Wirtschaft, Politik | 01.10.2020

„Wir haben genug gute Argumente“

Im Tal ist es die Pestiziddebatte, am Berg ist es der Wolf: An Konfliktfeldern mangelt es in der Südtiroler Landwirtschaft nicht. Der „Südtiroler Landwirt“ hat mit Landeshauptmann Arno Kompatscher über diese Themen gesprochen – und ist dabei immer wieder auf die gleiche Zahl gestoßen ... von Bernhard Christanell

Landeshauptmann Arno Kompatscher: „Angst und Panik zu schüren, ist immer die falsche Strategie.“

Landeshauptmann Arno Kompatscher: „Angst und Panik zu schüren, ist immer die falsche Strategie.“

Südtiroler Landwirt: Herr Landeshauptmann, vor fast genau sieben Jahren – im Herbst des Jahres 2013 – gingen Sie aus den Landtagswahlen als Landeshauptmann hervor. Ist das, was wir jetzt erleben, das verflixte siebte Jahr der Ära Kompatscher?

Arno Kompatscher: (lacht ...) Nun ja, wenn ich es in der Gesamtheit sehe und negativ denke, könnte ich fast von sieben verflixten Jahren sprechen. Denken wir nur an den Tiefpunkt der Wirtschaftskrise zum Beginn meiner Amtszeit, dann an die Flüchtlingskrise, jetzt die Covid-19-Pandemie ... Aber ich bin ein positiv denkender Mensch und sage mir: Herausforderungen und Schwierigkeiten sind dazu da, um Lösungen dafür zu finden.

Wenn Sie aus Sicht der Landwirtschaft auf die Situation vor sieben Jahren zurückdenken, woran erinnern Sie sich?

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bezirksversammlung des Bauernbundes Anfang Dezember 2013 in Bruneck. Ich war praktisch als neuer Landeshauptmann gewählt, aber noch nicht im Amt. Im Michael-Pacher-Haus in Bruneck war die Stimmung sehr angespannt. Vor allem das Aus für die Milchquoten hat die Bauern damals sehr besorgt. Im Rückblick können wir heute sagen, dass die Landwirtschaft aus dieser Zeit gut hervorgegangen ist. Die Bäuerinnen und Bauern haben es geschafft, mit Innovationsgeist und Fachwissen nicht nur am Puls der Zeit, sondern ihrer Zeit in vieler Hinsicht voraus zu sein. Darüber bin ich sehr froh.

Kommen wir zu den Konfliktfeldern von heute. Eines davon begann ebenfalls vor sieben Jahren: Im Jahr 2013 verlegte ein gewisser Alexander Schiebel seinen Wohnsitz von Wien nach Meran, ein Jahr später fand in Mals die bekannte Volksabstimmung zur Verwendung von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln statt. Der Rest ist bekannt: Heute – rund um den Prozess gegen Schiebel, das Münchner Umweltinstitut  und den oekom-Verlag – ist die Südtiroler Obstwirtschaft wieder zur Zielscheibe geworden. Wie sollen sich die Südtiroler Obstbauern jetzt verhalten?  

Wenn ich aus dieser Angelegenheit eines gelernt habe, dann, dass es besser ist, nicht auf alle Provokationen einzugehen – vor allem wenn diese aus einer Ecke kommen, in der die Protagonisten nur von Provokationen leben, damit ihr Geld verdienen und darin ihre Daseinsberechtigung sehen. Was aber auch klar ist: Wir – die Landwirtschaft genauso wie wir als politische Vertreter – müssen uns nicht alles gefallen lassen! Wer versucht, die vielen nachweislichen Bemühungen  um eine nachhaltige Produktion, die unsere Obstwirtschaft seit Jahrzehnten prägen, zunichtezumachen, der beleidigt damit nicht nur unsere Bäuerinnen und Bauern, sondern alle Menschen, die in Südtirol leben! Hier wurde eine rote Linie überschritten ...

Jetzt kommt es darauf an, vor dem Hintergrund der Mechanismen, die in den Medien und den sozialen Netzwerken gelten, vernünftig zu reagieren. Ich weiß, dass das mitunter nicht leicht ist. 

Meinungsfreiheit ist ein hohes demokratisches Gut; das Recht darauf, dass ein Gericht entscheidet, ob etwas eine freie Meinung ist oder Verleumdung, ist das aber auch. Was sagen Sie denen, die bedauern, dass es jetzt    nicht zum Prozess kommt?

Ich sage ihnen, dass ich ihren Ärger und ihren Zorn voll und ganz verstehen kann. ich bin nichtsdestotrotz davon überzeugt, dass es der richtige Weg ist. Wenn wir den Prozess weiterführen, dann bieten wir diesen Herren nur eine Plattform und eine Bühne, die sie sich nicht verdienen! Dass sie zu einem konstruktiven Dialog gar nicht bereit sind, haben sie in den Tagen nach unserer Entscheidung, die Klagen zurückzuziehen, gezeigt.  Das geht sogar soweit, dass der Prozess möglicherweise trotzdem stattfindet. Unabhängig davon kommt es auf jeden Fall darauf an, dass wir alle – Politik, Bauernbund sowie die Bäue­rinnen und Bauern – klar und aktiv die Leistungen unserer Obstwirtschaft nach außen kommunizieren, und zwar ohne auf diese Provokationen einzugehen. 

