Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 18.02.2021

„So regional wie nur ­möglich“

Wie wichtig die Produktion vor Ort ist, hat Corona gezeigt. Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler forderte deshalb bei der Klausurtagung des Bauernbundes mehr Unterstützung für Regionalität. Diskutiert wurden auch Wasserzins und Großraubwild. von Michael Deltedesco

„Wir brauchen ein Umdenken und so viel regionale Produktion wie nur möglich“, forderte Landesobmann Leo Tiefenthaler bei der Klausurtagung.

„Wir brauchen ein Umdenken und so viel regionale Produktion wie nur möglich“, forderte Landesobmann Leo Tiefenthaler bei der Klausurtagung.

Die Corona-Pandemie hat eine lange Tradition im Südtiroler Bauernbund durch­einandergebracht: Nicht wie üblich in Terlan, sondern online fand heuer die Klausurtagung statt. Das hat über 170 bäuerliche Funktionäre nicht daran gehindert, die Tagung mitzuverfolgen und mit den politisch Verantwortlichen und der Bauernbund-Spitze zu diskutieren, Bilanz und Mitgliedsbeiträge zu beschließen. 

Eröffnet wurde die Klausurtagung klassisch mit der Rede des Landesobmannes Leo Tiefenthaler, der dabei auf die großen aktuellen Themen der Landwirtschaft wie die Regionalität einging. „Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie abhängig wir mittlerweile vom Ausland sind. Wir brauchen ein Umdenken und so viel regionale Produktion wie nur möglich.“ Hier müsse auch die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen setzen und die Gesellschaft die Regionalität stärken. 

Die Vergabe der Lieferung von Milchprodukten durch den Sanitätsbetrieb an ein Unternehmen aus Venetien stößt vielen Bäuerinnen und Bauern noch immer sauer auf. So etwas dürfe es nicht mehr geben, forderten einige Ortsobmänner. Auch wurde befürchtet, dass nicht alle Vorgaben der Ausschreibung eingehalten werden. Es gebe das Gerücht, dass die Milch nicht gentechnikfrei sei und hormonbehandeltes Fleisch geliefert werde. Daher brauche es mehr Kontrollen. Zugleich soll eine neue Bestimmung zur Lebensmittelkennzeichnung, wie sie derzeit in Ausarbeitung ist, für mehr Regionalität in Gemeinschaftsküchen sorgen, sagten die Landtagsabgeordneten Manfred Vallazza und Franz Locher. Auch der Tourismus sollte stärker auf Regionales setzen. Und nicht zuletzt müssen die privaten Endverbraucher mehr sensibilisiert werden.

Hilfen für die Betriebe 

2020 war ein schwieriges Jahr für gleich mehrere Sektoren. Die Schließung der Beherbergungsbetriebe, der Geschäfte und der Gastronomie haben den Absatz beim Wein zeitweise fast zum Erliegen gebracht. Absatzschwierigkeiten gab es auch bei einigen Milchprodukten. Zudem mussten die „Urlaub auf dem Bauernhof“-Betriebe, die bäuerlichen Schankbetriebe und die Gärtnereien deutliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Bei den angedachten wirtschaftlichen Unterstützungsmaßnahmen darf die Landwirtschaft nicht vergessen werden, forderten gleich mehrere Funktionäre. Zudem müsse die Hilfe rasch kommen und wenn nötig vom Land selbst. In der derzeitigen Situation auf Rom zu hoffen, sei zu wenig. Arnold Schuler erklärte, dass verschiedene Überlegungen gemacht werden und Hilfen sowohl für kleine und mittelgroße als auch für größere Betriebe angedacht sind. 

Die Corona-Pandemie war noch in einem anderen Zusammenhang ein Thema. „Im Frühjahr letzten Jahres hat der Südtiroler Bauernbund sehr schnell auf den Lockdown reagiert und seine Dienstleistungen, wo immer möglich, online angeboten. Die Umstellung hat sehr gut geklappt und wurde von den Mitgliedern gut angenommen, wie viele Rückmeldungen zeigten.“ Auch im Sommer und Herbst habe der Bauernbund rasch eine Lösung für Ernte­helfer gefunden – sowohl durch die Plattform ­„Agrijobs“ wie durch die „aktive Betriebsquarantäne“ für Erntehelfer aus bestimmten Ländern. 

