Politik | 31.05.2021

Agenda 2030: Wein im Faktencheck

Der Boden ist einer der Knackpunkte auf dem Weg zu nachhaltigen Produktionssystemen, wurde bei einem Webinar der Südtiroler Weinwirtschaft deutlich. Gefolgt von Pflanzenschutz und Verpackung. Dabei drängt die Zeit: Die Landwirtschaft ist gefordert. Aber auch die Politik.

Landwirtschaftliche Böden zu Treibhausgas-Senken machen, lautet die Herausforderung.

Landwirtschaftliche Böden zu Treibhausgas-Senken machen, lautet die Herausforderung.

Die gute Nachricht vorweg: Mit der Südtiroler Weinagenda 2030 ist ein ambitionierter Weg in Richtung Nachhaltigkeit eingeschlagen worden. Besonders bezüglich Biodiversität kann sich der Weinbau auch heute schon unter den Spitzenreitern in der Landwirtschaft einreihen. Und ein Hektar Weinbau produziert zehn Millionen Liter Sauerstoff, also genug für 20 Menschen. „Damit produzieren 5400 Hektar Südtiroler Weinbau Sauerstoff für 108.000 Menschen“, schloss Hans Reiner Schultz seinen Vortrag. Der Professor aus Geisenheim stellte in einem Webinar der Südtiroler Weinwirtschaft die globale Situation aber als ganz und gar nicht rosig dar. Im Gegenteil, indem er sich mit der Frage befasste, welche Produktionssysteme wirklich nachhaltig sind, deckte er viele Problemfelder auf und ließ keinen Zweifel daran, dass „ohne systemische und international abgesprochene Politik sich Landwirtschaft und Lebensmittelsysteme zu langsam anpassen werden“.

Boden als Treibhausgas-Senke

Wie kommt Schultz aber zu dieser Behauptung? Er identifizierte zunächst einige Themen, die es in puncto Nachhaltigkeit zu beobachten gilt: Dazu gehören unter anderem der Boden und das Wassermanagement, Pflanzenschutz und Biodiversität oder CO2-Fußabdruck. Der Boden ist laut Schultz das Kernthema, an dem es zu arbeiten gilt. „Er wurde bisher unterschätzt, denn es ging vor allem um seine Effizienz“, meinte Schultz. Dabei liege die Herausforderung darin, die landwirtschaftlichen Böden in Treibhausgas-Senken zu verwandeln. Bisher seien sie noch Quellen, tragen also zu Klimawandel mit all seinen Problemen bei. „Im Bodenmanagement liegt also einer der Knackpunkte“, meinte Schultz und sprach auch die Kupferproblematik an: Als Schwermetall hat sich Kupfer über die Jahre und Jahrzehnte in den Böden angereichert, das sei ein Problem. „Die synthetische Biologie könnte hier einen Lösungsansatz bieten, dafür braucht es aber die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Und zwar schnell“, urgierte Schultz.

Dasselbe gelte für den Pflanzenschutz: „Die Einsatzmengen konnten zwar schon deutlich reduziert werden, es braucht aber noch Einsparungen von etwa 50 Prozent, das ist mit herkömmlicher Praxis nicht möglich.“ Schultz sieht auch hier die Politik gefordert, denn sie könne die Rahmenbedingungen für neue Züchtungsmethoden schaffen. Zwar gebe es bereits eine ganze Reihe an Piwi-Sorten, deren Akzeptanz sei aber nicht besonders hoch. „Denn die Kunden wollen eben einen Sauvignon oder einen Vernatsch“, stellte er fest. Um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln radikal senken zu können, brauche es Verfahren, mit denen diese Sorten resistent gegen die Pilzkrankheiten werden. Auch hier dränge die Zeit.

System erdrückt Landwirtschaft

Als weitere Herausforderung sieht Schultz die Verpackung, also die Glasflasche. „Bereits die Erhöhung der Glas-Recyclingrate (60 bis 85 %) würde den Emissionsbeitrag der Weinbranche um elf Prozent senken“, rechnete er vor. Zudem brauche es ein Maximalgewicht für Glasflaschen. Oder man gehe auf andere Verpackungen über, und zwar proaktiv. Dabei nannte er recyceltes Meeresplastik als mögliche Lösung. „Das muss aber kommuniziert werden, denn der Kunde/die Kundin muss mitspielen“, stellte er klar.

Überhaupt seien der Konsument und der Lebensmitteleinzelhandel in der globalen Nachhaltigkeitsdebatte nicht aus dem Auge zu lassen: Auch sie müssen bereit sein, das Problem anzugehen“, meinte Schultz und plädierte für ein „true cost accounting“, das heißt, dass Lebensmittel nach ihrem wahren Preis bezahlt werden müssen. Denn wie das Lebensmittelsystem heute aufgebaut ist, ist es außer Balance, „dieses System erdrückt die Landwirtschaft“.

Chance für Europa

Der Green Deal bzw. die damit einhergehenden Maßnahmen für die Landwirtschaft (also die Farm-to-Fork-Strategie, die Biodiversitätsstrategie und die Forststrategie) der Europäischen Union zielen auch auf ein neues Wachstum ab, wie EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann den rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörern des Webinars erklärt. Der Kommission sei bewusst, dass dieser Übergang kosten werde, man sei sich aber auch klar darüber, dass ein Paradigmenwechsel unvermeidbar ist und dass er letztendlich eine große Chance für Europa darstellt.

Als Chance für den Südtiroler Weinbau wertet Alfred Strigl die Südtiroler Weinagenda 2030, die sich auf fünf Kernbereiche stützt: Boden, Rebe, Wein, Menschen und Land. Zwölf Maßnahmen sind darauf aufbauend ausgearbeitet worden, die letztendlich in eine Zertifizierung (über SQNPI) münden sollen. Strigl hat die Ausarbeitung dieser Nachhaltigkeitsstrategie begleitet, getragen wird sie von der gesamten Südtiroler Weinwirtschaft gemeinsam mit dem Versuchszentrum Laimburg, dem Beratungsring für Obst- und Weinbau, dem Südtiroler Bauernbund und dem Land Südtirol. „Diese Strategie ist kein Schnellschuss“, erklärte Strigl, „viele Institutionen und Menschen waren und sind darin involviert.“ Trotzdem, das hielt Andreas Kofler, Präsident des Konsortiums Südtirol Wein, für wichtig festzuhalten, solle man vor allem die Basis nicht vergessen. „Den Weg zu mehr Nachhaltigkeit sind wir den nächsten Generationen schuldig“, meinte er, „aber die Maßnahmen dürfen nicht diktiert, sondern den Bäuerinnen und Bauern erklärt werden.“