Ich spüre einen neuen Zusammenhalt quer durch die Bevölkerung, auch von Personen, die der Obstwirtschaft bisher kritisch gegenüberstanden. Das freut mich – ebenso wie der Schulterschluss und das konstruktive Miteinander von integriertem und biologischem Obstbau. Das passt denen, die ihren einzigen Zweck darin sehen, einen Keil zwischen uns zu treiben, natürlich nicht ...

Bei manchen ist bei der Rücknahme der Klage der Eindruck entstanden, dass das gute Image Südtirols im Ausland wichtiger sei als der gute Ruf der Bauern. Können Sie diesen Vorwurf entkräften?  

Das eine ist vom anderen gar nicht zu trennen! Wir setzen bei der Imagewerbung für unser Land ganz bewusst – und seit Beginn der Corona-Krise mehr denn je – auf unsere bäuerlichen Produkte, weil wir stolz auf sie sind und auch auf die wertvolle Arbeit unserer Bäuerinnen und Bauern. Daran ändert auch die Rücknahme der Klage nichts, im Gegenteil: Wir wollen ja, wie ich schon gesagt habe, die Leistungen unserer Landwirtschaft noch offensiver und aktiver kommunizieren. 

Überhaupt sollten wir den Imageschaden, der durch die Diskussionen rund um den Prozess entstanden ist, nicht überbewerten. Natürlich war Südtirol in den vergangenen Wochen mehrfach in den Medien und auch in viel gesehenen Sendungen. Langfristig wird sich der Schaden dadurch aber wohl in Grenzen halten. Ich erinnere nur daran, dass das Umweltinstitut in München nicht eine öffentliche Einrichtung ist, wie der Name vermuten lässt, sondern ein Verein, den auch im Raum München unter Umweltverantwortlichen und -vertretern kaum ein Mensch kennt. 

Die Strategie „Farm to Fork“ der EU-Kommission sieht unter anderem eine pauschale Reduktion der chemischen Pflanzenschutzmittel um 50 Prozent innerhalb 2030 vor. Halten Sie dieses Ziel für realistisch?  

Grundsätzlich bin ich mit der Zielsetzung der Strategie schon einverstanden, wir sollten hier aber schon auch berücksichtigen, dass der Ausgangspunkt hier nicht überall der gleiche ist. Zum einen gibt es auch in der Südtiroler Landwirtschaft Bereiche, in denen eine deutliche Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln noch möglich ist, in vielen Bereichen haben wir in den vergangenen Jahrzehnten aber schon gute Vorarbeit geleistet. Zum anderen ist das ein Thema, das – um beim Obstbau zu bleiben – nicht nur den integrierten Anbau und die chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel betrifft. Auch beim biologischen Anbau gibt es Pflanzenschutzmittel, mit denen wir so unsere Probleme haben – denken wir nur an Mittel, in denen Schwermetalle enthalten sind ...

Der Obstbau durchlebt auch wirtschaftlich schwierige Zeiten. Welchen Beitrag will die Landesregierung leisten, damit die Obstwirtschaft in Zukunft noch nachhaltiger als bisher produzieren und dennoch wirtschaftlich rentabel arbeiten kann?

Als Landesregierung liegt uns die Nachhaltigkeit sehr am Herzen – und Landesrat Schuler hat dafür auch schon ein Konzept. Wir werden Geld in die Hand nehmen, um Schwerpunkte zu setzen und zusätzliche Projekte zu finanzieren, die den Bäuerinnen und Bauern helfen sollen, noch ressourcenschonender zu arbeiten. Dabei geht es nicht nur um Pflanzenschutz, sondern beispielsweise auch um Bodenbearbeitung und Wasserverbrauch. Zudem wollen wir zusätzliche EU-Mittel lockermachen und auch in Humanressourcen – also neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – in Forschung und Beratung investieren. 

Themawechsel: Vor – ja, genau – sieben Jahren hat der „Südtiroler Landwirt“ erstmals groß über das Großraubwild berichtet. Damals galt die Sorge noch eher dem Bären, heute ist es vor allem der Wolf. Seit zwei Jahren gibt es ein Landesgesetz, das die Entnahme von Wölfen ermöglicht – geschehen ist das bis heute nicht. Besteht die Aussicht, dass sich daran etwas ändert?  

Es stimmt, es hat jetzt lange gedauert. Das lag auch daran, dass das Gesetz von der Regierung in Rom vor dem Verfassungsgerichtshof angefochten wurde. Dieser gab dann sein Okay zum Gesetz, auch weil wir vorsorglich ein – nicht bindendes – Gutachten des italienischen Umweltinstitutes ISPRA vorgesehen hatten. Was die Sache dann weiter verzögert hat, war – die wohl aus Trotz ausgesprochene – Verweigerung des Ministeriums, dieses Gutachten ausstellen zu lassen. 

