Produktion | 29.10.2020

Ein Aufatmen bei Weinbauern

Die Traubenernte 2020 ist eingefahren, die Südtiroler Weinwirtschaft zieht daher eine erste Bilanz: Trotz einer rekordverdächtig frühen Blüte und mehrerer Schlechtwetterphasen ist der Jahrgang 2020 für Winzer und ­Kellermeister vielversprechend.

Trotzdem Weinbäuerinnen und -bauern heuer eine schwierige Saison zu bewältigen hatten, liegen nun vielversprechende Weine in den Kellern. Foto: Johannserhof

Trotzdem Weinbäuerinnen und -bauern heuer eine schwierige Saison zu bewältigen hatten, liegen nun vielversprechende Weine in den Kellern. Foto: Johannserhof

In den ersten Septembertagen – und damit acht bis zehn Tage früher als in anderen Jahren – hat heuer die Traubenernte in Südtirol begonnen. Meteorologisch war sie ein Spiegelbild der gesamten Saison: Schon in der Reifephase hatte es immer wieder Regen gegeben, wenige Tage vor der Ernte sogar Hagel und landesweite Unwetter. „Wenn solche Extremereignisse innerhalb weniger Minuten die Arbeit eines ganzen Jahres zunichte machen, ist das für die Winzer schwer zu verkraften“, bedauert Maximilian Niedermayr. Der Präsident des Konsortiums Südtiroler Wein fasst das abgelaufene Weinbaujahr so zusammen: „Die Herausforderungen waren heuer besonders groß, unsere Qualitätsmaßnahmen haben aber gegriffen.“ Deshalb sei man mit der Qualität der diesjährigen Ernte insgesamt zufrieden. Es verspricht, ein guter Jahrgang zu werden. 

Das Wetter? Eine Berg- und Talfahrt

Die Hagelschläge und der Starkregen Ende August waren nämlich nur zwei Extreme in einem witterungsbedingt herausfordernden Jahr für Südtirols Weinbauern. Der Winter und der Frühling etwa glichen einer meteorologischen Berg- und Talfahrt. So folgte auf einen überdurchschnittlich warmen, vor allem im Februar fast frühlingshaften und ausnehmend trockenen Winter ein regnerischer und kühler März. 

Einer Kälteperiode Ende des Monats mussten die Bauern in einigen Lagen sogar mit Frostschutzmaßnahmen begegnen. Der zu kalte März sorgte dafür, dass der Austrieb in diesem Jahr in den von der Landesversuchsanstalt Laimburg beobachteten Rebanlagen deutlich später erfolgte als im zehnjährigen Mittel.

Dieser Rückstand konnte im April und Mai allerdings mehr als wettgemacht werden. Beide Monate verliefen überdurchschnittlich warm und bei zumeist strahlendem Sonnenschein blieb auch der Regen aus. So wurden für den April nur knapp die Hälfte und im Mai etwa zwei Drittel der üblichen Niederschlagsmengen verzeichnet. Sonne, hohe Temperaturen und Trockenheit sorgten für eine rekordverdächtig frühe Blüte, die in den frühreifen Lagen im Etschtal und Unterland bereits um den 10. Mai begonnen hat. „Das ist eine der frühesten Blüten, die jemals beobachtet wurde“, sagt Barbara Raifer, die im Landesversuchszentrum Laimburg für den Bereich Weinbau verantwortlich zeichnet.

Hochsommerliche Verschnaufpause

Der März zu kühl und nass, der April zu warm und trocken, die Blüte früher als im Schnitt: Für die Weinbäuerinnen und -bauern waren das aber nicht die einzigen Herausforderungen in diesem Jahr. Zwei Schlechtwetterphasen Mitte Mai und in der ersten Junihälfte – die Niederschlagsmenge lag in diesem Monat mit 110,4 Millimetern deutlich über dem langjährigen Mittel  von 86,1 Millimetern – hatten in vielen Weinbergen einen hohen Infektionsdruck für Pilzkrankheiten zur Folge, vor allem für Falschen Mehltau, Peronospora. „Die Weinbäuerinnen und -bauern konnten die Situation aber unter erheblichen Anstrengungen gemeinsam mit den Beratungseinrichtungen gut meistern“, sagt Hansjörg Hafner, Bereichsleiter Weinbau im Südtiroler Beratungsring für Obst‑ und Weinbau.

