Südtiroler Landwirt, Leben | 30.09.2021

Die unscheinbare Saat

Sie brennt, sie heilt, sie schmeckt: Die Brennnessel kennen alle als unangenehme Gesellin, als vielseitige Heilpflanze und ­gesundes Wildgemüse. Was aber ihre Samen so draufhaben, weiß kaum jemand. Höchste Zeit, das zu ­ändern! von Renate Anna Rubner

Aus den weiblichen Blüten der Brennnessel entstehen ab etwa August Samen, die echtes heimisches Superfood sind. Foto: Agrarfoto

Aus den weiblichen Blüten der Brennnessel entstehen ab etwa August Samen, die echtes heimisches Superfood sind. Foto: Agrarfoto

Brennnesselknödel, -omelette oder -lasagne sind inzwischen salonfähig geworden. Kaum jemand verzieht noch den Mund oder wundert sich groß, wenn Brennnesseln als Gemüse auf den Tisch kommen. Im Gegenteil, manche sammeln die jungen Blätter selber, um sie in ihrer Küche zu verarbeiten. 

Oder daraus entwässernde und entzündungshemmende (Blasenleiden!) Tees zu kochen. Ideal dafür sind die jungen Brennnesselblätter, die frisch aufgebrüht und mit einem Spritzer Zitronensaft verfeinert sogar einen recht angenehm schmeckenden Durstlöscher hergeben. 

Aber die Brennnessel hat mehr zu bieten als nur ihre Blätter: Es sind die Samen der Pflanze, die jetzt reif sind und nicht nur fein nussig schmecken, sondern auch sehr gesund sind – und gratis obendrein!

Leinen der armen Leute

Die Brennnessel gehört zur Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) mit über 50 Gattungen und etwa 2625 verschiedenen Arten, die praktisch weltweit vorkommen. Fast überall bei uns findet man die Große Brennnessel (Urtica dioica) und die Kleine Brennnessel (Urtica urens), seltener die Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis) oder die Pillen-Brennnessel (Urtica pilulifera)

Der Gattungsname Urtica leitet sich vom lateinischen „urere“ (brennen) ab, die Bezeichnung Nessel stammt vermutlich vom mittelhochdeutschen „nezzel“, weil die Fasern der Pflanze zu Textilien verarbeitet werden können. Denn Stoffe aus Brennnesseln gab es bereits vor Jahrtausenden, wofür es aus vielen Regionen Beispiele gibt. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lebte das Interesse an der heimischen Faserpflanze auf: Baumwolle war damals knapp, deshalb besann man sich auf heimische Faserpflanzen. Um 1900 galt die Nessel als das „Leinen der armen Leute“.

Auch als Färberpflanze war die Brennnessel früher bekannt: Sowohl die Wurzel als auch die Blätter kamen dabei – nach einer Vorbeize – zum Einsatz. So konnte Wolle mit der Wurzel gelb und mit den Blättern grün gefärbt werden. Weil der Prozess aufwändig ist und der Erfolg stark davon abhing, zu welchem Zeitpunkt die Pflanzenteile gesammelt wurden, ist diese Art des Färbens großteils in Vergessenheit geraten.

Die Kieselsäure ist schuld

Das Brennen beim Kontakt mit Brennnesseln entsteht durch das Abbrechen der mit Kieselsäure angereicherten, glasartigen Brennhaare, die auf der Pflanzenoberfläche sitzen. Sie dringen in die Haut ein und geben dort Histamin, Ameisensäure und Acetylcholin frei. Diese Abwehrreaktion gilt eigentlich Fressfeinden, wer Brennnesseln näher kommt, bekommt sie aber auch zu spüren. Ein kleiner Tipp: Gegen den brennenden Schmerz hilft, schnell Spitzwegerich aufzulegen.

Die Brennnessel braucht man nicht anpflanzen: Sie sucht die Nähe des Menschen und wächst praktisch überall. In einem Naturgarten sollte immer auch für Brennnesseln Platz sein: Nicht nur weil sie in der Küche und als Heilmittel wertvoll ist, sondern auch für Tiere ein Zuhause und Nahrung bietet. So bietet sie Raupen von rund 40 heimischen Schmetterlingen Nahrung.

Wer die Blätter der Brennnessel verwenden will, pflückt sie am besten bei zunehmendem Mond, die Wurzeln bei abnehmendem und die Samen vorzugsweise bei Vollmond.

