| 23.10.2020

Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

An der Nachhaltigkeit führt kein Weg mehr vorbei, darin waren sich die Teilnehmer der Jahrestagung der Plattform Land einig. Südtirol habe dafür gute Voraussetzungen. Wo Südtirol noch nachhaltiger werden muss, welche Stolpersteine es gibt und was die Entwicklung für den ländlichen Raum bedeutet, haben Experten diskutiert.

Nachhaltigkeit ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance, waren sich die Teilnehmer der Plattform-Land-Jahrestagung einig.

Nachhaltigkeit ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance, waren sich die Teilnehmer der Plattform-Land-Jahrestagung einig.

Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit im ländlichen Raum spielen die Gemeinden eine besondere Rolle, etwa durch die Unterstützung und Umsetzung von nachhaltigen Projekten, die Vernetzung von lokalen Akteuren und die Sensibilisierung der Bürgerinnen und Bürger für Umwelt- und Klimaschutzthemen, sagte Andreas Schatzer, der Präsident der Plattform Land. Auch wenn die Nachhaltigkeit ein globales Thema sei, müssten viele Probleme lokal gelöst werden.

"Global nachhaltige Kommune"
Seit längerem schon setzt die 20.000-Einwohner-Gemeinde Bad Berleburg in Südwestfalen mit dem Projekt „Global nachhaltige Kommune“ auf Nachhaltigkeit und Partizipation. In einem fortlaufenden Beteiligungsprozess vieler lokaler Akteure, Universitäten, der Landesverwaltung und lokalen Unternehmen wurden Nachhaltigkeitsziele und die entsprechenden Maßnahmen entwickelt. So werden alle städtischen Beschlüsse auf die Nachhaltigkeit hin bewertet. Zu den vielen Maßnahmen gehören auch ein Dorferneuerungsprozess und die Weiterentwicklung der südlichen Innenstadt. „Für das Projekt und die Umsetzung ist die Gemeinde Bad Berleburg im letzten Jahr mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet worden“, sagte Bürgermeister Bernd Fuhrmann. Aktuell forciere die Gemeinde das nachhaltige Bauen mit lokalem Holz.   

Vorzeigeprojekt "local - seasonal - fair" der SBO
Auch in Südtirol gibt es viele nachhaltige Vorzeigeprojekte, wie die HGV-Initiative „Südtirol Transfer“ für eine nachhaltige Mobilität oder die Aktion „local – seasonal – fair“ für einen verantwortungsbewussten Einkauf, an der die Südtiroler Bäuerinnenorganisation beteiligt ist. Ein gutes Beispiel ist auch die Bürgergenossenschaft Obervinschgau. Sie führt die Bio-Dorfsennerei Prad, verkauft auf dem Bauernmarkt lokale bäuerliche Produkte und unterstützt nachhaltige Projekte junger Menschen. Zwei kreative Handwerker kamen hingegen auf die Idee, Schildkappen aus Holz herzustellen.
Wichtig bei vielen nachhaltigen Projekten auf lokaler Ebene ist die Unterstützung durch das Land Südtirol. Die Landespolitik habe sich der Nachhaltigkeit und den UN-Nachhaltigkeitszielen verpflichtet, betonte Landeshauptmann Arno Kompatscher. Nachhaltigkeit bedeute aber nicht nur Verzicht, sondern heiße, zukünftig anders zu leben, wobei die Lebensqualität auch höher sein kann. „Wir müssen Wirtschaft und Gesellschaft teilweise neu denken und neue Lösungen finden. Südtirol ist auf dem richtigen Weg zu mehr Nachhaltigkeit.“

Ressourcensparende Landwirtschaft möglich
Der zentrale Hebel für ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit ist die Wirtschaft. Landeshauptmann Kompatscher appellierte, mehr auf lokale Kreisläufe zu setzen. Eine zentrale Bedeutung habe die Landwirtschaft. „Der Anbau wird sich dank Innovation, Technologisierung und Diversifizierung weiterentwickeln und ressourcenschonender werden. Diesen Prozess müssen wir proaktiv angehen“, so Kompatscher. Beim Tourismus müsse die Qualität vor der Quantität stehen. 

Erneuerbare Energien und Homeoffice ausbauen
Ein großes Thema ist auch die Mobilität. Hier brauche es noch mehr Angebote im öffentlichen Nahverkehr. Durch Digitalisierung und Homeoffice-Angeboten kann der Individualverkehr eingeschränkt werden. Prof. Gottfried Tappeiner wies darauf hin, dass auch die Dezentralisierung von öffentlichen Diensten und Arbeitsplätzen zu einer Verkehrsverminderung führt. Sehr gut aufgestellt ist Südtirol bei der Nutzung erneuerbarer Energien. Eine Chance für Südtirol sah Tappeiner auch in der Valorisierung der Wohnqualität und der Erholungsqualität: Beides müsse vor Ort angeboten werden.
Für Kompatscher bedeute Nachhaltigkeit auch Zugang zu Bildung, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und eine faire Einkommensverteilung sowie Gesundheit. Alles in allem sieht Landeshauptmann Kompatscher das Land auf einem guten Weg. „Dennoch bleibt noch viel zu tun.“

Mut und Offenheit sind gefragt
Dass Nachhaltigkeit nicht nur die Städte betrifft, sondern auch den ländlichen Raum und sowohl die regionale Angebotsseite als auch die Nachfrageseite gefragt sind, erläuterte Prof. Andrè Reichel. „Wir müssen einerseits Ressourceneffizienz und regionale Wertschöpfungsketten verbessern und andererseits die Nachfrage nach nachhaltigen regionalen Gütern stärken.“ Um eine Region erfolgreich nachhaltig zu entwickeln, brauche es Mut und Offenheit für Neues sowie Menschen und Organisationen, die Initiatoren sind. „Südtirol hat gute Voraussetzungen, um zur ‚Nachhaltigkeitsregion Südtirol‘ zu werden.“

Nachhaltigkeit ist Chance für die Wirtschaft
In einer abschließenden Runde diskutierten Federico Giudiceandrea (SWR-EA und Unternehmerverband Südtirol),  Irene Senfter (Ökoinstitut), Irmhild Beelen (Dachverband Gesundheit und Soziales), Wilhelm Haller (Junge Wirtschaft), Tanja Rainer (Jugendring) und Zeno Oberkofler (Fridays for future) über Südtirols Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Das Fazit der Diskussionsrunde: Ein „Weiter-wie-bisher“ sei der falsche Weg; Nachhaltigkeit ein Prozess, der nicht ganz einfach sei und begleitet werden müsse, aber große Chancen gerade auch für die Wirtschaft biete. Dabei dürfe natürlich die Gesellschaft nicht vergessen werden. 
Gedanken zur Nachhaltigkeit hat sich auch die Poetry-Slamerin Eeva Aichner gemacht.