Eine Verschnaufpause gab es erst im Hochsommer, in dem die Hitze bis auf wenige Tage Ende Juli weitgehend ausblieb, die Nächte stets angenehm kühl waren und Regen zwar häufig, aber meist wenig ergiebig fiel. Das Ergebnis dieses Sommers war eine Traubenernte, die in diesem Jahr etwa acht bis zehn Tage früher begonnen hat als gewohnt. So wurde in den tieferen und frühreifen Lagen bereits Ende August mit der Traubenernte begonnen, in den allermeisten Südtiroler Weinbaulagen war es in den ersten Septembertagen so weit.

Allerdings kamen die Bauern auch während der Ernte kaum zur Ruhe. „Der Regen hat auch da immer wieder dazwischengefunkt“, resümiert Hafner. Deshalb liege der Alkoholgehalt in diesem Jahr auch niedriger als in den vergangenen Jahren. „Die Weine werden daher weniger üppig ausfallen, dafür fruchtiger und eleganter“, meint der Weinbauexperte.

Gezielte Mengensteuerung

Quantitativ ist der heurige nach dem witterungsbedingten Auf und Ab über die gesamte Vegetationszeit ein durchschnittlicher Jahrgang. „Das liegt auch und vor allem daran, dass wir schon seit Jahren – und seit heuer noch verstärkt wegen den Absatzschwierigkeiten durch die Covid-19-Situation – die Traubenmenge mit gezielten Maßnahmen steuern“, erklärt Konsortiumspräsident Maximilian Niedermayr. „Diese Steuerung ist eine zentrale Säule unserer Qualitätspolitik und hilft uns, den Südtiroler Wein dauerhaft im Premiumsegment zu etablieren“, sagt Niedermayr. Und vor allem im heurigen Jahr mit seiner widrigen Witterung habe die zusätzliche Begrenzung der Traubenmenge der Qualität zusätzlich gutgetan.

Die Bedeutung der Mengenreduzierung im Weinberg bestätigt auch Hans Terzer, Kellermeister in St. Michael/Eppan und Präsident der Südtiroler Kellermeister: „Durch Ausdünnen und Traubenteilen konnten wir den recht guten Behang auf die idealen Mengen reduzieren“, erklärt er. Zugleich seien die Trauben in höheren Lagen heuer wegen der nicht optimalen Witterung während der Blüte sehr lockerbeerig gewesen. „Das reduziert automatisch die Menge und fördert die Qualität“, sagt Terzer, der sich sowohl mit der Qualität als auch der Menge im heurigen Jahr sehr zufrieden zeigt.

Interessante Rotweine, geschmackvolle Weißweine

Ähnlich geht es auch Stephan Filippi, Kellermeister der Kellerei Bozen und Vizepräsident der italienischen Önologenvereinigung. Noch wenige Wochen vor der Ernte hätten sich gerade die weißen Sorten „vor allem in den höheren Lagen sehr gesund, klar und geschmackvoll“ präsentiert. Zwar sei das erhoffte Schönwetter zur Ernte ausgeblieben, was sich auf die Gradation ausgewirkt hat. Der niedrigere Alkoholgehalt sorge allerdings für eine Fruchtigkeit, von der die Südtiroler Weißweine nur profitieren könnten. Bei den roten Sorten sei in diesem Jahr vor allem von Blauburgunder und Lagrein sehr viel zu erwarten, der Vernatsch sei 2020 ein etwas kleinerer, trotzdem aber eleganter Jahrgang. „2020 wird in jedem Fall ein sehr interessanter Rotwein-Jahrgang“, ist Stephan Filippi überzeugt.

Nach einem herausfordernden Weinbaujahr und so manchem Wermutstropfen durch Hagelschlag, Unwetter und eine durchwegs verregnete Ernte freuen sich Südtirols Kellermeister, Winzerinnen und Winzer also auf einen guten und qualitativ vielversprechenden Jahrgang 2020.