Südtiroler Landwirt, Marketing | 29.10.2020

Mit 1000 Kleinigkeiten überraschen ...

Urlaub auf dem Bauernhof ist ganz vorne mit dabei, wenn es um die Megatrends im Tourismus geht, lautet die (Video-)Botschaft der diesjährigen UaB-Tagung. Trotzdem gilt es am Angebot und am Erscheinungsbild zu feilen. Und den Gast immer wieder zu überraschen. von Renate Anna Rubner

Von der Einfahrt über den Innenhof zum Spielplatz bis hin zu Ruheräumen – es geht um die Details.

Von der Einfahrt über den Innenhof zum Spielplatz bis hin zu Ruheräumen – es geht um die Details.

Als Beschleuniger für die Entwicklung nachhaltiger Trends, sogenannter Megatrends, bezeichnet Zukunftsforscher Tristan Horx die Corona-Pandemie: „Megatrends sind in der Regel wie eine Welle: groß, langsam und konstant. Sie dauern 25 Jahre und mehr, sind ubiquitär, also in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen präsent, und global. Eine Revolution in Zeitlupe.“ Tristan Horx war einer der Gastreferenten der diesjährigen Fachtagung für Urlaub auf dem Bauernhof. Sie war ursprünglich als hybride Veranstaltung geplant, Interessierte hätten also sowohl direkt  in der Messe Bozen teilnehmen oder vor den Computerbildschirmen von zu Hause aus mit dabei sein können. Letztendlich musste die Abteilung Marketing im Südtiroler Bauernbund aber aufgrund der letzhin ansteigenden Infektionszahlen ganz auf digital umschwenken: Rund 400 Zugriffe gab es auf den Kanal der diesjährigen UaB-Tagung, was in etwa gleich viele Teilnehmer bedeutet wie in den letzten Jahren.

Die fünf durch Corona noch stärker evident gewordenen Megatrends im Tourismus sind laut Zukunftsforschung Neoökologie (also Nachhaltigkeit), New Work (also die Verbindung von Arbeit und Urlaub), Regionalität („Glocalisierung“), Sicherheit und Digitalisierung. Dabei plädierte Horx dafür, die Digitalisierung nicht als Selbstzweck zu sehen: „Das Netz löst Verbindungs-, aber keine Beziehungsfragen!“, sagte er, deshalb müsse die Technik eingesetzt werden, um potenzielle Gäste zu erreichen, Buchungen zu erleichtern und eine gute Dienstleistung zu bieten, letztendlich gehe es aber darum, durch das Digitale mehr Zeit fürs Analoge, sprich für die persönliche Beziehung mit den Gästen zu haben. 

Tristan Horx sprach in diesem Zusammenhang auch von Resonanztourismus und meint damit den Austausch zwischen Gastgebern und Gästen: „Resonanztourismus ist keine Einbahnstraße. Beide Seiten geben und nehmen, man steht in Wechselwirkung, man schwingt miteinander.“ Das sei die Zukunft des Tourismus. Und: Bäuerinnen und Bauern können alle Bedürfnisse, die die Gäste aktuell und in Zukunft an ihren Urlaubsort stellen, bestmöglich befriedigen: die Sehnsucht nach Heimat, nach Vertrautheit, nach Natur und Natürlichkeit, Authentizität und nach echten Erlebnissen. „Sie sitzen am Trendhebel dran!“, meinte er, „das sind Ihre Stärken.“

Brille des Gastes aufsetzen

Die eigenen Stärken deutlich zu zeigen, dafür plädierte Florian Hitthaler von Kohl & Partner in seinem Vortrag, in dem es um den Außenbereich von UaB-Betrieben ging. Er riet: „Setzen Sie die Brille ihrer Gäste auf, und gehen Sie auf Ihrem Hof herum. Freuen Sie sich darüber, was Ihnen gefällt und was so bleiben soll!“ Überlegen solle man sich aber auch, was zwar grundsätzlich gut, jedoch verbesserungswürdig ist. Und wenn etwas überhaupt nicht passen sollte, gebe es nur drei Szenarien: Entweder man schafft es auf den Dachboden, verkauft oder tauscht oder aber man entsorgt es. Hitthaler untermauerte seine Ausführungen mit eindrücklichen Bildern von Außenbereichen: von gut und weniger gut gelungenen. 

