Bauernbund | 05.08.2021

Herdenschutz wird zum Wettrüsten

Die Situation rund um den Umgang mit dem Großraubwild bleibt verfahren. Wie soll Herdenschutz in einem Land wie Südtirol funktionieren? Und wer soll ihn bezahlen? Im folgenden Beitrag nimmt Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner dazu Stellung.

Der Wolf ist keine „heilige Kuh“, und es muss nicht überall Wölfe geben! Foto: Uschi Dugulin, Pixabay

Der Wolf ist keine „heilige Kuh“, und es muss nicht überall Wölfe geben! Foto: Uschi Dugulin, Pixabay

Nähern wir uns dem Thema einmal von der rechtlichen Seite: Die geltende EU-Richtlinie sieht Schutzgebiete FÜR bestimmte Arten, aber keine Schutzgebiete VOR bestimmten Arten vor. Aber mit der Ausweisung von Almschutzgebieten würde festgelegt, dass dort die Ausnahmen für eine Entnahme von Wölfen greifen. In diesen Gebieten würde somit amtlich festgestellt, dass es keine anderen zumutbaren und sinnvollen Schutzmaßnahmen gibt und darum ein Abschuss gerechtfertigt ist. 

Es wird dann aber auch Gebiete geben, in denen Schutzmaßnahmen trotz aller Schwierigkeiten wegen des Geländes, der Herdenführung und Kosten sowie des Zeitaufwandes möglich sind. Ob sie auch nützlich sind, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin von keiner der Maßnahmen überzeugt; allein die Tatsache, dass in Frankreich mit einem hohen Anteil an geschützten Almen trotzdem 90 Prozent der Risse in geschützten Herden stattfinden, widerlegt die Mär von der Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen.  

Aktuell wird viel öffentliches Geld dafür verwendet, die Tierhalter von solchen Schutzmaß­nahmen zu überzeugen. Dabei werden auch historische und philosophisch ­angehauchte Argumente bemüht. So schreibt die Eurac zu ihrem Projekt „livestock Protect“ (zu Deutsch übrigens in etwa „Schutz des Viehs“): „Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Menschen und Wildtiere eine gemeinsame Geschichte haben. Deshalb ist es wichtig, die historischen Wurzeln dieser Beziehung zu berücksichtigen und den Hirtinnen, Hirten, Züchterinnen und Züchtern zu zeigen, dass Herdenschutzmaßnahmen eine Gelegenheit bieten können, deren historische Beziehung mit großen Beutegreifern zu verändern.“ 

Darüber schütteln wir nur den Kopf: Wir sind keine Philosophen, sondern bäuerliche Familien, die sich mit der Viehhaltung ganz oder teilweise ihren Lebensunterhalt verdienen. Wir weigern uns, diese verfehlte Wolfspolitik der EU und des Staates auszubaden. Der Wolf ist keine „heilige Kuh“, und es muss nicht überall Wölfe geben. Schutzmaßnahmen ohne gleichzeitige Möglichkeit des Abschusses sind nutzlos. Der Wolf muss die Scheu vor dem Menschen behalten, und das geht nur, wenn er bejagt wird. Ansonsten kommt es beim Herdenschutz zu einem Wettrüsten zwischen Viehhalter und Wolf. Und das Weidevieh und die gesamte tiergerechte Viehhaltung werden dabei den Kürzeren ziehen. 

Mittlerweile werden Millionen über Millio­nen in diese Suche nach der Koexistenz zwischen Weidetieren und Wolf gepumpt – und das wird auch so bleiben. Uns hier dagegenzustemmen, bringt aus zwei Gründen nichts: Erstens sieht auch die genannte EU-Richtlinie zumutbare Herdenschutzmaßnahmen vor, und zweitens hat sich mittlerweile hierzu eine richtige Branche entwickelt, die sich diese Butter nicht mehr vom Brot nehmen lassen wird. Die Weidetierhalter und ihre Tiere sind dabei die Versuchskaninchen. 

Frage der Kosten endlich klären

Ich bin nicht gegen den Herdenschutz. Ich habe bei diesem Thema einen sehr praktischen Ansatz: Erstens muss der Herdenschutz auch die Möglichkeit eines Abschusses beinhalten, zweitens sollte Herdenschutz nur dort umgesetzt werden, wo er machbar ist – und das soll uns die Verwaltungsbehörde sagen und dementsprechend Almschutzgebiete ausweisen. Und drittens sind sämtliche direkte und indirekte Kosten von der öffentlichen Hand zu tragen bzw. umzusetzen. 

