Produktion, Südtiroler Landwirt | 15.09.2021

Bioland: Idee hat sich durchgesetzt

Bioland Südtirol feiert seinen 30sten Geburtstag: Für Obmann Toni Riegler eine Bestätigung dafür, dass Ökolandbau funktioniert. Was er sich zum Geburtstag wünscht? Vor allem Offenheit, Dialog und echte Nachhaltigkeit für Südtirol. von Renate Anna Rubner

Zum 30sten Geburtstag hat Bioland Südtirol Grund zum Feiern und stolz zu sein: Auf die Pioniere und einen langen, nicht immer einfachen Weg.

Zum 30sten Geburtstag hat Bioland Südtirol Grund zum Feiern und stolz zu sein: Auf die Pioniere und einen langen, nicht immer einfachen Weg.

Die Biopioniere haben viel Gegenwind geerntet. Das hat sie gegerbt und zu Kämpfern gemacht. Heute ist Bio salonfähig geworden, auch ein Verdienst dieser starken Charaktere, sagt Toni Riegler, Obmann von Bioland Südtirol. Wie sich der Verband, seine Mitglieder und die Landwirtschaft seit 1991 insgesamt gewandelt haben, war Thema eines Interviews, das der „Südtiroler Landwirt“ mit Riegler geführt hat.

Südtiroler Landwirt: Herr Riegler, 30 Jahre Bioland Südtirol, was bedeutet das für Sie als Obmann?

Toni Riegler: Für mich ist das natürlich ein großes Fest. 30 Jahre Bioland Südtirol bedeutet auch, dass sich eine Idee durchgesetzt hat. Zunächst wurden die Biobauern ja oft als Spinner abgetan. Viele meinten, diese Produktionsweise könne nicht funktionieren, sei nicht überlebensfähig. Aber, siehe da: Die Betriebe bestehen heute noch. Es gibt sogar viel, viel mehr davon: Anfangs waren es zehn Betriebe, mittlerweile zählt Bioland Südtirol rund 1000 Betriebe landesweit quer durch alle Sparten. Und das zeigt für mich ganz deutlich, dass biologische Landwirtschaft einfach funktioniert.

Was heißt konkret: durch alle Sparten?

Der größte Bereich ist nach wie vor der Obstbau, mit einem Anteil von 40 bis 45 Prozent unserer Mitgliedsbetriebe. Ein weiterer großer Teil unserer Mitglieder betreibt Viehwirtschaft, vor allem sind es Milchbetriebe, ein kleinerer Anteil hat den Schwerpunkt in der Fleischproduktion. 

Und dann gibt es noch Bioland-Weinbaubetriebe, Kräuter- und Beerenanbauer, Gemüsebaubetriebe, Imkereien. Also, alles, was wir in Südtirol an Landwirtschaft haben, gibt es auch biologisch. 

Von den Pionieren der Gründung bis heute: Wie haben sich der Ökolandbau und damit die Biobäuerin/der Biobauer in diesen dreißig Jahren entwickelt?

Anfangs ging es vor allem darum, einfach anders zu produzieren. Aufzuzeigen, dass es anders gehen kann und muss, neue Wege zu versuchen. Damit hat man sich natürlich viel Kritik eingehandelt und Gegenwind geerntet. Das hat dann zu einer natürlichen Selektion geführt, übriggeblieben sind nur die starken Charaktere. 

Das hat sich aber in den letzten Jahren stark gewandelt. Inzwischen ist die Umstellung auf Bioproduktion einfach eine betriebliche Weiterentwicklung, eine betriebswirtschaftliche Überlegung. Natürlich ist und bleibt Voraussetzung, dass man an diese Produktionsweise glaubt und die Prinzipien des Ökolandbaus einhält. Denn nur dann kann diese Produktionsweise funktionieren, eine rein betriebswirtschaftliche Rechnung wird sich kaum ausgehen. Zumindest nicht langfristig.