Damit lud Hitthaler die Zuschauerinnen und Zuschauer auf einen Rundgang um UaB-Betriebe ein: Von der Einfahrt über den Innenhof und den Garten zum Spielplatz bis hin zu Ruheräumen. Es gehe dabei vor allem um die Details. „Die Gäste wollen schöne Zimmer und Wohnungen. Sie wollen aber auch entdecken, fühlen und erleben. Und das ist in einem gepflegten, liebevoll arrangierten Außenbereich möglich“, sagte Hitthaler. „Draußen ist das neue Drinnen.“ Deshalb müsse man den Außenbereich mit Kraft füllen und den Gast durch „1000 Kleinigkeiten“ immer wieder in Staunen versetzen. „Dann ist er nicht nur zufrieden, sondern begeistert“, meinte Hitthaler. Denn Begeisterung fange dort an, wo Wünsche ihre Grenzen haben. 

„Qualität heißt, Gewöhnliches außergewöhnlich zu machen. Durch Inszenierung, das heißt aber nicht übertrieben, sondern in den Vordergrund gestellt und dadurch wertvoll gemacht. Zum Beispiel bereits bei der Einfahrt zum Hof: „Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance“, meinte Hitthaler. Deshalb müsse sich die Gastfamilie vom ersten Moment an willkommen fühlen. Das könne durch eine liebevoll arrangierte und gut ausgeschilderte Einfahrt gelingen, bei der sofort klar wird: Hier macht sich jemand Gedanken, da stecken Arbeit und Liebe drin.

Dasselbe gelte für den Innenhof: Er ist das zentrale Element, das Herzstück, hier treffen sich Urlaub und Arbeit. Der Innenhof müsse also auch entsprechend einladend gestaltet sein: Er soll den Gästen einen Überblick über den Hof geben, stimmig und authentisch sein. Durch Pflanzen, Holzzäune, eventuell einen Brunnen oder auch Wegweiser könne er klar strukturiert werden und ganz nebenbei auch schon deutlich machen, was die Gäste am Hof erwartet: Ist es ein Weinhof oder ein Milchhof, wird vielleicht sogar selber Käse hergestellt? Oder Apfelsaft gepresst? „Mit solchen Details bekommt Ihr Hof Identität und Struktur, er wird stimmig, hochwertig und dadurch auch einladend“, meinte Hitthaler.

Der Gäste liebste Beschäftigung im Garten ist das Entspannen. Das müsse man in der Gestaltung berücksichtigen, sagte Hitthaler. „Wir müssen den Gästen aber auch sagen, was sie wo tun sollen, indem man beispielsweise eine ,Ratschecke‘ ausweist oder einen ,Schweigeplatz‘.“ Mit schön beschrifteten Schildern, mit Toren und Wegen, die begleitend eingesetzt werden.

Ein zentraler Platz am Bauernhof ist laut Hitthaler auch der Spielplatz: Dafür brauche es einen attraktiven Ort am Hof, der mit Ruheplätzen für Eltern und Kinder ausgestattet ist und naturnahe Elemente mit Höhen und Tiefen hat, die es zu erkunden und zu entdecken gilt. So könne nicht nur die Kreativität der Kinder angeregt werden, sondern ein Platz mit „Instagramability“ (zu übersetzen mit Fototauglichkeit) geschaffen werden, ein Ort also, den Kinder und Eltern gleichermaßen gerne besuchen, wo man sich aufhält, gemeinsam Spaß hat und der dazu animiert, Fotos davon zu machen. Die in der Folge in den sozialen Medien gepostet werden und so viele Leute erreichen. Und damit potenzielle neue Kunden ansprechen.

