Südtiroler Bauernjugend | 01.04.2021

„Weg für den Neustart finden“

Seit drei Wochen stehen sie nun gemeinsam an der Spitze der Südtiroler Bauernjugend (SBJ): Der neue Landesobmann Raffael Peer und die wiedergewählte Landesleiterin Angelika Springeth erzählen im Interview über ihre Pläne für die kommenden zwei Jahre. von Anna Runggatscher, SBJ

Die Südtiroler Bauernjugend, im Bild eine Landesversammlung vor Corona, hat eine neue Führung, die dem Verein zwei Jahre vorstehen wird.

Die Südtiroler Bauernjugend, im Bild eine Landesversammlung vor Corona, hat eine neue Führung, die dem Verein zwei Jahre vorstehen wird.

Beide sind in der Bauernjugend fest verwurzelt: Angelika ist 32 Jahre alt, stammt als zweites von vier Kindern von einem Obst- und Weinhof in Bozen/Gries und war bereits vier Jahre lang Landesleiterin. Raffael ist mit nur 23 Jahren einer der bisher jüngsten Landesobmänner. Er ist Weinbauberater, stammt von einem Obst- und Weinbaubetrieb in Kurtatsch und war die letzte Amtsperiode Obmann des Bezirkes Unterland.  Im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“ erzählen beide, wie sehr die Bauernjugend ihnen am Herzen liegt, worin für junge Bäuerinnen und Bauern die Herausforderungen der Zukunft liegen und worauf sie sich in den nächsten beiden Jahren besonders konzentrieren möchten und freuen.

Südtiroler Landwirt: Raffael, als Obst- und Weinbauer bist du vertraut mit der Landwirtschaft. Siehst du neue Herausforderungen auf die jungen Landwirtinnen und Landwirte zukommen? Glaubst du, die Jugend ist dafür gerüstet?

Raffael Peer: Wie die Südtiroler Landwirtschaft in zehn Jahren aussieht, können wir maßgeblich mitgestalten. Den Klimawandel sehe ich als Herausforderung, aber auch als Chance. Die extremen Wetterkapriolen (Hagel, Frost, Dürre usw.) werden uns aber stark fordern. Deshalb ist es wichtig, bei Entscheidungen und Investitionen bereits heute an morgen zu denken, damit wir gerüstet sind (z. B. mit wassersparender Bewässerung). Andererseits haben wir die Möglichkeit, künftig vielleicht Dinge anzubauen und Produkte zu veredeln, die wir heute noch importieren müssen. 

Noch nie waren die Möglichkeiten der Ausbildung so groß und vielfältig wie zurzeit. In der Schule erhalten die Jugendlichen Einblick in Innovation und Forschung. Wir als Bäuerinnen und Bauern werden in Zukunft noch mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Es ist wichtig, dass möglichst viele unserer kleinen Betriebe auch in Zukunft erhalten und weitergeführt werden. Denn je weniger landwirtschaftliche Betriebe es gibt, umso weniger Verständnis wird die Gesellschaft für unsere Probleme und Anliegen haben.

Wir dürfen uns aber auch als Agrargesellschaft durch innere Uneinigkeiten nicht auseinandertreiben lassen. Deshalb gilt es, den Zusammenhalt zwischen Berg- und Talbauern, Voll- und Nebenerwerbsbauern und Bauern mit Bio- oder integrierter Anbauweise zu stärken. Geben wir den Unfriedenstiftern, die wir leider auch in unseren Reihen haben, keine Möglichkeit mit Fake News und populistischen Aussagen zu punkten. Zeigen und leben wir den Zusammenhalt mehr denn je, und schämen wir uns nicht zu sagen: „Ich bin stolz, Bäuerin oder Bauer zu sein.“ 

Angelika, wie stellst du dir als erfahrene Funktionärin das Zusammenwachsen und -arbeiten mit dem doch recht frischen Landesvorstand vor? Kanntest du die neuen Landesführungsmitglieder schon?