Wir haben heute unter unseren Mitgliedern alle Charaktere, die die Landwirtschaft hergibt, vertreten. So unterschiedlich und vielfältig wie überall. Den Kämpfergeist der Pioniere braucht es in dieser Form nicht mehr.

Wie hat sich Bioland Südtirol in diesen Jahren als Organisation entwickelt?

Wir sind gestartet im Jahr 1991 als Teil von Bioland Bayern. Die ersten Biobetriebe in Südtirol waren Obstbaubetriebe, die gute Kontakte nach Bayern und Baden-Württemberg hatten. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass der Biomarkt in Deutschland sehr aufnahmefähig war in dieser Anfangszeit und man sich entsprechend dahin ausgerichtet hat.

Erst im Jahr 1996 wurde ein eigenes Büro angemietet, im Steindlweg in Terlan, und mit Jutta Staffler die erste Mitarbeiterin eingestellt. Sie hat den Verband geleitet und hat mit dem damaligen Obmann Franz Egger auch den Bereich Viehwirtschaft aufgebaut. Der Weinbau war mit den ersten Obstbauern schon mit dabei, es waren ja viele gemischte Betriebe Mitglied. 2003 ist Bioland Südtirol ein eigenständiger Landesverband geworden, als neunter Landesverband innerhalb Bioland Deutschland. 

So hat sich Bioland Südtirol nach und nach jeweils an die steigenden Mitgliederzahlen angepasst: zunächst mit Praktikantinnen und Praktikanten Phasen überbrückt und dann auch über Beraterinnen und Berater das Angebot und die Dienstleistung für die Mitglieder weiterentwickelt und verbessert.

Im letzten Jahr hat Bioland Südtirol wichtige Meilensteine gesetzt. Wie steht die Organisation heute da?

Im Laufe der Jahre und mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist das Büro im Steindlweg zu klein geworden, also sind wir vor rund sechs Jahren ins Rathaus von Terlan umgezogen, wo wir mehr Platz zur Verfügung hatten. Der hat aber nicht lange ausgereicht.

Im letzten Jahr hat sich uns ein lange gehegter Wunsch erfüllt: Wir haben die Möglichkeit bekommen, in Lana in der Handwerkerzone einen Bürokomplex zu beziehen, in dem wir die Biobranche zusammenführen konnten: Nun hat Bioland Südtirol dort Büros ebenso wie die Kontrollstelle ABCert, Biobeef, Biokistl und Bio Alto Südtirol, unsere neue Vermarktungsgenossenschaft.  

Auch in der Organisationsform des Verbandes hat sich etwas geändert.

Ja, zunächst waren wir ein eingetragener Verein. Mit der Zeit, immer mehr Mitgliedern, Veranstaltungen und Aktivitäten hat sich das aber als zunehmend schwierig entpuppt. Deshalb wurde uns angeraten, eine Genossenschaft zu werden. Das wurde im letzten Jahr – vorwiegend online natürlich – abgeklärt und in den verschiedenen Gremien durchdiskutiert und dann mit großer Mehrheit beschlossen. Nun sind wir eine Genossenschaft, die sich aber nach wie vor als Verband bezeichnen kann. 

Schon im Jahr vor der Genossenschaftsgründung haben wir den Vorstand umstrukturiert. Vorher gab es einen Vorstand, der aus sieben Personen bestand. Das war oft nicht paritätisch und hat zu Verwerfungen geführt.

Deshalb haben wir für das Alltagsgeschäft ein kleines Gremium eingerichtet, den Verwaltungsrat, der aus drei Personen besteht. Die politischen Leitplanken legt der Landesausschuss vor: Der besteht aus 20 Personen, in der jede Fachgruppe (es gibt fünf Viehwirtschaftsgruppen, zwei Obstbaugruppen, eine Weinbaugruppe) einen Sitz (mit Ersatzmitglied) im Ausschuss hat. Außer der Obstbau, der stellt nicht nur zwei, sondern vier Vertreterinnen/Vertreter. Auch zwei Beraterinnen/Berater und zwei Vertreter unserer Partner sitzen jetzt neu im Landesausschuss von Bioland Südtirol.

