Bauernbund | 26.11.2020

Mehr Regionalität ist möglich

Zukünftig soll es mehr lokale, saisonale und biologische Lebensmittel in der Gemeinschaftsverpflegung geben, waren sich die Teilnehmer einer Online-Tagung zur „Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung“ einig. Klar wurde aber auch, dass dies gar nicht so einfach ist. von Michael Deltedesco

Eltern schätzen die regionale Herkunft der Produkte, die ihre Kinder in Kindergarten und Schule auf den Teller bekommen. Foto: Andrzej Rembowski, Pixabay

Eltern schätzen die regionale Herkunft der Produkte, die ihre Kinder in Kindergarten und Schule auf den Teller bekommen. Foto: Andrzej Rembowski, Pixabay

Jedes Mal, wenn ein Unternehmen von außerhalb Südtirols eine Ausschreibung gewinnt und Lebensmittel aus anderen Regionen in den Großküchen bzw. auf dem Teller der Südtiroler landen, ist der Aufschrei – zu Recht – groß und wird der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung laut. 

Dass es beim Thema Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung noch Luft nach oben gibt, darauf machte Landeshauptmann Arno Kompatscher auf der Onlineveranstaltung aufmerksam: „Möglichkeiten, regionale Produkte bei öffentlichen Vergaben stärker zu berücksichtigen, gibt es schon heute.“ Sie müssten aber besser genutzt werden. Als Hilfestellung soll es in Kürze einen Leitfaden für Bezieher und Lieferanten geben. 

Zudem versprach Kompatscher, sich im Ausschuss der Regionen in Brüssel für eine Nachbesserung der EU-Richtlinien einzusetzen. „Zukünftig soll die Vergabe an Anbieter lokaler Produkte explizit und nicht nur über ‚Umwege‘ möglich sein. Das hat nichts mit Kirchturmpolitik zu tun, sondern stärkt regionale Kreisläufe und dient der Nachhaltigkeit sowie dem Klimaschutz, dem sich auch die Landesregierung verpflichtet hat“, sagte Kompatscher. 

Auch Peter Defranceschi von ICLEI, einer internationalen Vereinigung nachhaltiger Städte, zeigte Möglichkeiten für mehr Regio­nalität bei öffentlichen Ausschreibungen auf. Allerdings dürften die Kriterien nicht diskriminierend sein und noch einen fairen Wettbewerb zulassen. 

Zudem wies Defranceschi darauf hin, dass Italien als einziges EU-Land die nachhaltige Beschaffung verbindlich festgeschrieben hat. „Das bedeutet, dass zukünftig bei vielen Produkten mindestens die Hälfte der eingekauften Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft kommen muss, bei einigen Produkten sogar die gesamte Lieferung.“ Er sprach sich für klare politische Richtlinien und eine Analyse von lokalem Angebot und Nachfrage aus. Zudem sei die Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung als Teil der Klimastrategie des Landes zu sehen.

Angebot und Nachfrage zusammenführen

Auf den von Landeshauptmann Arno Kompatscher angesprochenen Leitfaden ging Marco Zancanella vom Gemeindenverband Südtirol ein. Ziel des Leitfadens ist eine gemeinsame Strategie für den Einkauf von lokalen Lebensmitteln vonseiten öffentlicher Vergabestellen. Ein zentraler Punkt ist, dass sich Angebot und Nachfrage treffen. „Wenn wir mehr lokale Lebensmittel in den öffentlichen Küchen wollen, müssen die öffentlichen Einrichtungen wissen, wer welche Lebensmittel anbietet. Und die Produzenten müssen wissen, wer welche Lebensmittel braucht. Hier muss noch nachgebessert werden.“ 

Frage von Wille und Flexibilität

Von seinen Erfahrungen mit der Belieferung öffentlicher Einrichtungen berichtete Peter Kaufmann von der Einkaufsgenossenschaft Emporium. Zu schaffen machen oft die Ausschreibungen. Damit die Belieferung mit regionalen Produkten klappt, sei der Wille der Auftraggeber – Gemeinden, Bezirksgemeinschaften oder Land – entscheidend. Daneben müssten auch die Anbieter flexibel sein. Die Bereitschaft, für Regionales etwas mehr Geld auszugeben, sei noch nicht bei allen Auftraggebern da. 

