Südtiroler Landwirt, Politik | 29.04.2021

Wolf: zahnloses Landesgesetz?

Italiens Wolfsmanagementplan liegt auf Eis. Beim Höheren Umweltinstitut ISPRA gibt es kein offenes Ohr für die Entnahme von Wölfen. Und auch auf europäischer Ebene kämpft man beim Thema Wolf gegen ­Windmühlen. Trotzdem: Südtirol gibt nicht auf, schmiedet weitere Pläne und Allianzen. von Renate Anna Rubner

Die Almsaison steht vor der Tür, das Thema Wolf immer noch ungelöst. Aber es wird daran gearbeitet, auf allen Ebenen.

Die Almsaison steht vor der Tür, das Thema Wolf immer noch ungelöst. Aber es wird daran gearbeitet, auf allen Ebenen.

„Das schlimmste Szenario für ein ISPRA-Gutachten ist gar kein Gutachten. Dieses Szenario ist nun eingetroffen“, sagte Landesrat Arnold Schuler bei einem Treffen zum Thema Wolf. Wie bekannt, ist für die Entnahme von Problembären oder -wölfen aber auch anderer Wildtiere, wie Kormoran, Fuchs oder Murmeltier, ein Gutachten des Höheren Instituts für Umweltschutz und -forschung ISPRA  notwendig. Das Gutachten ist nicht bindend. 

Derzeit gibt es drei Südtiroler Anträge um Gutachten, die vom ISPRA auf die lange Bank geschoben wurden: Einer zum Goldschakal, einer zum Wolf und ein dritter zu Leitlinien im Umgang mit Großraubwild laut Landesgesetz 11/18. Es fehlt ein klares Ja oder Nein. Da nütze es auch nichts, dass das Landesgesetz, in dem die Entnahme von Problemwölfen vorgesehen ist, vor den Verfassungsgericht standhalten konnte, wie der Landesrat bedauert: „So sind uns die Hände gebunden.“

Bei der Sitzung (über die Online-Plattform Teams) anwesend waren neben Benedikt Terzer und Michl Ebner als Vertreter des Südtiroler und des Europäischen Jagdverbandes auch Senator Meinhard Durnwalder, Kammerabgeordneter Albrecht Plangger und Europaparlamentarier Herbert Dorfmann. 

Aus Rom keine Resonanz

Die Stimmung in Rom sei derzeit eher eisig, meinte Senator Meinhard Durnwalder. Zwar gebe es einen neuen Umweltminister, wie dieser zum Wolf stehe, sei aber noch ungewiss. Dafür gebe es im Parlament viele Diskussionen zu Themen wie Tierschutz und Biodiversität, die in eine andere Richtung weisen. Sogar ein Referendum zur Abschaffung der Jagd sei geplant. Und nicht zuletzt laufe eine Initiative zum friedlichen Zusammenleben von Mensch und Großraubwild, erklärte Durnwalder. Das seien schlechte Vorzeichen, die blockierten Gutachten des Umweltinstituts also nur ein Baustein von vielen.

Albrecht Plangger bestätigte das: Er pflege gute Kontakte mit den entsprechenden Stellen, treffe sich öfter zu informellen Gesprächen. Man könne dabei vieles diskutieren und auf Problematiken aufmerksam machen, beim Thema Wolf stoße er aber auf taube Ohren. Übrigens auch in Trient. „Die Trientner haben sich mit ihren bisher 17 Rudeln abgefunden.“ Deshalb plädiere er für einen eigenen Weg, wie schon bei den Wildschweinen.

Auch in den Nachbarländern sei der Umgang mit dem Wolf stark vom absoluten Schutzgedanken geprägt, vor allem in den urbanen Zentren, meinte Herbert Dorfmann. Der Europaparlamentarier erklärte auch, dass der Wolf inzwischen zu einem milionenschweren Business geworden sei, das sich NGOs, Natur- und Nationalparks und Umweltschutzverbände nicht mehr nehmen lassen wollen. „Dieser Kreis muss durchbrochen werden!“, meinte Dorfmann, das sei aber nur mit harten politischen Maßnahmen möglich: „Wenn wir Rom nicht auf unserer Seite haben, werden wir dem Wolf nicht Herr“, meinte er. So sei der Goldschakal in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie zwar im Anhang fünf, also dort, „wo wir den Wolf gerne hätten, aber auch für ihn gibt es keinen Handlungsspielraum“.  Der Europaparlamentarier stellte die Option einer europäischen Bürgerinitiative in den Raum: „Eine Million Stimmen würden wir doch auf jeden Fall zusammen bekommen“, meinte er. „Das wäre ein politisches Signal mit Relavanz!“ 

Konkrete Schritte setzen

Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler unterstützte diesen Vorstoß. Vor allem drängte er auf konkrete Schritte: „Es hat in diesem Jahr bereits einige Übergriffe durch den Wolf gegeben. Bald schon beginnt die Almsaison, es muss sich etwas bewegen.“ Darin waren sich alle Beteiligten einig: Dem Höheren Umweltinstitut soll eine In-Verzug-Setzung geschickt werden. Ein weiterer Aufschub könne nicht toleriert werden, meinte Senator Durnwalder.

Falls die Gutachten des ISPRA negativ ausfallen sollten, womit zu rechnen sei, könne der Landeshauptmann ein Dekret verabschieden, mit dem basierend auf wissenschaftlichen Argumenten eine Entnahme ermöglicht wird. Das habe bei Kormoranen funktioniert, oder auch beim Fuchs.

Auf internationaler Ebene will man eine Allianz mit Österreich, Bayern, der Schweiz und nun auch Frankreich schmieden. Denn, so meinte Dorfmann: Grundvoraussetzung, um Wölfe künftig entnehmen zu können, sei der Nachweis einer stabilen Population. Die gebe es in den Westalpen bereits, Frankreich und die Nationalparke im Piemont haben seit Jahren hohe Zahlen.

Klare Definitionen

Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner drängte darüber hinaus auf klare Definitionen: „Es braucht einen gemeinsamen Weg und klare Definitionen für ,Problemwolf‘ oder ,zumutbare Schutzmaßnahmen‘.“  

Auch die Staatsbeihilfen liegen Rinner am Herzen: „Die laufenden Kosten für den Herdenschutz müssen von EU-Seite eingebracht werden und sicher nicht über die bisherigen Gelder der zweiten Säule.“ Zudem müsse verhindert werden, dass für jeden einzelnen Riss nachzuweisen sei, dass die notwendigen Maßnahmen für den Herdenschutz getroffen wurden. 

Albrecht Plangger wies auf die Wichtigkeit einer „schnellen Eingreiftruppe“ hin und rief den Landesrat auf, diesbezüglich endlich aktiv zu werden. Im Obervinschgau könne man bereits konkrete Versuche dazu anstellen. 

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Ergänzende Texte zu den Herdenschutz-Pilotprojekten und der Sensibilisierungskampagne finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 8 des „Südtiroler Landwirt“ vom 30April auf Seite 14 oder online auf „meinSBB“.