Die Brennnessel ist eine Zeigerpflanze für stickstoffhaltige Böden. Sie blüht von Juli bis Oktober, ab August hängen bereits die ersten Samenrispen an den Pflanzen. Dort reifen sie bis in den Oktober, November hinein. Die weiblichen Pflanzen bringen viele Früchte. Man erkennt sie daran, dass die Rispen schwer herunterhängen. Bei den männlichen Brennnesseln dagegen bilden sich keine Samen aus: Sie tragen zwar ähnliche Rispen wie die weiblichen, sie sind aber weniger dicht (mit Pollenkapseln) behangen und wachsen deshalb aufrecht. So kann man sie gut voneinander unterscheiden und erntet nicht die falschen „Samen“.

Kleine Kraftpakete

Schon die Römer wussten: Brennnesselsamen sind ein Aphrodisiakum. Vielfach werden sie heute noch als Wiesen-Viagra bezeichnet. Darüber hinaus stärken sie die Prostata. Interessant sind sie aber auch für Frauen, da sie den Östrogenspiegel heben und so bei Menstruationsbeschwerden helfen und in den Wechseljahren harmonisierend wirken und die entsprechenden Beschwerden lindern. 

Brennnesselsamen sind voll von pflanzlichen Hormonen, gesunden Fetten, Mineralien (Kalium, Kalzium und Eisen), Vitaminen (Vitamin A, B, C und E) und Eiweiß. Ein echtes Superfood, das überall wächst, gesund ist und vital macht: Sie helfen bei allgemeiner Müdigkeit, Erschöpfung und Leistungsschwäche. Wegen ihres hohen Eiweißgehaltes sind sie für Sportlerinnen und Veganer besonders zu empfehlen. Außerdem sollen Brennnesselsamen für starkes, glänzendes Haar sorgen, Carotinoide und Chlorophyll unterstützen zudem die Sehkraft. 

Frisch am gesündesten

Brennnesselsamen kann man natürlich frisch essen, egal ob sie noch grün sind oder schon reif und braun: Wer bei einem Spaziergang am Wegesrand ein paar Samen abzupft, kriegt die volle Ladung an Inhaltsstoffen. Auf einem Butterbrot geben die frischen Samen einen besonders intensiven Geschmack. Oder man verarbeitet sie in einem Smoothie oder in einem Wildkräuterpesto, wo sie ihren vollen Geschmack entfalten können.

Man kann Brennnesselsamen aber auch sammeln und aufbewahren: Dazu eignen sich vor allem die reifen Samen, die gut getrocknet und gemixt zum Verfeinern von Salaten, Soßen, Dips und dergleichen verwendet werden können. Oder im Verhältnis eins zu eins mit Salz zu einem ganz speziellen Kräutersalz gemischt werden.

Wer nun Lust bekommen hat, die kleinen Kraftpakete für sich zu holen, sollte ein paar Tipps für die Ernte befolgen: Wie beim Sammeln der Blätter sollte man Handschuhe anziehen, besonders wenn man empfindlich ist. Dann können die Samenstränge der oberen Triebe mit einer Schere abgeschnitten und in einem Korb oder einer Schüssel gesammelt werden. 

Wenn die Samen noch nicht ganz reif sind, muss man sie nachtrocknen, denn sie schimmeln leicht: Flächig auf einem Backblech oder einem Gitter ausgelegt und an einem trockenen, luftigen Ort aufbewahren, bis die Samen von selbst von den Rispen fallen. Dann im Mixer pulverisieren und in lichtgeschützte Gläser füllen. Und schon sind Sie gerüstet für den Winter!

Heilpflanze des Jahres 2022

Übrigens: Für 2022 hat der Naturheilverein Theophrastus die Große Brennnessel zur Heilpflanze des Jahres ernannt. Von der Brennnessel wird das gesamte Kraut einschließlich der Wurzel therapeutisch genutzt. Paracelsus wusste schon vor 500 Jahren: „Wenn man sie kocht und mit Pfeffer oder Ingwer mischt und auflegt, hilft dies bei Gelenkschmerzen.“ „Heute ist die gute Wirksamkeit von Brennnesseln bei rheumatischen Erkrankungen wissenschaftlich erwiesen, ebenso bei Harnwegsinfekten oder Nierengrieß“, heißt es in der Begründung.