Nach zahlreichen Verhandlungen und politischem Druck sind wir jetzt endlich an einem Punkt, an dem wir die Zusage für Gutachten haben. Wir können zwar davon ausgehen, dass diese Gutachten in der Regel nicht sonderlich positiv ausfallen – aber weil sie nicht bindend sind, können wir immerhin bald erste konkrete Maßnahmen setzen. 

Warum hat die Öffentlichkeit von diesen Verhandlungen nichts mitbekommen?  

Weil es manchmal zielführender ist, Themen nicht medial auszuschlachten. Hätten wir das an die große Glocke gehängt, dann wären wir damit angesichts der allgemein großen Zustimmung bei der italienischen Gesellschaft zum Wolf schnell aufgelaufen. Und das hätte die Fronten auf Jahre weiter verhärtet ... Ich war erst vor einigen Wochen gemeinsam mit der Senatorin Julia Unterberger und der Kammerabgeordneten Renate Gebhard bei Ministerpräsident Giuseppe Conte. Wir haben ihm eine halbe Stunde lang Fotos und Videos von gerissenen Tieren gezeigt. Ich hatte den Eindruck, dass dieses Treffen Conte wirklich die Augen geöffnet hat für unsere Sichtweise – und dass er verstanden hat, dass etwas getan werden muss. 

Mit Pilotprojekten zum Herdenschutz will das Land zeigen, dass dieser keinen ausreichenden Schutz bietet und Entnahmen möglich sein müssen. Verstehen Sie den Unmut der Bäuerinnen und Bauern, die ihre Tiere nicht für „Experimente“ opfern wollen?  

Wenn wir glaubwürdig sein wollen, dann müssen wir schon zeigen, dass wir es mit dem Herdenschutz auch wirklich ernsthaft versucht haben. Es gibt ja auch einzelne Fälle, wo diese Maßnahmen auch wirksam sein können. Ich kann die Züchterinnen und Züchter daher nur aufrufen, sich an den Projekten wirklich ernsthaft zu beteiligen. Wenn wir glaubwürdig nachweisen können, dass wir es versucht haben, haben wir gute Argumente für eine Entnahme. Im Grunde ist es ähnlich wie beim Rotwild: Hier herrscht allgemeine Akzeptanz darüber, dass eine zu starke Präsenz für Probleme sorgt und dass eine Regulierung daher notwendig ist. So weit wollen wir auch mit dem Thema Großraubwild kommen. 

Immer wieder werden mehr und besser ausgebildete Hirten gegen Wolfsübergriffe gefordert. Wer soll diesen Aufwand bezahlen?  

Ich denke, der überwiegende Teil der Südtiroler Bevölkerung hat verstanden, dass wir alles daransetzen müssen, unsere Almwirtschaft zu erhalten. Wenn das gesellschaftlicher Konsens ist, dann muss die Gesellschaft – also Herr und Frau  Steuerzahler – auch bereit sein, für die anfallenden Kosten Geld in die Hand zu nehmen. Die Aufgabe der Politik ist es, die nötigen Steuergelder aufzutreiben, indem sie woanders weggenommen werden. 

Mehrere Beispiele in ganz Europa zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, wolfsfreie Regionen bzw. sensible Zonen mit Entnahmemöglichkeiten zu schaffen. Ist das auch für Südtirol bzw. den Alpenraum umsetzbar?  

Gerade diese Ungleichbehandlung versuchen wir auf EU-Ebene aufzuzeigen, und wir sind auch bereit, die EU-Gerichte damit zu befassen. Ein wolfsfreies Südtirol können wir uns nicht mehr erwarten, aber sensible Zonen gibt es anderswo, daher sollten sie auch bei uns möglich sein. Dafür kämpfen wir bei den zuständigen EU-Gremien gemeinsam mit EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann. Ziel ist es, den Wolf in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie von der Anlage vier mit den streng geschützten Arten in die Anlage fünf mit den weniger streng geschützten Arten zu bekommen. Das ist ein Prozess, der sehr viel Überzeugungsarbeit benötigt und der sicher noch mehrere Jahre dauern wird. Bis dahin müssen wir uns mit den Maßnahmen begnügen, die wir mit unserem Landesgesetz und über die staatliche Ebene setzen können.

Kommen wir zum Abschluss noch einmal auf die Zahl sieben zu sprechen. Wovor haben Sie mehr Angst: Dass ihre sieben Kinder im Wald bei Völs von einem Wolf angefallen oder dass sie im Tal beim Spazieren neben einer Apfelwiese vergiftet werden?  

Ich habe vor keinem der beiden Szenarien Angst. Angst und Panik zu schüren, ist immer die falsche Strategie. Ich bin überzeugt, dass wir mit sachlichen und klaren Argumenten viel weiter kommen als damit, Panik unter der Bevölkerung zu verbreiten. Bei beiden Konfliktfeldern – beim Pflanzenschutz ebenso wie beim Wolf – haben wir diese Argumente zur Genüge.