Seniorenvereinigung, Südtiroler Landwirt | 10.12.2020

„Das Ehrenamt ist ­wertvoll“

Am 5. Dezember war der Internationale Tag des Ehrenamtes. Der „Südtiroler Landwirt“ hat diesen Tag zum ­Anlass genommen, um mit dem Landespräsidenten der Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund, ­Gottfried Oberstaller, über das Ehrenamt zu sprechen. von Karin Alber

Wer sich ehrenamtlich engagiert, tut für sich selber etwas und für die Gesellschaft, ist sich Gottfried Obersteller sicher.  Foto: Acaria, Pixabay

Wer sich ehrenamtlich engagiert, tut für sich selber etwas und für die Gesellschaft, ist sich Gottfried Obersteller sicher. Foto: Acaria, Pixabay

Der Internationale Tag des Ehrenamtes wurde von den Vereinten Nationen vor 35 Jahren eingeführt. Ziel war bzw. ist die Anerkennung und Förderung des ehrenamtlichen Engagements weltweit.

Gottfried Oberstaller ist seit Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht als Freiwilliger im Einsatz: Seine ehrenamtliche Laufbahn umfasst sozial­es und kulturelles, schulisches und kirchliches sowie wirtschaftliches und politisches Engagement. Ausgeübt hat er seine ehrenamtlichen Tätigkeiten sowohl als einfaches Mitglied als auch als Funktionär in verschiedenen Vereinen, aber auch als Freiwilliger abseits von Organisationen. Im folgenden Interview verrät der Landespräsident der Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund unter anderem, was ihn zu dieser langen Ehrenamtsgeschichte motiviert hat. Gottfried Oberstaller schildert aber auch, wie sich die Corona-Pandemie seiner Meinung nach auf die Tätigkeit von Vereinen und das Ehrenamt an sich auswirkt.

Südtiroler Landwirt: Herr Oberstaller, wie sind Sie zum Ehrenamt gekommen und was hat Sie motiviert, immer wieder neue freiwillige Aufgaben zu übernehmen?

Gottfried Oberstaller: Es hat mich eigentlich schon immer interessiert, ehrenamtlich in einem Verein mitzuarbeiten. Als ich so um die 17 Jahre alt war, waren in den Vereinen in meinem Dorf vorne dran immer ältere Leute. Die waren aber mit bestimmten Dingen überfordert, beispielsweise mit der „Kassa“. Ich habe den Umgang damit in der Landwirtschaftsschule gut gelernt. Und so habe ich mir gedacht, dass ich dieses Wissen gerne in einen Verein einbringen möchte. Ich wollte also schon in jungen Jahren mitentscheiden und ­mitarbeiten. Der erste Verein, bei dem ich als Funktionär tätig war, war der Braunviehverein Taisten. Als sie mich dort gefragt haben, ob ich mittun möchte, habe ich sofort Ja gesagt. Sie haben mich dann gleich zum Kassier und Schriftführer ernannt. Und so ist es dann immer weitergegangen, das eine hat irgendwie das andere ergeben. 

Mir war es immer wichtig, etwas für andere zu tun und dadurch auch für mich selbst, denn so hat man das Gefühl, dass man nicht nur ein Mitläufer ist, sondern etwas bewegen kann. Das ist es, was mich immer interessiert und mir stets Freude bereitet hat: Meine Interessen mit jenen der Gesellschaft zu verbinden und so sowohl etwas für die Allgemeinheit als auch für mich persönlich zu tun.

Gibt es einen Verein, der Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist? Und falls ja, warum?

Ja, sicher: Das ist die Musikkapelle Taisten. Sie ist der Verein, der mich am längsten begleitet – als Hornist. Lange Zeit war ich auch im Vorstand tätig, und zwar zuerst sechs Jahre lang als Kassier und dann weitere
27 Jahre lang als Obmann. Die Kapelle hat mich sehr geprägt und mir im Leben wirklich viel gebracht. Wenn man mit Leuten so oft zusammenkommt, dann bauen sich gute Freundschaften auf. Die begleiten mich bis jetzt noch. 

In letzter Zeit ist mir natürlich auch die Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund besonders ans Herz gewachsen. Die Seniorinnen und Senioren sind sehr dankbar, wenn man etwas für sie tut, und sie spüren, wenn man mit Freude dabei ist. Unsere Vereinigung ist wie eine große Familie, in der wir uns alle auf derselben Ebene begegnen. 

Grundsätzlich haben mich aber alle meine ehrenamtlichen Tätigkeiten geprägt, egal, ob in einem Verein oder nicht, ob als Ausschussmitglied oder nicht. Und dabei war es mir immer wichtig, vielseitig interessiert zu bleiben. Das Leben ist breit gefächert und dementsprechend wichtig waren mir Tätigkeiten in allen Lebensbereichen.