Auch für Metzgermeister Alexander Holzner seien der Dialog und die Bereitschaft, auf den Anbieter bzw. den Annehmer einzugehen, sowie das Wissen über Angebot und Nachfrage entscheidend.“ 

Alexander Plattner, Obmann von Wippland, sprach sich für mehr Sensibilisierung für die Bedeutung von regionalen Lebensmitteln aus: „Der Trend zu gesunder und nachhaltiger Er­nährung muss auch in den Mensen noch stärker werden.“ 

Positive Beispiele machen Mut

Ein gutes Beispiel, das zeigt, dass mehr lokale Lebensmittel in öffentlichen Küchen keine Illusion sind, ist die Gemeinde Vöran. „Derzeit arbeiten wir mit drei lokalen Bauern zusammen, die unsere Küche besonders mit saisonalen Lebensmitteln beliefern. In Zukunft möchten wir dieses Angebot noch ausweiten“, sagte Bürgermeister Thomas Egger. Gerade bei Fleisch gebe es noch viel Potenzial. Wichtig sei, den bürokratischen Aufwand möglichst gering zu halten. „Zu viel Bürokratie schreckt interessierte Direktvermarkter ab“, hat die Gemeinde laut Egger gelernt. 

Ebenfalls eine Vorzeigegemeinde ist Schlanders. Bauern aus der Gemeinde liefern vor allem saisonale Lebensmittel. Dafür nehme die Gemeinde einen Mehraufwand in Kauf, bestätigte die zuständige Gemeindereferentin Monika Wielander Habicher. Eine zentrale Rolle komme hierbei den Gemeindesekretären und den Köchen bzw. dem Küchenpersonal zu. „Wer viel mit regionalen, saisonalen Lebensmitteln kocht, muss flexibel und kreativ sein und den Mehraufwand bei der Bestellung auf sich nehmen. Zudem ist klar, dass nicht alle Produkte das ganze Jahr über zur Verfügung stehen“, betonte Wielander Habicher. Zudem müssten die Gemeinden interessierten Direktvermarktern bei der Bewältigung der Bürokratie behilflich sein. 

Den Anbietern empfiehlt Wielander Habicher, sich zu vernetzen, um so die Nachfrage besser abdecken zu können. Aktiv ist Schlanders auch in der Fortbildung der Mitarbeiter. Sie sollen für die Bedeutung von regionalen Lebensmitteln in den Küchen sensibilisiert werden. In der Aus- und Weiterbildung sieht auch der Präsident des Südtiroler Gemeindenverbandes, Andreas Schatzer, einen Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung.  

Herkunftsbezeichnung verbessern

Ein weiterer Aspekt ist die Herkunftsbezeichnung. In Österreich wurden bereits konkrete Schritte gesetzt, berichtete Christian Jochum von der Landwirtschaftskammer in Österreich: „Besonders bei Lebensmitteln tierischen Ursprungs und bei wenig verarbeiteten Produkten ist die Herkunftsangabe wichtig. Derzeit beteiligen sich 75 Unternehmen, die über 14 Millionen Essen ausgeben, an einem Projekt zur Herkunftstransparenz.“ Zahlen aus der Schweiz würden zeigen, dass durch eine verpflichtende Herkunftsbezeichnung der Anteil an Produkten aus lokalem Anbau deutlich ansteigt. 

Eltern schätzen Regionalität

Doch wollen die Menschen überhaupt nachhaltige Lebensmittel in der Gemeinschaftsverpflegung? Für die Ernährungswissenschaftlerin Ivonne Daurù ist die Antwort klar. „Dass Nachhaltigkeit bei Eltern von Kindergartenkindern hoch im Kurs steht, zeigt eine Umfrage in 18 Kindergärten im Gadertal und in Gröden. „Den Eltern sind Regionalität und Saisonalität sowie eine nährstoffschonende Zubereitung der Speisen sehr wichtig. Zudem wollen sie über die Herkunft und die Qualität der Lebensmittel, die auf die Teller ihrer Kinder kommen, informiert werden“, fasste die Projektkoordinatorin Daurù zusammen. Gute Chancen also für mehr Regionalität in heimischen Mensen – es müssen nur alle mitspielen!

Die Onlineveranstaltung „Mens(a) sana in corpore sano“ wurde von der Organisation für Eine solidarische Welt (OEW), von eurac research, ICLEI, Südtiroler Ernährungsrat, Südtiroler Gemeindenverband, der Gruppe MahlZeit, dem Land Südtirol und dem Südtiroler Bauernbund organisiert. Ein Tagungsband ist in Ausarbeitung. Dieser ist ab Mitte Jänner bei eurac research erhältlich.