Angelika Springeth: Die neue Landesführung ist voll motiviert in die kommenden zwei Jahre gestartet. Neuwahlen bringen neue Funktionärinnen und Funktionäre und so frischen Wind in den Landesausschuss. Ein Wechsel bedeutet neue Ideen und Herausforderungen, an denen gemeinsam gearbeitet werden kann. Wir alle verfolgen gemeinsame Ziele und arbeiten daran, um sie im Sinne unseres Leitbildes umzusetzen. 

Ein Ausschuss sollte bunt gemischt sein, wo neue Meinungen jederzeit ihren Platz haben. Auch dieses Jahr war es sehr spannend zu sehen, welche Kandidatinnen und Kandidaten von den Bezirken nominiert wurden. Wie schon bei den Wahlen auf Bezirks- oder Landesebene war es auch bei dieser Wahl so, dass ich noch nicht alle Landesführungskandidatinnen und -kandidaten kannte. Meiner Meinung nach ist genau das spannend. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass das Zusammenwachsen immer einige Zeit dauert, aber ich bin mir sicher, dass wir eine großartige Landesführung bilden werden. Ich sehe die künftige Zusammenarbeit nur positiv und freue mich auf neue Erfahrungen, neue Ideen und neue Projekte, die mit vollem Schwung umgesetzt werden.

Raffael, wie nimmst du deine Erfahrungen als Bezirksobmann nun in die Landesspitze mit? Was reizt dich an der neuen Aufgabe und was willst du nun als Erstes machen?

Raffael Peer: Die letzte Amtsperiode als Bezirksobmann hilft mir gerade beim Start ungemein. Durch diese Tätigkeit bekam ich einen Einblick in die Arbeit der Landesleitung. Auch die Unterstützung, die ich sowohl von meinem Vorgänger Wilhelm Haller als auch von der derzeitigen Landesleiterin Angelika Springeth erhalte, hilft mir sehr, die neuen Aufgaben zu meistern. 

Die Bauernjugend hat und wird auch in Zukunft immer einen hohen Stellenwert in meinem Leben einnehmen. Durch die gute Vernetzung des Vereins in allen Landesteilen kann man sich mit Gleichgesinnten treffen und austauschen und viele neue Gesichter kennenlernen. Ich will mich mit den Funktionärinnen und Funktionären aller Ebenen für eine gute Zukunft in Südtirol einsetzen und einen kleinen Teil dazu beitragen, dass auch in Zukunft die Landwirtschaft in Südtirol mit ihrer großen Vielfalt eine wichtige Säule der Gesellschaft bleibt. 

Die ersten Aufgaben werden sicher mit dem Erwachen des Ehrenamtes aus dem Dornröschenschlaf, den wir gerade aufgrund der Pandemie erleben, verbunden sein. Wir als Verbände müssen gemeinsam mit der Politik einen Weg finden, damit die ehrenamtlichen Vereine wieder einigermaßen ihrer Aktivität nachgehen können. Ich befürchte, wenn wir noch länger in diesem Stand-by-Modus hängen, werden wir viele Mitstreiterinnen und -streiter verlieren. Wenn das Vereinsleben in Südtirol wegbricht, sind diese Schäden durch keinen „Recovery Fund“ zu ersetzen.

Dein Vorgänger hat dir eine sehr gut aufgestellte Organisation hinterlassen und einige Ideen auch verwirklicht. Kannst du uns einen konkreten Schwerpunkt nennen, den du in deiner Amtszeit umsetzen möchtest?

Raffael Peer: Ein sehr großes Anliegen meinerseits ist die Zusammenarbeit mit den Ortsgruppen und den Mitgliedern. Nur wenn vor Ort gute Arbeit geleistet wird, bleiben wir als Verein für neue Mitglieder attraktiv. Wir werden als Landesverband in Zukunft die Ortsgruppen mehr einbinden müssen, damit sie unsere Aktionen und Veranstaltungen mittragen. Sollte uns das nicht gelingen, werden immer weniger Jugendliche bereit sein, ihre Freizeit für die Bauernjugend zu opfern. Die Bauernjugend ist mittlerweile sehr vielfältig: Von Landwirtschaft, Schule, Handwerk bis zum Gastgewerbe sind alle mit dabei. Das ist ein Zeichen, dass wir gut gearbeitet haben und in den letzten Jahren auch für die nichtbäuerliche Jugend Ansprechpartner waren. Wir sind nicht umsonst die größte Jugendorganisation und möchten auch weiterhin der erste Ansprechpartner der Jugend bleiben.