Die Alm- und Bergbauern sind keine Experten im Wolfsmanagement und waren es, entgegen der von den Wolfsbefürwortern verbreiteten Meinung, auch nie. Millionen für Studien zum Herdenschutz auszugeben, ergibt doch keinen Sinn, wenn es dann keine hundertprozentige Unterstützung für die Umsetzung der Empfehlungen gibt. Ich betone nochmals: Die Bergbäuerinnen und Bergbauern können die Last für diese wahnsinnige Wolfsschutzpolitik nicht tragen. Der gesamte Umgang mit dem Wolf ist in der Hand von Experten, die gut dafür bezahlt werden, aber sobald es wie beim Herdenschutz um die Nagelprobe geht, sollen plötzlich unsere Bäuerinnen und Bauern die Kohlen aus dem Feuer holen?

Siegrfied_Rinner-Direktor
Siegfried Rinner: „Öffentliche Hand muss Herdenschutz bezahlen und umsetzen!“

Derzeit werden vom Land nur Weideschutzzäune bezuschusst. Bereits 2019 hat unser Villanderer Ortsobmann Konrad Senn vorgerechnet, dass damit nur ein Drittel der tatsächlichen Gesamtkosten (Material und Arbeit) gedeckt werden. Der Freistaat Bayern bezahlt auch die Eingreiftruppen, die den Herdenschutz umsetzen sowie die Suche nach vermissten Tieren, Tierarztkosten und die Kadaverentsorgung. Es geht also durchaus noch einiges mehr als bisher vom Land entschädigt wird – und es wäre ein kleines Zeichen, wenn die Landesverwaltung nachbessern würde. 

Wenn es im öffentlichen Interesse ist, dass der „heiligen Kuh“ Wolf niemand auf den Pelz rücken darf, dann müssen Politik und Verwaltung auch für die Kosten der Koexistenz aufkommen. Dazu gehört in erster Linie die vollständige Bezahlung der Hirten und Eingreiftruppen, welche die Herdenschutzmaßnahmen umsetzen, und die Übernahme sämtlicher Materialspesen, und zwar nicht nur bei Pilotprojekten, sondern generell.

Frankreich bezahlt jedes Jahr je Wolf an die 80.000 Euro für Schutzmaßnahmen, in der Schweiz sind diese Kosten noch wesentlich höher. Studien aus Österreich zeigen, dass der Herdenschutzaufwand zwischen 150 und 550 Euro je gealpter Großvieheinheit (GVE) liegt. Das wären bei 40.000 gealpten GVE in Südtirol jährlich etwa 15 Millionen Euro. Diese Gelder können nicht von Beiträgen oder Leistungsprämien für die Bäuerinnen und Bauern abgezwackt werden. Die Prämien und der Einkommensausgleich sind ohnehin schon knapp bemessen – und es muss ausgeschlossen werden und ausgeschlossen bleiben, dass die Bergbauern und Almbewirtschafter die Last dieser unsinnigen Wolfspolitik tragen. Es ist von den öffentlichen Ämtern, Institutionen und Forschungseinrichtungen einfach zu billig, die Almbewirtschafter zu belehren und diese dann mit diesen Weisheiten allein zu lassen. Unsere Bergbauern und Almbewirtschafter leisten sehr viel, für wenig Geld. Aber der Herdenschutz ist etwas für Profis, und das können nicht unsere Bergbauern und -bäuerinnen, sondern nur ausgebildete und dafür von der öffentlichen Hand bezahlte Hirten und Experten sein. 

Herdenschutz in die Hand nehmen

Wollen wir zudem zu einer Bestandsregulierung des Wolfes kommen, muss der Herdenschutz sehr gut dokumentiert werden. Nur ein amtlicher und professioneller Herdenschutz garantiert die notwendige Glaubhaftigkeit und wissenschaftliche Seriosität, welche für die Verwaltung und schlussendlich wohl auch vor dem Gericht notwendig sein wird. Es muss ein amtliches Berufsbild dieser Herdenschutzprofis (Hirten) geschaffen werden. Deren Anstellung muss durch die öffentliche Verwaltung erfolgen. 

Über dieses Modell muss es Einigkeit geben, denn uns läuft die Zeit davon. Alle anderen Modelle in Europa haben nicht ausreichend funktioniert. Belehren und Beraten ist zu wenig. Die öffentliche Verwaltung muss anpacken und den Herdenschutz landesweit selbst in die Hand nehmen. 

Siegfried Rinner, Bauernbund-Direktor


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