krank ist, dass sie jetzt oft ins Krankenhaus wird gehen müssen, dass sie Medikamente bekommt. Dabei die Krankheit nicht überbetonen, aber auch nicht kleinreden. Und erklären, dass auf die Familie eine schwierige Zeit zukommt. Aber dann nicht vergessen, Zuversicht zu vermitteln: Indem man den Kindern erklärt, dass die Mama gut betreut ist. Dass die Ärzte ihr helfen. Und dass auch die Familie auf Hilfe zählen kann: durch Verwandte, Bekannte, Freunde, je nach dem. Mit der Botschaft: Wir schaffen das! 

Wichtig ist auch, dass man die Kinder nicht alleine lässt. Ihnen immer wieder den Raum gibt zu reden oder Fragen zu stellen. Man darf nicht versuchen, den Kindern alles abzunehmen. Vielmehr können sie groß werden und daran reifen, wenn man ihnen die Wahrheit auch zumutet. Denn sie werden in ihrem Leben viele Krisen erleben und Verlusterfahrungen machen: Freundschaften, die aufhören, ein Schulwechsel, die Pubertät an sich, das sind alles Verlusterfahrungen … 

 

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 19 des „Südtiroler Landwirt“ vom 29Oktober auf Seite 33 oder online auf „meinSBB“.