Wirtschaft | 24.06.2021

Kein Schaden, im Gegenteil

Wegen der Abschüsse von Murmeltieren, Steinböcken, Kormoranen und Füchsen wurden Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder und der ehemalige Amtsdirektor Heinrich Erhard zu Schadenersatzzahlungen verurteilt. Das Urteil wird scharf kritisiert. Auch eine Spendensammlung für Erhard wird gestartet. von Michael Deltedesco

Schäden am Ökosystem Alm haben nicht Luis Durnwalder und Heinrich Erhard angerichtet, sondern Wildtiere wie das Murmeltier. Foto: Peter Freitag, Pixelio.de

Schäden am Ökosystem Alm haben nicht Luis Durnwalder und Heinrich Erhard angerichtet, sondern Wildtiere wie das Murmeltier. Foto: Peter Freitag, Pixelio.de

Für große Empörung hat der jüngste Entscheid des Kassationsgerichts in der Causa „Wildtierabschüsse“ gesorgt. Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder und der ehemalige Direktor des Amtes für Jagd und Fischerei, Heinrich Erhard, wurden zu hohen Schadenersatzzahlungen verurteilt. 

Grund dafür waren Abschussdekrete für Murmeltiere, Kormorane, Steinböcke und Füchse. Diese hätten, so die Begründung des Urteils, das Staatsvermögen gemindert. Kein Verständnis für das Urteil des Kassationsgerichts haben der Südtiroler Bauernbund, der Südtiroler Jagdverband, der Verband der Eigenjagdreviere und der Landesfischereiverband Südtirol. 

„Genau das Gegenteil war der Fall“, ärgert sich Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler. „Durch die Abschüsse z. B. einiger Murmeltiere wurden Schäden an der Berglandwirtschaft verhindert. Denn in einigen Gegenden richten Murmeltiere erhebliche Schäden an, die sogar die Berglandwirtschaft und die Alpung der Nutztiere in Frage stellen. Die Nagetiere graben Löcher und Gänge, Kühe und Kälber können sich verletzen, wenn diese Hohlräume nahe an der Oberfläche liegen und einbrechen, sobald ein Rind drauftritt.“ Auch sei durch das Umgraben der Wiesen das Mähen nicht mehr möglich, da die Maschinen und Geräte kaputtgehen.

Kein Rückgang der Bestände

Zudem seien durch die Abschüsse, wie selbst Gerichte bestätigen, keine Schäden am Ökosystem entstanden, da die Populationen zahlenmäßig nicht zurückgegangen sind. „Wir haben in Südtirol heute mehr Murmeltiere, Steinwild oder Kormorane als noch vor 15 oder 20 Jahren. Diese Arten müssen weiterhin reguliert werden“, sagt Landesjägermeister Günther Rabensteiner. Interessant ist zudem, dass mit zusätzlichen Gutachten der staatlichen Umweltbehörde ISPRA heute mehr Murmeltiere zum Abschuss freigegeben werden als mit den Abschussdekreten des Alt-Landeshauptmannes, für die er verurteilt wurde. 

Ein weiterer Kritikpunkt der Verbände ist, dass die Abschüsse im Rahmen des bestehenden Landesjagdgesetzes genehmigt wurden und Südtirol bei der Jagd die primäre Zuständigkeit hat. „Durnwalder und Erhard haben versucht, unsere autonomen Bestimmungen in Sachen Jagd gegenüber dem Zentralstaat zu schützen. Die im Urteil festgelegte Schadensbemessung erachte ich als zutiefst willkürlich und unangemessen“, sagt der Präsident des Verbandes der Eigenjagdreviere, Martin Ganner.

Angriff auf Südtiroler Autonomie

Und nicht zuletzt ist das Urteil ein Angriff auf die Südtiroler Autonomie. Durnwalder und Erhard hätten die Zuständigkeiten Südtirols wahrgenommen. Mit diesem Urteil sollten wohl die Grenzen der Autonomie aufgezeigt werden, so die Vermutung.

Ähnlich ungewöhnlich ist auch die Bemessung des Schadens, den der Staat erlitten haben soll, weil Wildtiere zum unverfügbaren Vermögen des Staates gehören. „Die Bemessung des Schadens anhand des Wertes von Tierpräparaten ist absurd“, sagt der Präsident des Landesfischereiverbandes, Markus Heiss.

Doch nicht nur Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder wurde zu hohen Schaden­ersatz­zah­lun­gen verurteilt, sondern auch der ehemalige Direktor des Amtes für Jagd und Fischerei, Heinrich Erhard. „Erhard stand ein Leben lang im Landesdienst und muss nun sein Erspartes und noch einiges mehr aufwenden, um einen Schaden zu begleichen, den es nicht gibt – und das wegen eines Dekretes, das im Einklang mit dem entsprechenden Landesgesetz stand und im Rahmen seiner Verwaltungstätigkeit unterzeichnet wurde“, betont Landesobmann Leo Tiefenthaler.

Für Erhard gibt es eine Spendenaktion

Südtiroler Bauernbund, Südtiroler Jagdverband, der Landesfischereiverband Südtirol und der Verband der Eigenjagd­reviere jedenfalls stellen sich klar hinter Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder und den ehemaligen Amtsdirektor Heinrich Erhard. „Solidarität für Erhard und Durnwalder ist die einzige, gemeinsame und starke Antwort, die wir auf ein so ungerechtes Urteil geben können.“

Für Erhard starten Südtiroler Bauernbund, Jagdverband, Eigenjagdverband und Fischereiverband eine Spendenaktion. Alt-Landeshauptmann Durnwalder hat darauf verzichtet, sieht diese Aktion aber als wichtigen Solidaritätsbeweis für Ihn. „Wir schauen nicht tatenlos zu, wie jemand Hab und Gut für Entscheidungen verliert, die ein Nutzen und kein Schaden waren“, unterstreicht Tiefenthaler. 

Die vier Verbände haben ein Spendenkonto für Heinrich Erhard eingerichtet. Darauf zahlen sie selbst ein und rufen dazu auf, ebenso Solidarität zu zeigen. „Unsere Aktion soll auch ein Signal sein. Denn solche Urteile tragen nicht dazu bei, dass Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen sind aber notwendig, das hat spätestens die Corona-Krise uns allen gezeigt“, sagt Landesobmann Tiefenthaler. 


Spendenaktion 

Bankkoordinaten

Spendenkonto Raiffeisenkasse Bozen:
Murmeltierurteil Dr. Erhard
IBAN: IT34 V080 8111 6000 0030 0022 314