Markt, Produktion | 16.09.2020

Vom Bauernwald ins Heizwerk

Möglichst viel Wertschöpfung aus dem Wald herausholen: Um das zu erreichen, hoffen die Waldbesitzerinnen und Wald­besitzer in Südtirol auch auf die Fernheizwerke als Abnehmer, die einen guten Preis für das Holz bezahlen. Doch nicht immer läuft das Verhältnis zwischen den Parteien reibungslos. von Bernhard Christanell

1,5 Millionen Schüttraummeter Hackgut benötigen die Südtiroler Biomassefernheizwerke im Jahr, nur ein Teil davon kommt aus Südtirol.

1,5 Millionen Schüttraummeter Hackgut benötigen die Südtiroler Biomassefernheizwerke im Jahr, nur ein Teil davon kommt aus Südtirol.

Die Ausgangslage scheint klar: Es gibt zwei Parteien – die einen haben den Rohstoff, die anderen verarbeiten ihn. Diese beiden Parteien gilt es, möglichst so zusammenzubringen, dass jeder etwas davon hat. Der Rohstoff – in diesem Fall das Holz – ist hierzulande reichlich vorhanden: Südtirol ist zur Hälfte mit Wald bedeckt, davon wiederum ist laut dem aktuellen Agrar- und Forstbericht des Landes Südtirol rund die Hälfte Eigentum von Einzelpersonen, weitere 28 Prozent des Waldes gehören öffentlichen Körperschaften. 

Zu den wichtigsten Verarbeitern gehören die mittlerweile 77 Biomassefernheizwerke in Südtirol, die den Rohstoff Holz in Wärmeenergie umwandeln und damit für Tausende behagliche Wohnungen und Häuser sorgen. Vor allem in Zeiten des Klimawandels lesen sich die Ergebnisse einer Studie, die der Südtiroler Energieverband (SEV) vor einiger Zeit vorgelegt hat. Durch die Südtiroler Biomassefernheizwerke können demnach jährlich Emissionen im Ausmaß von rund 600 Kilogramm an CO2-Äquivalenten pro Person eingespart werden.
Zum Vergleich: Derzeit liegt die Pro-Kopf-Emission in Südtirol bei 5000 Kilogramm CO2 pro Jahr. Jährlich werden rund 1,5 Millionen Schüttraummeter (SRM) Hackgut in den Biomassefernheizwerken in Südtirol genutzt. Die durchschnittliche Transportstrecke der Biomasse (Hackgut) vom Produzenten (Sägewerk oder Waldbesitzer) zum Fernheizwerk beträgt laut SEV rund 60 Kilometer.

Preisverfall nach Vaia 2018 und Schneedruck 2019

Seit einiger Zeit ist die Stimmung zwischen Waldbesitzern und Heizwerken vielerorts ein­getrübt. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in zwei Ereignissen, die den Südtiroler Wald in den vergangenen beiden Jahren in Mitleidenschaft gezogen haben: der Sturm Vaia im Oktober 2018 und die heftigen Schneefälle mit den folgenden Schneedruckschäden im November 2019. Eine rentable Waldbewirtschaftung war für die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer schon vorher schwierig. 

Die beiden genannten Ereignisse haben dazu geführt, dass fast im ganzen Land riesige Mengen von Schadholz angefallen sind, die nun auf eine Weiterverwendung warten. Dieses Überangebot auf der einen und die Preispolitik der Heizwerke auf der anderen Seite sorgen für einiges an Konfliktstoff, der sich in aller Kürze so zusammenfassen lässt: Die Heizwerke argumentieren mit den Gesetzen des Marktes, wonach ein Überangebot am Markt von Natur aus für niedrigere Preise sorgt. Die Waldbesitzer fordern, dass gerade in solchen Zeiten wenigstens das Holz aus den eigenen Wäldern kommen sollte und nicht von auswärts herantransportiert wird. 

Alperia betreibt große Heizwerke

Eine der größten Vertreterinnen unter den Fernheizwerken in Südtirol ist die Alperia Ecoplus GmbH – eine Tochtergesellschaft des Energieversorgungsunternehmens Alperia. Sie besitzt und betreibt die Fernheizwerke in Bozen, Meran, Klausen, Latzfons sowie Sexten und betreibt – im Auftrag der Fernheizwerk Schlanders GmbH – außerdem das Fernheizwerk in Schlanders. Bis auf die Standorte Bozen und Meran werden alle Heizwerke vorrangig mit Hackschnitzeln befeuert. In Meran wird aktuell ein neues Biomasseheizwerk errichtet, welches Anfang 2021 in Betrieb gehen soll. 2019 wurden in den genannten Biomassewerken knapp 130.000 Schüttraummeter Hackgut zu Wärmeenergie verarbeitet. 

