Politik, Bauernbund | 11.08.2020

„Weide oder Wolf“ braucht breite Allianz

Die Ausbreitung des Großraubwildes – und im speziellen des Wolfes – im Alpenraum war ein bestimmendes Thema bei der Europawanderung, zu der der Südtiroler und der Tiroler Bauernbund am 8. August eingeladen hatten. Die Wanderung führte heuer in die Grenzregion rund um den Reschenpass. von Bernhard Christanell

So groß wie nie war die Gruppe, die sich am reschen zur Europawanderung traf.

So groß wie nie war die Gruppe, die sich am reschen zur Europawanderung traf.

Die Europawanderung ist jedes Jahr aufs Neue ein Treffpunkt für Vertreter der Landwirtschaft aus Südtirol, Österreich und Deutschland. Selten aber war die Gruppe so mit hochkarätigen Teilnehmern besetzt wie in diesem Jahr. Mit dabei waren unter anderem der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler, die EU-Abgeordneten Herbert Dorfmann und Simone Schmiedtbauer, der deutsche und gleichzeitig europäische Bauernpräsident Joachim Rukwied, die Bauernbund-Obmänner bzw. -Präsidenten von Bayern (Walter Heidl), Österreich (Georg Strasser), Tirol (Josef Geisler) und Südtirol (Leo Tiefenthaler), Vertreter der Österreichischen Landwirtschaftskammer, der Südtiroler Landtagsabgeordnete Franz Locher, Landesbäuerin Antonia Egger sowie das Bauernjugend-Führungsduo Wilhelm Haller und Angelika Springeth.

Geld kein Ersatz für gerissene Tiere
Nach einer Wanderung vom Dorf Reschen vorbei an der Etschquellen auf das Hochmoor von Plamort mit seinen Bunkern und Panzersperren trafen sich die Teilnehmer auf der Stieralm oberhalb von Nauders. Dort wurde ausgiebig über aktuelle Themen diskutiert – wobei der Wolf den Ton angab. Bauernbund-Präsident Georg Strasser betonte: „Wenn hier nichts geschieht, dann ist die gesamte Arbeit der Almwirtschaft im Alpenraum gefährdet. Im herrschenden Kulturkampf zwischen urbaner und ländlicher Bevölkerung geht ein Aspekt oft unter: Gerissene Tiere lassen sich nicht mit Geld entschädigen, sondern haben zur Folge, dass bald niemand mehr auf den Almen die Arbeit macht und es die Landschaft, die unser Tourismus immer bewirbt, nicht mehr gibt.“ Die FFH-Richtlinie der EU, auf die sich die „Wolfsbefürworter“ immer berufen, sei überholt und längst zu überarbeiten. „Wir wollen wissen, wie viele Wölfe notwendig sind, um eine angemessene Population zu erreichen. Wir sind überzeugt, dass dieser Punkt im Alpenraum längst erreicht ist“, betonte Strasser.

Andere Branchen mit ins Boot holen
In Tirol gibt es seit Kurzem einen „Verein zum Schutz und Erhalt der Land- und Almwirtschaft“. Dieser will aufklären, vernetzen und branchenübergreifend auf die Gefahren aufmerksam machen, die eine Rückkehr des Wolfes für die Almwirtschaft mit sich bringt. Weil dieser Verein die Diskussion über die Landwirtschaft hinausbringt, bezeichnete Josef Hechenberger – Präsident der Tiroler Landwirtschaftskammer und Vorsitzender des Vereins – ihn als „Schulterschluss wichtiger Partner für ein gemeinsames Anliegen“ und lud alle ein, sich dem Verein anzuschließen. Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl kam diesem Wunsch nach und beschwor eine breite Allianz unter dem Motto „Weide oder Wolf“. Der Südtiroler Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler lud die anwesenden Bauernvertreter ein, grenzüberschreitend nach Lösungen für das Wolf-Problem zu suchen: „Wir wollen nicht die Nein-Sager sein, aber sensible Zonen schaffen, in denen die Almwirtschaft eine Zukunft hat und eine Entnahme von Wölfen und anderen Großraubtieren möglich ist!“

Entwurf für Zukunft der Agrarpolitik rasch umsetzen
Neben dem Wolf kam bei der Diskussion auch die aktuelle Entwicklung der EU-Agrarpolitik zur Sprache. Joachim Rukwied rief die EU-Parlamentarier auf, die Frage um das EU-Agrarbudget rasch abzuschließen und sich dann für eine Umsetzung des Vorschlages des ehemaligen EU-Agrarkommissars Phil Hogan stark zu machen: „Wir müssen unbedingt verhindern, dass die Diskussion über die Zukunft der Agrarpolitik wieder bei Null startet. Den Ton bei den Verhandlungen müssen weiterhin die Agrarvertreter angeben. Es kann nicht sein, dass andere Sparten über die Zukunft der Landwirtschaft entscheiden. Wir sind nicht gegen Veränderungen, aber wir wollen sie mitgestalten!“, forderte Rukwied. Dem schloss sich auch Franz Fischler an: „Es geht jetzt darum, das zur Verfügung stehende Geld sinnvoll einzusetzen, dabei sind vor allem die Mitgliedstaaten mit ihren Nationalen Strategieplänen gefordert.“

Auf nachhaltige Leistungen der Landwirtschaft hinweisen
Dorfmann rief zu mehr Mut in der Diskussion über die Zukunftsfragen der Landwirtschaft auf: „Keine Branche arbeitet so nachhaltig wie die Landwirtschaft, keine andere Branche absorbiert so viel Kohlendioxid wie die Landwirtschaft, niemand ist so zukunftsorientiert wie wir. Wir müssen das nur öfter öffentlich klar machen!“ Die aktuelle „Farm to Fork“-Strategie der EU-Kommission sei – sagte Dorfmann – extrem ideologisch und oberflächlich und „tue so, als ob alles, was in den vergangenen Jahrzehnten gemacht wurde, schlecht gewesen sei“. Bei der Frage um die Biodiversität gelte es, einen Ausgleich zu schaffen und auch problematische Folgen anzusprechen. „In Villnöss haben wir ein Beispiel für eine Schafrasse, deren Erhalt mit EU-Geldern gefördert wurde, und die jetzt von einem in der EU streng geschützten Tier vernichtet wird. Da stimmt etwas nicht!“, betonte Dorfmann.