Nachbesserungen nötig

Ein weiteres heißes Eisen, das von den Bauernbund-Ortsobmännern und Bezirksbauernräten aufgegriffen wurde, war der Wasserzins. Die Einführung bzw. Erhöhung der Gebühren für die Wassernutzung bedeutet für die Betriebe zusätzliche Belastungen, besonders im Berggebiet. „Mit den Wasserkosten, wie sie jetzt sind, sind wir überhaupt nicht zufrieden. Wir werden uns weiter für Verbesserungen einsetzen und haben erst kürzlich ein Schreiben an den zuständigen Landesrat Giuliano Vettorato gesandt“, stellte Tiefenthaler klar. Landesrat Arnold Schuler bestätigte, dass sich in der praktischen Umsetzung Schwierigkeiten zeigen, die zu verbessern sind. 

Nachzubessern sei aber nicht nur bei den Wasserkosten, sondern auch bei der Ausweisung von Trockengebieten, lautete eine Forderung aus dem Vinschgau. 

Zufrieden ist der Bauernbund hingegen mit den Bestimmungen zur Sicherheit von Wasseranlagen. „Hier haben sich die bäuerlichen Abgeordneten für eine bessere Regelung eingesetzt.“

Großraubwild bleibt Problem

Nach wie vor aktuell sind die Gefahren durch das Großraubwild. Trotz zahlreicher Interventionen, grenzüberschreitender Initiativen und den Bemühungen der Politik, die bei der Klausurtagung gewürdigt wurden, komme man keinen Schritt weiter. „Wir fordern weiterhin, dass großraubwildfreie Gebiete ausgewiesen werden können“, sagte Tiefenthaler. Landesrat Arnold Schuler und Senator Meinhard Durnwalder bestätigten, dass es in Rom kein Verständnis für die Anliegen Südtirols gebe. Sie versprachen, sich weiterhin für eine Lösung im Sinne der heimischen Berglandwirtschaft einzusetzen. „Wenn es sein muss, werden wir Strategie wechseln“, meinte Durnwalder. Schuler erklärte, dass es einen neuen Anlauf für eine Regelung gemeinsam mit dem Trentino geben wird. 

Auch die EU-Agrarpolitik streifte Landesobmann Tiefenthaler in seiner Rede. Mit den Verhandlungen und den Vorschlägen für die GAP nach 2022 sei der Bauernbund durchaus zufrieden. Nun sei zu hoffen, dass sich die Corona-Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen nicht negativ auf den Agrarhaushalt auswirken. Eine große Chance sehen viele Bäuerinnen und Bauern in der nachhaltigen Produktion. Daran führt auch kein Weg vorbei. Die Kriterien müssten aber in der Praxis umsetzbar sein, hieß es. Zudem müssen die Anstrengungen der bäuerlichen Betriebe, nachhaltiger zu produzieren, kommuniziert werden. „Dann ist die Nachhaltigkeit ein Marktvorteil“, ist der EU-Abgeordnete Herbert Dorfmann überzeugt.  

Kein Verständnis hatten viele Funktionäre bei der Klausurtagung für die Änderung der Förderung für Kleindenkmäler wie etwa Schindeldächer. Der Tenor: Das Land muss die häufig sehr kostspielige Erhaltung weiterhin unterstützen. Eine Reihe von Fragen an Landesrätin Maria Hochgruber Kuenzer gab es zum neuen Landesgesetz für Raum und Landschaft. Auch hier seien noch einige offene Fragen zu klären. 

Ein Dauerthema bleibt die Freizeitnutzung auf bäuerlichem Grund. Funktionäre forderten Respekt und Verantwortungsbewusstsein, vor allem von den Radfahrern. Weitere Themen waren das ländliche Wegenetz, die Waldbewirtschaftung, die Tierhaltung sowie die Kumulierbarkeit von Förderungen und die Junglandwirteförderung. Zum Abschluss appellierte Landesobmann Leo Tiefenthaler an die Teilnehmer, vorsichtig zu sein und die Corona-­Sicherheitsmaßnahmen strikt zu befolgen.