Mit vereinten Kräften

Dass die Stärken von Urlaub auf dem Bauernhof bereits in der Zeit der Corona-Krise deutlich spürbar geworden sind, unterstrich Hans J. Kienzl in seiner Botschaft an die Zuhörerinnen und Zuhörer vor ihren Bildschirmen: „Das heurige Jahr geht als besonderes in die Geschichte ein: Nach geschlossenen Grenzen, der stark eingeschränkten Bewegungsfreiheit und vielen Absagen bzw. fehlenden Buchungen, standen Bäuer­innen und Bauern zunächst stark unter Druck.“
Man habe als Abteilung versucht, rund um die Uhr für die Anliegen und Probleme der Mitglieder da zu sein. Dieses Angebot sei gut angenommen worden. Hans J. Kienzl be­-dankte sich in diesem Zusammenhang bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren Einsatz speziell in dieser Zeit, aber auch bei der Bauernbund-Spitze, die sofort Mittel zur Verfügung gestellt habe, um zu reagieren und einen kraftvollen Neustart zu ermöglichen. „Danke für diese Weitsicht, denn dadurch konnten wir nach dem Lockdown die Betten unserer Betriebe schnell wieder füllen.“

Kienzl bedankte sich aber auch bei den Bäuerinnen und Bauern, die nach dem anfänglichen Schock schnell wieder aktiv geworden sind und ihre Höfe, Wohnungen und Zimmer auf Vordermann gebracht haben. Gleichzeitig warb er für die neue Webseite  www.roterhahn.it: „Ihr hinterlegt im Höfeverwaltungsprogramm bereits die Preise pro Wohnung und Saison. Der Gast erhält dadurch schon bei der Suche ein konkretes Preisangebot, ohne bei euch anfragen zu müssen.“ Das werde von den Gästen immer mehr verlangt. „Wenn wir weiterhin erfolgreich sein wollen, müssen wir diesen Schritt jetzt machen.“ Die Abteilung werde dabei behilflich sein, die entsprechenden Daten im Höfeverwaltungsprogramm einzutragen. Kienzl plädierte dafür, diese Umstellung nicht als Belastung, sondern als Chance zu sehen. „Gemeinsam werden wir auch diese Hürde schaffen!“

Mit vereinten Kräften haben es vor 20 Jahren auch 21 Touristen aus wochenlanger Gefangenschaft im philippinischen Dschungel geschafft. Marc Wallert, einer dieser Gekidnappten, erklärte den Zuhörerinnen und Zuhörern durch seine Geschichte und seinen Umgang mit dieser Ausnahmesituation, wie man aus Krisen nicht gebrochen, sondern gestärkt hervorgehen kann. Zunächst sei es ratsam, das Schicksal anzunehmen, einen tieferen Sinn dahinter zu erahnen. So habe ihm der Gedanke geholfen, dass diese Erfahrung schon für etwas gut sei.

Optimismus, Disziplin, Teamgeist

Trotzdem habe sich anfangs Angst und Hoffnungslosigkeit breitgemacht. Dann habe man sich aber ein gemeinsames Abendritual angewöhnt: „Wir sind um eine Kerze gesessen und haben uns – reihum und laut – bei Gott bedankt. Für irgendetwas, was an dem Tag gut geglückt war: dafür, dass wir unsere Wasservorräte auffüllen konnten, für den Sonnenschein, für das Essen oder dafür, dass um unsere Freilassung verhandelt wurde.“ Das habe Optimismus eingeflößt, Kraft gegeben und die lähmende Angst bezwungen. 