Angelika, du kennst die Bauernjugend in- und auswendig und weißt, was sie alles leistet. Was erwartest du dir von den kommenden beiden Jahren?

Angelika Springeth: Die Südtiroler Bauernjugend ist vielfältig. Ohne den unermüdlichen Einsatz der Ortsgruppen würde die Arbeit in der Landesführung nicht funktionieren. Eine gute Verbindung zwischen den Ortsgruppen und den Bezirken und der ­ständige Austausch zwischen Landesleitung und Landesführung sind in einem großen Verein sehr wertvoll. 

Auch in der neuen Amtsperiode werden jährliche Veranstaltungen, wie die Landesweinkost oder das Handmähen, weitergeführt. Vor allem freue ich mich aber auf frische Ideen und neue Aktionen. Es ist auch schon ein neues Projekt in Planung, dem ich schon mit Spannung entgegenfiebere. Besonders am Herzen liegt mir aber ein baldiger Neustart. Nach den Einschränkungen des vergangenen Jahres hoffe ich, dass die Neugewählten ihren Ideen freien Lauf lassen können und Herzens-
projekte verwirklichen dürfen. Die Kreativität, neue Akzente zu setzen, soll auch diese Amtsperiode ein ständiger Begleiter der Landesführung sein. Ich hoffe, dass die neuen Mitglieder die Freude am Vereinsleben und am Ehrenamt beibehalten.

Die Bauernjugend hat als größte Jugendorganisation des Landes durchaus auch politisches Gewicht. Ein Dauerthema ist die Junglandwirteförderung. Was liegt dir, Raffael, dort am Herzen?

Raffael Peer: Die Junglandwirteförderung ist für die Bauernjugend immer ein wichtiges Thema gewesen und wird es auch in Zukunft bleiben. Wir als Südtiroler Bauernjugend haben unsere Standpunkte und werden diese mit aller Kraft und besten Argumenten vorbringen. Ein wesentlicher Punkt unserer Forderungen ist die Anerkennung und höhere Bewertung der mehrjährigen landwirtschaftlichen Schulausbildung. Dies würde auch zur Aufwertung der landwirtschaftlichen Ausbildung beitragen und könnte die sinkenden Schülerzahlen in den Fachschulen einbremsen. Uns ist klar, dass nicht jeder Vorschlag aufgenommen werden kann, aber wir fordern die Entscheidungsträger auf, unseren Punkten mehr Gewicht und Beachtung zu schenken.

Die Bauernjugend hat mit der Aktion „So(g) frisch“ zuletzt einen besonderen Schwerpunkt auf die heimischen Produkte gelegt. Was ist aus deiner Sicht das Besondere daran?

Raffael Peer: Aktionen wie „So(g) frisch“ und die Kochbox-Aktion von „Dein Südtiroler Bauer“ zeigen den Südtirolerinnen und Südtirolern, wie vielfältig unsere Landwirtschaft ist. Aus den Rohprodukten der vielen Obstwiesen, Weinberge und Weiden werden hochwertige Produkte hergestellt, die von hohen Standards zeugen. Der Fokus sollte aber nicht nur auf die Produktion gelegt werden, sondern auch die soziale Komponente sollte nicht außer Acht gelassen werden. Die Landwirtschaft bietet vielen einen gesicherten Arbeitsplatz und eine gerechte Entlohnung.

Des Weiteren haben solche Aktionen auch einen grünen Hintergrund. Die Begriffe Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind ja mittlerweile millionenfach eingesetzt worden und kommen auch bei diesen Aktionen zum Tragen. Die kurzen Transportwege und das zum Teil wegfallende Verpackungsmaterial (Plastikfolien usw.) tragen ihrerseits dazu bei. Ich finde solche kleinen Aktionen wertvoller als das Verteilen teurer Broschüren, die schlussendlich als Müll entsorgt werden. Durch die Aktion „So(g) frisch“ wurde die Bevölkerung unmittelbar angesprochen und der direkte Kontakt hergestellt.