Gottfried Oberstaller
Gottfried Oberstaller ist seit Langem in vielerlei Hinsicht ehrenamtlich tätig.


In Südtirol hat das Ehrenamt eine lange Tradition. Spielt es Ihrer Meinung nach auch in der heutigen Gesellschaft noch eine große Rolle?

Auf jeden Fall! Ohne das Ehrenamt wäre nämlich auch die heutige Gesellschaft arm dran. Wenn zum Beispiel alles „von oben herab“ organisiert oder bezahlt werden müsste, dann wäre unser Land ein anderes. 

Zwei Punkte liegen mir diesbezüglich sehr am Herzen: die Bürokratie und die Verantwortung. Sie müssten unbedingt verbessert werden! Es bräuchte eine Vereinfachung des bürokratischen Teils, denn sonst laufen wir Gefahr, dass sich irgendwann niemand mehr auskennt und es jedem zu viel ist. 

Weiters bräuchte es eine Haftpflichtversicherung, die vom Land aus gemacht wird und die Verantwortung der Funktionäre wenigstens zum Teil absichert. Oft ist das nämlich ein Grund, warum jemand nicht den Vorsitz in einem Verein übernehmen will oder kann. Wenn das Ehrenamt bestehen bleiben soll, müssen die Freiwilligen unterstützt werden!

Es gibt Vereine, die tun sich leicht, Freiwillige zu finden, und andere, die tun sich schwer. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Grundsätzlich freut mich, dass es immer wieder Leute gibt, die anpacken wollen und sich mit Herz und Elan für die Gesellschaft einsetzen. Mir kommt vor, dass sich Vereine, deren Angebot breit gefächert ist und die viel machen, sich leichter tun, neue Funktionärinnen und Funktionäre sowie Mitglieder zu finden, als andere. Ich glaube, es braucht einfach die Akzeptanz für einen Verein und die Freude an den Themen, um mitzutun.

Die Corona-Pandemie wirkt sich „zwiespältig“ auf das Ehrenamt aus: Einerseits gibt es Vereine, die dadurch besonders gefordert sind, und andererseits solche, die fast nichts mehr tun können. Wie erleben Sie das – speziell in der Seniorenvereinigung?

Ja, man sieht, dass sich beispielsweise die Vereine und Verbände, die sozial ausgerichtet sind, zurzeit leichter tun. Sie können den Leuten vor Ort helfen und ihnen eine Stütze sein. Andere, beispielsweise Freizeitclubs und Hobbyclubs, stehen im Moment hingegen still. 

Auch die Seniorenvereinigung konnte dieses Jahr leider nur sehr wenig organisieren und unternehmen. Den Seniorinnen und Senioren macht vor allem zu schaffen, dass sie sich nicht mehr persönlich treffen können. Am Anfang der Corona-Pandemie wurden die älteren Menschen ein bisschen zu viel als Risikogruppe abgestempelt. Das hat in der Folge dazu geführt, dass sich einige stark zurückgenommen haben und nun ganz einsam leben. Wir haben halt versucht, mit unseren Seniorinnen und Senioren immer telefonisch in Kontakt zu bleiben. 

Ich sehe in dieser Krise aber auch eine Chance, und zwar eine Chance für einen Neubeginn. Durch dieses „Herunterfahren“ der Tätigkeiten warten die Leute fest darauf, dass die „normale“ Arbeit wieder losgeht. Und sie freuen sich umso mehr, dann wieder mitmachen zu können. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass es nach dieser schwierigen Zeit in den Vereinen eine Aufbruchstimmung geben wird.

Zum Abschluss eine Frage an Sie als Ehrenamtlicher mit viel Erfahrung: Warum soll das ehrenamtliche Engagement auch zukünftig anerkannt und gefördert werden?

Eine ehrenamtliche Tätigkeit, wie sie in Südtirol gelebt wird, ist für die Allgemeinheit unbezahlbar. Durch die gemeinsame Tätigkeit von Menschen wird das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander gestärkt, und es entstehen neue Freundschaften. Als Ehrenamtliche ist es unsere Aufgabe, das vorzuleben und so weiterzugeben, damit sich auch zukünftig immer wieder Leute finden, Frauen und Männer, die bereit sind, sich freiwillig für eine Sache starkzumachen. 

Die Werte, die in den Vereinen wichtig sind, sind für alle Menschen und auch für die Zukunft unseres Landes essenziell und wichtig: der Zusammenhalt und das Allgemeinwohl. Aus diesem Grund ist das Ehrenamt so wertvoll!