Politik | 02.10.2020

Für mehr regionale Wertschöpfung

Im Frühjahr hatte ein Catering-Unternehmen aus Padua eine Ausschreibung des Südtiroler Sanitätsbetriebes gewonnen. Das sorgte nicht nur beim Bauernbund für große Verärgerung. Was bei Ausschreibungen zu beachten ist, damit auch Südtiroler Unternehmen eine Chance haben, war Thema einer Videokonferenz.

Heimische Produkte kommen bei öffentlichen Ausschreibungen nach wie vor oft zu kurz. Foto: Sennereiverband Südtirol

Heimische Produkte kommen bei öffentlichen Ausschreibungen nach wie vor oft zu kurz. Foto: Sennereiverband Südtirol

Südtirols Krankenhäuser werden vorwiegend mit Milchprodukten aus anderen Regionen beliefert. Hauchdünn hatte im Frühjahr ein Unternehmen aus Padua die Ausschreibung des Sanitätsbetriebes vor einem heimischen Unternehmen gewonnen und damit für Ärger gesorgt – beim Südtiroler Bauernbund, bei der Landespolitik, bei den Milchhöfen, dem Sennereiverband, den Bäuerinnen und Bauern und nicht zuletzt bei vielen Bürgern. Der „Südtiroler Landwirt“ hat ausführlich darüber berichtet (siehe Link im E-Paper).

Vergaben häufig komplex

Die öffentlichen Ausschreibungen waren deshalb vor kurzem Thema einer Videokonferenz mit dem Südtiroler Peter Defranceschi, Direktor von ICLEI in Brüssel, eines weltweiten Netzwerks von Städten und Regionen. Dabei wurde klar, dass öffentliche Vergaben häufig komplex sind, da je nach Größenordnung der Ausschreibung das Vergaberecht einer Region, eines Staates oder der EU greift. Zudem gibt es keine klare Definition von regionalen Produkten, was gerade auch Südtirol betrifft. Und nicht zuletzt ist es nicht einfach möglich, Ausschreibungen auf heimische Unternehmen „zuzuschneiden“. „Es gibt nämlich zwei Grundsätze der öffentlichen Beschaffung: den Wettbewerb und die Transparenz. Es darf kein Wettbewerber von vornehinein diskriminiert werden“, erklärte Defranceschi. Dennoch können Ausschreibungen so gestaltet sein, dass auch heimische Unternehmen zum Zug kommen können – und das aus gutem Grund. 

An Bedeutung gewinnen werden laut Defranceschi zukünftig Produkte aus biologischer Landwirtschaft bzw. aus einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft sowie typische regionale Spezialitäten und innovative Produkte. Hier habe Südtirol Potential. Wichtiger würden auch Kriterien wie eine nachhaltige Lagerung, Verarbeitung und Logistik. 

Auch das Thema Tierwohl könnte in Zukunft bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen stärker berücksichtigt werden. Zudem müsse viel genauer kontrolliert werden, dass die Gewinner der Ausschreibungen auch das liefern, was sie versprochen hatten. Das sei nicht immer der Fall, wusste Defranceschi. 

Kleinere Lose bieten reelle Chance

Eine weitere Möglichkeit, kleinere lokale Anbieter nicht zu benachteiligen: Es können auch kleinere Lose ausgeschrieben werden, damit auch sie eine reelle Chance haben. „Dieser Schritt muss allerdings gut begründet sein“, machte der aus Brüssel zugeschaltete  Defranceschi klar, der Beispiele von Ausschreibungen aus verschiedenen europäischen Ländern vorstellte. 

Gute Chancen bei Ausschreibungen hätten soziale Genossenschaften oder kommunale Bauernhöfe, sofern dies als Kriterium vorgesehen ist, oder Produkte aus fairem Anbau. Gerade für Anbieter vor Ort interessant könnte eine sogenannte Frischegarantie sein, ebenfalls ein Kriterium bei Ausschreibungen in anderen Ländern. Diese Garantie könnten fast nur Wettbewerber aus der Umgebung bieten. Kurze Lieferwege würden so oder so an Bedeutung gewinnen – auch aus Gründen des Umwelt- und Klimaschutzes. 

Ebenfalls interessant: Bei manchen Ausschreibungen wird der Zuschlag an einen „Bildungsauftrag“ geknüpft. So könnte bei einer Ausschreibung für eine Schulmensa vorgesehen werden, dass die Schüler den Produktionsbetrieb besuchen können und dieser in der Nähe sein muss. 

Südtirol kann bei Qualität punkten

Ebenfalls ein Argument ist die Qualität der gelieferten Lebensmittel, die etwa in Blindverkostungen bewertet werden. Das wird gerne in nordeuropäischen Ländern gefordert. Und hier würde Südtirol mit Sicherheit punkten, war Defranceschi überzeugt, während beim Preis häufig Anbieter aus anderen Regionen im Vorteil sind. 

Für Defranceschi wichtig ist auch ein ständiger Dialog zwischen der ausschreibenden Behörde und den Produzenten. Zudem rät der Experte, auch mit anderen vergleichbaren Regionen in Kontakt zu treten, um zu sehen, wie diese ihre Ausschreibungen gestalten. Auch eine bessere Begründung, wieso ein spezifisches Produkt in der Ausschreibung gefordert wird (z. B., dass es zum Erhalt der Südtiroler Berglandwirtschaft beiträgt), sei wichtig. Ebenfalls noch ausbaufähig ist für Defranceschi die Zusammenarbeit der Produzenten, um bei öffentlichen Ausschreibungen zum Zug zu kommen. 

Alles im allem gibt es also Möglichkeiten, die Ausschreibungen so zu gestalten, dass heimische Unternehmen eine realistische Chance auf den Zuschlag erhalten. Hier sind nicht nur die Vergabestellen gefordert, sondern auch die Produzenten selbst