30 Prozent Holz direkt aus Südtiroler Wald

In den Werken Klausen, Latzfons und Sexten wird überwiegend Hackgut verarbeitet, während in Schlanders rund zwei Drittel der Menge in Rundholz bezogen werden. Günther Andergassen, Geschäftsführer der Alperia Ecoplus, erklärt: „Aufgrund der besonderen Situation infolge des Jahrhundertsturmes Vaja 2018 und des Schneebruches von 2019 wurden in Sexten zusätzliche Lagerflächen eingerichtet und auch dort eine größere Menge an Rundholz abgenommen. Von der genannten Holzmenge stammen 30 Prozent (vorwiegend Rundholz) direkt aus Südtiroler Wäldern, 50 Prozent werden von Südtiroler Lieferanten bzw. Händlern bezogen und 20 Prozent von außerhalb Südtirol angeliefert. Bei allen Ausschreibungen ist eine maximale Anlieferdistanz vorgeschrieben.“

Zu dieser Vorgangsweise der Heizwerke gibt es auch kritische Töne. Siegfried Rinner, der Direktor des Südtiroler Bauernbundes, erwidert: „Wie immer bei Ausschreibungen kommt es darauf an, wie man diese gestaltet. Eine maximale Anlieferdistanz kann kleiner oder größer festgelegt werden. Fällt sie größer aus, dann beteiligen sich an den Ausschreibungen natürlich auch Großbetriebe aus den umliegenden Regionen, die zu Preisen und mit Mengen anbieten, bei denen unsere Waldbesitzer niemals mithalten können.“

39 Lose an 13 Lieferanten

Alperia Ecoplus hat laut Andergassen im Jahr 2019 einen durchschnittlichen Preis von 18,97 Euro pro Schüttraummeter an die Lieferanten bezahlt. Das Rundholz bzw. das Hackgut wird direkt an das Fernheizwerk geliefert. Das Häckseln vor Ort wird separat beauftragt. Erst kürzlich hat Alperia Ecoplus die Ausschreibung für die Biomasseanlieferung über die Heizsaisonen 2020/21 und 2021/22 abgewickelt. Dabei wurden 13 verschiedenen Unternehmen Aufträge für insgesamt 39 Lose zugewiesen. „Die Biomasse kommt dabei zum überwiegenden Teil aus Südtirol, der Rest wird aus der unmittelbaren Nähe – wie aus dem Fleimstal und aus Belluno – beschafft“, berichtet Andergassen. Einen der Aufträge hat sich der Maschinenring-Service gesichert, er kann ab Juni 2021 liefern.

Es gebe eine große Zahl an kleinen bis mittleren Betrieben, und eine Handvoll größerer Lieferanten, welche Holz an die Fernheizwerke von Alperia liefern, erklärt Andergassen: „Alperia Ecoplus unterliegt dem öffentlichen Vergaberecht und ist daher verpflichtet, den benötigten Brennstoff mittels Ausschreibung zu beziehen. Das bedeutet auch, dass eventuelle übergreifende Preisvereinbarungen nicht möglich sind. Wir sind aber bemüht, kleinere Mengen direkt vor Ort einzukaufen, wobei dieser Einkaufspreis unter jenem der Ausschreibung liegen muss.“ 

Gemeinsam mit dem zentralen Einkauf der Alperia arbeite man derzeit an einer Prozedur, die es ermöglichen soll, beschränkte Mengen unter vereinfachten Bedingungen auch weiterhin vor Ort einkaufen zu können.

Der Maschinenring Service ist vielen Waldbesitzern bei der Vermarktung ihres Holzes behilflich. Franz Tauferer, Obmann des Maschinenring Service, erklärt: „Viele Heizwerke haben nach Vaia und Schneedruck die Preise für das angelieferte Holz deutlich gesenkt. Vom angegebenen Preis müssen die Kosten für den Transport und eventuell auch für die Zwischenlagerung des Holzes abgezogen werden, damit am Ende der Preis herauskommt, den wir den Bauern für ihr Holz zahlen müssen. Da bleibt oft unterm Strich wenig übrig.“

Günther Andergassen ruft die Lieferanten zur verstärkten Zusammenarbeit auf: „Es wäre sehr wünschenswert, dass sich die Südtiroler Holzlieferanten zusammentun und gemeinsam als eine Art Pool an den Ausschreibungen teilnehmen.“ Auch ein kleineres Pooling vor Ort durch Betriebe, welche Holz bei Kleinlieferanten sammeln, bringe einen Mehrwert, vor allem für Letztere. „Auf jeden Fall müssen sich interessierte Lieferanten auf dem ­Alperia-Einkaufsportal anmelden und qualifizieren“, betont Andergassen.

Eine Tatsache ist, dass die Waldbesitzerinnen und -besitzer sich auf eine längere Durststrecke einstellen müssen. Franz Tauferer rechnet – vorausgesetzt, es gibt nicht wieder Unwetter wie 2018 und 2019 – mit ein bis zwei Jahren: „Mit einer Erholung bei den Preisen ist wohl erst im Jahr 2023 zu rechnen, und auch dann wird etwas Zeit vergehen, bis die Waldbäuerinnen und -bauern wieder motiviert sind, mehr Holz aus ihrem Wald herauszuholen. Eines ist sicher: Wenn es zu einem Versorgungsengpass kommt, stehen wir bereit, und dann hoffen wir natürlich auf Preise, die unseren Vorstellungen entsprechen.“