Südtiroler Landwirt, Leben | 24.06.2021

Kneippen: Mehr als Wassertreten

Schuhe ausziehen, ankommen im Hier und Jetzt, tief einatmen und eintauchen in das kühle Nass: Kneippen ist Wellness für Körper, Geist und Seele, weiß Angelika Thaler Schullian. Die Bäuerin vom Pradoshof in Kaltern und Kneipp-Gesundheitstrainerin erklärt wieso. von Renate Anna Rubner

Das Armbad ist eine Kneipp-Anwendung, die Lebensgeister weckt: Deshalb wird es auch „Kneipp’scher Espresso“ genannt.

Das Armbad ist eine Kneipp-Anwendung, die Lebensgeister weckt: Deshalb wird es auch „Kneipp’scher Espresso“ genannt.

Der Pradoshof ist ein Obst- und Weinbetrieb in Kaltern. Er wurde im Jahr 2000 neu gebaut, mit Wohnungen für Urlaub auf dem Bauernhof. Die Bäuerin Angelika Thaler Schullian war ursprünglich Friseurin, die Landwirtschaft hat sie erst durch ihren Mann kennen- und schätzen gelernt. Während des Lehrgangs zum Vitalbauernhof hat sie die Kneipp’sche Gesundheitslehre kennengelernt und sich zur Kneipp-Gesundheitstrainerin ausbilden lassen. Im Gespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ erklärt die Bäuerin, was hinter der Lehre von Pfarrer Sebastian Kneipp steckt und wie man auch zu Hause gut kneippen kann. 

Südtiroler Landwirt: Frau Thaler, wie sind Sie zum Kneippen gekommen?

Angelika Thaler Schullian: Daran ist eigentlich mein Großvater schuld. Er hat schon immer gekneippt. Und ich bin als Kind schon gemeinsam mit ihm durch kühle Gebirgsbäche gewatet und barfuß durch den Schnee gestapft. Das hat mir Spaß gemacht, den Sinn dahinter habe ich natürlich noch nicht verstanden. 

Nachdem ich geheiratet hatte, habe ich meinen Beruf an den Nagel gehängt und bin Bäuerin am Obst- und Weinhof meines Mannes geworden. Im Jahr 2000 haben wir die Hofstelle neu gebaut und Wohnungen für Urlaub auf dem Bauernhof eingerichtet. Als ich den Lehrgang zum Vitalbauernhof absolviert habe, bin ich wieder auf das Kneippen gestoßen und habe gleich Feuer gefangen. Also habe ich im Anschluss an den Lehrgang meine Ausbildung zur Kneipp-Gesundheitstrainerin gemacht. Das war zwar recht aufwändig, aber mein Mann hat mich voll unterstützt. Er hat mir sogar eine kleine Kneipp-Anlage gebaut – eigenhändig!

Dann können Ihre Gäste täglich Kneippen. Wie integrieren Sie die Anwendungen in Ihr UaB-Angebot?

Beim Kneippen geht es nicht nur um die Wasseranwendungen, sondern um viel mehr: Man spricht von den fünf Säulen Wasser, Kräuter, Bewegung, Ernährung und Lebensordnung. Deshalb gibt es viele Arten, wie man Kneipp erleben kann. In jeder unserer Wohnungen liegt eine Broschüre auf, mit der sich die Gäste informieren und entsprechend selbst­stän­dig das eine oder andere ausprobieren können. Bei den ersten Versuchen oder wenn jemand Fragen haben sollte, stehe ich aber mit Rat und Tat zur Seite, denn man kann beim Kneippen vieles falsch machen …

Zum Beispiel?

Oft kommen Leute in eine Kneipp-Anlage und testen alles durch: Zuerst gehen sie Wassertreten, dann nehmen sie ein Armbad, und danach setzen sie sich an das große
Becken und lassen ihre Beine darin baumeln. Dabei ist das kontraproduktiv und kann sich ne­gativ auf unsere Körper auswirken. Das ist dann sicher das letzte Mal, dass man gekneippt hat! 

Was muss man also beachten?

Grundlegend ist, dass milde Reize gesetzt werden. Damit der Körper auch Zeit hat, auf diese Reize zu reagieren. Nehmen wir zum Beispiel das Wassertreten: Der Mensch hat eine Kerntemperatur, die der Körper aufrechtzuerhalten versucht. Das übernimmt das vegetative Nervensystem, wir merken in der Regel nicht viel davon. Wenn nun durch das Wassertreten ein kalter Reiz gesetzt wird, kommt dieses Regulationssystem aus dem Gleichgewicht. Die Reaktion ist eine Gefäßverengung in den Beinen. Das Blut wird so in den Rumpf gepumpt, wo alle lebensnotwendigen Organe sitzen.

Dann beginnt der Ausgleich: Die Gefäße weiten sich wieder und das Blut fließt in die Beine zurück. Durch diesen Wechsel werden unsere Organe stark durchblutet, die Lymphtätigkeit, der Stoffwechsel und die Ausscheidung angeregt, der Herz-Lungen-Kreislauf und das Hormonsystem gestärkt, der Blutdruck ausgeglichen. Atmung Verdauung und Hormonsystem werden stabilisiert und das Immunsystem gestärkt. Durch das bewusste Atmen während der Anwendung wird das Blut mit Sauerstoff angereichert. Sie sehen, die Wirkungen sind vielfältig. Wichtig ist aber, dem Körper diese Zeit zum Ausgleichen zu geben. Mindestens eine Stunde sollte deshalb pausiert werden zwischen einer Anwendung und der nächsten.

Wie führen Sie die Gäste ans Kneippen heran?

Die Gäste lasse ich zum Beispiel schon morgens, nach dem Aufstehen, eine Runde barfuß durch die nasse Wiese laufen: ganz achtsam und bewusst. Unsere Stamm­gäste machen das ganz von alleine und regelmäßig, sie lieben das. Oder ich lasse sie einen Kneipp’schen Espresso nehmen: So wird das Armbad genannt, denn es macht munter wie ein Koffein­schub. Und schon startet man gestärkt und voll Energie in den Tag.

Wenn die Gäste dann von ihrem Ausflug in die Stadt zurückkommen oder von einer Bergtour und ihnen die Muskeln wehtun, dann biete ich ihnen zum Beispiel das Wassertreten an oder einen kalten Guss mit dem Gartenschlauch. Das belebt und mildert den Muskelkater. Viele Gäste gehen vor dem Schlafengehen noch Wassertreten: Dann huschen sie im Dunkeln durch den Garten und schlüpfen danach sofort ins Bett. Das Beste für einen erholsamen tiefen Schlaf. 

Solche Angebote nehmen die Gäste gerne an. Auch in den Wohnungen gibt es die Möglichkeit, die eine oder andere Anwendung zu machen. Dafür habe ich Anleitungen zusammengestellt, die individuell genutzt werden können. 

 

Das ganze Interview finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 12 des „Südtiroler Landwirt“ vom 25. Juni auf Seite 27 oder online auf „meinSBB“.