Zu viel Optimismus sei aber auch nicht gut, meinte Wallert. So sei es besser, sich gleich mit einer langen harten Zeit abzufinden, um sich nicht zwischen Hoffen und Bangen aufreiben zu lassen. Auch Disziplin sei gefragt in einer Krise: Das Gefühl, etwas tun zu können, sei wichtig, um sich nicht ausgeliefert zu fühlen. So habe er zum Beispiel täglich trainiert. Und nicht zuletzt habe man als Team agiert, erzählte Wallert. Immer habe jemand anderer die Führerschaft übernommen, je nachdem, was gefragt war: Einer fand technische Lösungen, eine andere war die Krankenschwester, und wieder ein anderer hütete das Feuer. Es gab zwar auch immer wieder Konflikte im Team, trotzdem kam man gemeinsam immer zu einer Lösung, konnte sich aufeinander verlassen. 

„Der Tag meiner Freilassung war der schönste Tag meines Lebens“, sagte Marc Wallert zum Abschluss und wünschte den UaB-Betreiberinnen und Betreibern, dass auch sie stark durch diese (Corona-)Krise kommen mögen. 


Feldhof in Vilpian und Obergruberhof in Latzfons

Wie jedes Jahr zur UaB-Tagung wurden auch in diesem Jahr wieder zwei Vorzeigebetriebe vorgestellt …

Gaby und Christian Thurner vom Feldhof in Vilpian haben einen mutigen Umbau hinter sich. Schon seit 1964 gab es auf ihrem Obsthof Wohnungen für Urlaubsgäste. Die Struktur war aber in die Jahre gekommen, also haben sie sich für einen modernen Neubau entschieden. Seit eineinhalb Jahren vermietet die Bauernfamilie nun die neuen Ferienwohnungen, und zwar als spezialisierter Radhof: Denn Gaby und Christian sind begeisterte Biker und bieten ihren Gästen neben Reparaturwerkstatt und Waschstelle auch geführte Radtouren an.

Auch einen Frühstückskorb oder ein Gabelfrühstück kann man am Feldhof buchen: Das wird von der Oma mit viel Liebe vorbereitet: Meistens gibt es einen selbst gebackenen Kuchen oder Hefegebäck, Kompotte, Apfelmus, Sirup oder Nektar sowie Fruchtaufstriche – alles hausgemacht. 

Christian führt die Gäste gerne durch die Obstwiesen und erklärt ihnen die Arbeiten draußen. So kommen diese mit der Landwirtschaft in Kontakt und wundern sich oft, wie viel Arbeit und Wissen hinter einem Apfel steckt. Um mit den Gästen zusammenzusitzen und den einen oder anderen Abend gemeinsam zu verbringen, nutzen Gaby und Christian ihren Gemeinschaftsraum. „Er ist der wichtigste Platz auf unserem Hof“, sagt die Bäuerin, denn hier trifft man sich, redet und knüpft engeren Kontakt.

Sonja und Hannes Thaler führen den Obergruberhof in Latzfons als Milchviehbetrieb.

Junge und alte Generation harmonieren gut, man teilt sich die Arbeiten auf.

Mit zwei Wohnungen und zwei Blumen sind Sonja und Hannes ursprünglich gestartet. Die Auslastung war nicht besonders. Deshalb entschieden auch sie sich für einen Qualitätssprung. Und der machte sich bezahlt: Mit inzwischen vier Blumen, einer entsprechenden Webseite und dem breiten Urlaubsangebot für Familien mit kleinen Kindern sprechen sie viel mehr Gäste an. Ihr Ziel, vom Hof leben zu können, haben sie so erreicht. 

Nun ist noch ein Aufenthaltsraum in Planung. Dort könnte später auch das Frühstück angeboten werden, das Sonja heute als Frühstückskorb mit vielen eigenen Produkten in die Wohnungen bringt: Speck, Kaminwurzen, Marmelade, Eier, Milch und ein hausgemachter Kuchen dürfen darin nicht fehlen. Manches nehmen die Gäste bei ihrer Abreise auch mit nach Hause, so begeistert sind sie davon.

Und Sonja macht es Freude, ihre Gäste zu verwöhnen und sie zu begeistern. Hannes mag es, wenn die Gäste in den Stall kommen und sich für die Landwirtschaft interessieren. „Dann kann ich ihnen zeigen, wie wir arbeiten und leben“, sagt er stolz.