Also ist nun eine solide Basis geschaffen, auf die weiter aufgebaut werden kann: Wohin geht die Reise?

Wir wollen auf jeden Fall weiterwachsen. In meinen Augen ist da schon noch viel Potenzial und Luft nach oben. Kritiker werden nun sagen, dass dafür der Markt noch fehlt. Aber es ist ja unter anderem unsere Aufgabe, auch in diese Richtung zu arbeiten und den Markt zu bearbeiten: an der Qualität zu feilen, an der Dienstleistung zu arbeiten und den Kundinnen und Kunden Produktsicherheit über das ganze Jahr hinweg zu garantieren. 

Was wünschen Sie sich zum 30sten Geburtstag von Bioland Südtirol, z. B. von der Politik?

Dass Weichen gestellt werden. Nicht nur unter rein finanziellen Aspekten und vom Profit ausgehend, sondern mit der langfristigen Überlegung: Wie sollen sich unser Land und die Landwirtschaft in unserem Land entwickeln, wo wollen wir langfristig hin. Denn wenn es immer nur um Geld und Profit geht, landet man zum Schluss genau dort, wo man nie hinwollte. 

Meine Vision ist natürlich 100 Prozent Bioproduktion. Das geht nicht von heute auf morgen, es ist eine langsame Entwicklung. Aber es gibt noch viele Bereiche, an denen gearbeitet werden kann und muss: Nehmen wir die öffentlichen Ausspeisungen, Hotellerie und Gastronomie. Da sind die Hebel anzusetzen. 

Denn eigentlich wäre Südtirol prädestiniert dafür, eine Vorzeigeregion für echte Nachhaltigkeit zu werden. Wir haben alle Instrumente dafür. Wir stehen für und werben mit intakter Natur, Nachhaltigkeit und Authentizität. Und wir müssen alles dafür tun, damit das so bleibt.

Was wünschen Sie sich von Konsumentinnen und Konsumenten?

Vor allem Offenheit gegenüber der biologischen Produktion. Gerne werden unsere Produkte als teuer oder Schwindel abgetan. Es stimmt, überall wo es Geld zu verdienen gibt, wird auch mal geschwindelt. Aber: Wir als Bioland Südtirol stehen für Kontrolle und garantieren für unsere Produkte. 

Das heißt, dass Konsumentinnen und Konsumenten sicher sein können, dass Bio drin ist, wo Bioland draufsteht. Diese Sicherheit  bieten wir.  

Wir werden künftig auch einen Kommunikationsschwerpunkt setzen und den Konsumentinnen und Konsumenten den Mehrwert der Biolandwirtschaft vermitteln und näherbringen. Das ist einer unserer Schwerpunkte für das kommende Jahr, mit Start Bioland-Seminar im Februar 2022.

Und was wünschen Sie sich von Bäuerinnen und Bauern?

Eines vorweg: Ich finde, wir können stolz sein auf die Landwirtschaft Südtirols. Wir haben durch die Bank tolle Betriebe, egal ob konventionelle oder biologische. Es wird wirklich viel Herzblut hineingesteckt. Was ich mir aber von unseren Bäuerinnen und Bauern wünsche, ist wieder Offenheit: dass wir miteinander reden, offen kommunizieren und Ideen austauschen. Denn nur gemeinsam können wir Südtirols Landwirtschaft weiterentwickeln. Die Nachhaltigkeitsstrategien der einzelnen Sektoren tragen dazu bei: Ich beobachte, dass inzwischen viele Bäuerinnen und Bauern über z.B. Herbizid-Alternativen reden, über Einsaaten und dergleichen. Das Interesse ist durch diese Initiativen eindeutig gewachsen. Das ist schön.