Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 05.08.2021

Zuhören, würdigen und stärken

Möchten Sie als Lebensberaterin oder Lebensberater bäuerliche Familien begleiten? Im Herbst startet die Südtiroler Bäuerinnenorganisation eine neue Ausbildung für Frauen und Männer, die diesen Dienst ehrenamtlich anbieten möchten.

Männer tun sich oft schwerer, um Hilfe zu bitten oder sie anzubieten. Dabei bräuchte es mehr Männer in der bäuerlichen Lebensberatung. Foto: Armin Huber/SBO

Männer tun sich oft schwerer, um Hilfe zu bitten oder sie anzubieten. Dabei bräuchte es mehr Männer in der bäuerlichen Lebensberatung. Foto: Armin Huber/SBO

Die bäuerliche Lebensberatung ist erster Ansprechpartner für Bäuerinnen und Bauern, die Begleitung und Beratung brauchen – in den verschiedensten Lebenslagen und -krisen. Die Koordinatorin Nicole Irsara lädt Männer und Frauen zur Ausbildung ein. Im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“ erklärt sie auch, warum neben Beraterinnen auch Berater wichtig sind. 

Südtiroler Landwirt: Frau Irsara, die Lebensberatung – ein Dienst, der begleitet, hilft und bereichert. Das sind Worte, die die Lebensberatung doch gut kennzeichnen, oder?

Nicole Irsara: Bereichernd ist der Dienst allemal, auch für die Lebensberaterinnen und -berater selbst. Ich höre immer wieder, dass sie selbst sehr viel profitieren: für die eigene Persönlichkeit, und weil sie sehr viel Dankbarkeit spüren. Sie schätzen es sehr, dass ihnen so viel Vertrauen entgegengebracht wird und dass sie helfen können. Wenn eine Situation, die anfangs vielleicht sehr verwoben erscheint, zum Schluss gut ausgeht, das ist einfach ein sehr schönes Gefühl.

Was ist die Motivation der Lebensberaterinnen und -berater?

Sehr viele sagen, sie hätten selbst einmal eine schwere Zeit durchgemacht und hätten sich in dieser Situation eine Beratung gewünscht, die sie aus verschiedenen Gründen damals nicht angenommen haben. Sie möchten sich deshalb jetzt in den Dienst der Lebensberatung stellen. Diese Frauen und Männer verstehen, dass Krisen und Schwierigkeiten zum Leben dazugehören, und lassen sich ausbilden, um anderen Menschen zu helfen, damit diese es vielleicht nicht so schwer haben wie sie selbst. 

Braucht es bestimmte Voraussetzungen, um Beraterin bzw. Berater für die bäuerliche Lebensberatung zu werden?

Also, die erste Voraussetzung ist die Freude am Umgang mit anderen Menschen, Freude am Gespräch und absolute Verschwiegenheit. Außerdem sollten diese Frauen und Männer Lebenserfahrung mitbringen und sich gut in andere Menschen und Situationen einfühlen können. Sie sollten gut zuhören können, alles andere lernen sie in der Ausbildung. Die Beraterinnen und Berater müssen auch bereit sein, mit dem Auto längere Wege in Kauf zu nehmen, weil wir darauf schauen, dass Lebensberaterin/Lebensberater und Ratsuchende nicht aus derselben Umgebung kommen. Die Berater gehen auf die Höfe hin, um die Hilfesuchenden dort abzuholen, wo sie wohnen und arbeiten. Genau das ist auch die große Stärke der Lebensberatung und fast einzigartig in Südtirol. 

Ganz konkret: Was müssen Männer und Frauen wissen, die mit dem Gedanken spielen, sich zu melden? 

Sie müssen die Ausbildung mitmachen. Zudem sollten sie wissen, dass sie diesen Dienst ehrenamtlich machen, nur Fahrt- und Telefonspesen werden rückvergütet. Sie sind aber nicht auf sich alleine gestellt. Einmal im Monat gibt es eine Supervision durch eine ausgebildete Fachkraft. Wir machen auch regelmäßig Fortbildungen, die verpflichtend sind. Und man verpflichtet sich, für drei Jahre diesen Dienst auszuführen. Die meisten sind länger dabei, es gibt wenige, die vorher aussteigen. Wenn, dann aus persönlichen Gründen, aber nicht, weil es ihnen keine Freude mehr macht. 

Für die Lebensberatung stellen sich meist Frauen zur Verfügung, es bräuchte aber auch Männer. 

Ja, das stimmt, so wie bei anderen sozialen Organisationen auch. Männer trauen es sich vielleicht nicht zu. Dabei sind sie mindestens gleich gute Zuhörer und stehen den Frauen in Sachen Beratung in nichts nach. Und es bräuchte Männer! Die Anwesenheit von einem Mann schafft je nach Situation eher ein Gleichgewicht. Wir haben einen Mann  als Lebensberater, und der macht seine Sache sehr gut, mit sehr viel Freude und Einsatz. 

Ich bin überzeugt, dass es viele Männer gibt, die als Lebensberater einen guten Job machen würden. Es geht auf dem Hof ja nicht um Männer- und Frauenthemen, es geht um Unternehmen, Familien, Beziehungen und Finanzielles, Partnerschaft, Zukunftspläne. Das sind alles Bereiche, in denen Frauen und Männer ihr Wissen und ihren Rat einbringen können. 

Warum melden sich dann so wenig Männer?

Männer können sich in Krisensituationen weniger vorstellen, Hilfe zu suchen. Es wird eher als Schwäche und nicht als Stärke gesehen. Und so sehen die Männer auch nicht die Notwendigkeit zu helfen. Es gibt ja ganz viele ehrenamtliche Tätigkeiten, wo Männer tätig sind, aber eben nicht in diesem beratenden Bereich. Einige würde ich dabei aber sehr gut sehen. 

Was wünschen Sie sich für die fünfte Ausbildung  zur Lebensberaterin/zum Lebensberater für die bäuerliche Familie?

Ich wünsche mir für den kleinsten und sensibelsten Bereich der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, dass sich sehr viele Männer wie Frauen melden, die diese Ausbildung und diesen Dienst machen möchten. Ich wünsche mir Menschen, die mit Herz und Hirn bei der Sache sind so wie die aktuellen Lebensberater. Ich bin immer wieder erstaunt, was sie leisten, und ich bin begeistert von den Geschichten, die mich teilweise zu Tränen rühren. 

Bäuerliche Lebensberatung

Ausbildung ab November 2021

Von November 2021 bis Juni 2022 (1 Modul pro Monat) startet die Südtiroler Bäuerinnenorganisation mit der fünften Ausbildung für freiwillig tätige Lebensberaterinnen und Lebensberater. 

Nähere Auskünfte unter Tel. 0471 999460 oder E-Mail: lebensberatung@baeuerinnen.itwww.baeuerinnen.it