Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 10.07.2020

Kräuterhexen: Es gibt sie noch

Rosi Mangger Walder wollte nie Bäuerin werden. Heute ist sie es. Als Bäuerin mit einer großen Leidenschaft für Kräuter trägt sie das Erbe ihrer Großmutter mit viel Herzblut weiter und hütet es nun anhand eines Buches vor dem Vergessen. von Ulrike Tonner

Kräuterhexe und Buchautorin Rosi Mangger Walder in ihrem Kräutergarten. Foto: SBO

Kräuterhexe und Buchautorin Rosi Mangger Walder in ihrem Kräutergarten. Foto: SBO

Rosi Mangger Walder streicht mit ihrer rechten Hand ganz sanft über ihre Kräuter, in der linken hält sie ihren „Zegger“. Ihre Augen beginnen vor Begeisterung zu leuchten, wenn sie über ihre Kräuter im steil angelegten Kräutergarten oberhalb ihres Fronigerhofes in St. Leonhard spricht. 

Zwischen Kraut, Salat und anderen Gemüsepflanzen haben unzählige Kräuter ihren Platz. „Die Kräuter finden selbst den Ort, der ihnen guttut“, weiß Rosi. Mit ihrer rechten Hand pflückt sie die Malvenblüten und legt sie fast ehrfürchtig ins Körbchen. Das Arbeiten mit Kräutern ist zeitaufwendig, wetterabhängig und hört nie auf, sagt Rosi, doch kann sie sich ein Leben ohne ihre Kräuter gar nicht mehr vorstellen. Sie ist mittlerweile bekannt als Kräuter-Rosi, Kräuterfee oder auch als Naturfreundin. Sie selbst bezeichnet sich als Kräuterhexe. 

Die Kräuterpädagogin am Fronigerhof in St. Leonhard in Passeier verarbeitet und veredelt ihre Kräuter unter anderem zu Kräutertees und Kräutersalz und bietet Kräuterwanderungen für Einheimische und Touristen an, bei denen sie ihr Wissen weitergibt. Im Frühjahr findet man in ihrem Biokräuterbetrieb KRAEDU Froniger zahlreiche Kräuter: von der Arnika montana bis zur Silberdistel, von Andorn bis hin zur Engelwurz, vom Waldmeister bis zum Löwenzahn- oder Brennnesselsetzling. 

Besinnung auf das Wissen der Großmutter

Angefangen hat alles vor gut 16 Jahren, kurz vor der Geburt ihres ersten Sohnes. „Ich hatte mit einer Bronchitis zu kämpfen. Der Arzt wollte mir keine Antibiotika verschreiben, da besann ich mich auf meine Mutter und vor allem auf meine Großmutter. Ich habe das alte Kräuterbuch meiner Großmutter herausgezogen und mich von da an wieder auf die Kräuter konzentriert.“ Rosi absolvierte die Ausbildung zum Kräuteranbau an der Laimburg und legte nach zwei, drei Jahren einen kleinen Kräutergarten an. 

Es folgten die Ausbildungen zur Kräuterpädagogin, in Volksheilkunde und zum Thema Kneipp, dann die Ausbildung zur Traditionellen Alpinen Heilkunde. Heute besitzt sie einen wunderschönen Kräutergarten mit einer unglaublichen Artenvielfalt: Über 500 verschiedene Pflanzen kann man dort bewundern. 

Rosi hat zum einen einzelne Wildkräuter angesiedelt, zum anderen hat sie viele Kräuter einfach wachsen lassen. Ihr ist es wichtig, dass Beikraut zwischen dem Gemüse oder am Rand der Beete stehen zu lassen und mitzuessen. „Beispielsweise der Giersch wird von den Leuten oft sehr verteufelt, aber meiner Meinung nach kann man ihn für viele Sachen nützen. Er ist Petersilienersatz, zudem noch viel bekömmlicher, er hilft gegen rheumatische und Gichtbeschwerden, also wieso nicht? Im Vergleich hat die Petersilie viel weniger zu bieten!“ 

Mündlich überliefertes Wissen aufgeschrieben

Rosi kennt nicht nur die Heilwirkung, sondern interessiert sich vor allem für die Mythen, die hinter den Pflanzen stecken. „Dieses Wissen wurde bei uns schon seit Langem von Generation zu Generation weitergegeben. Meines Wissens gehöre ich nun zur sechsten Generation. Es wurde nie etwas aufgeschrieben, nur mündlich überliefert“, erzählt Rosi. Das Wissen wurde stets von Frau zu Frau weitergegeben. Als Mutter von zwei Söhnen hofft sie, dass einer von ihnen oder vielleicht eine ihrer künftigen Schwiegertöchter Interesse an ihrem Kräuterwissen hat. Vielleicht war es ihr auch aus diesem Grund wichtig, die Rezepturen ihrer Großmutter aufzuschreiben, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. „Ich musste sie allerdings umarbeiten, um überhaupt damit zurechtzukommen. Meine Großmutter hat immer nur eine sehr vage Beschreibung der Mengenangaben angegeben, also habe ich mich an eine Waage gesetzt, um die Mengen genauer definieren zu können.“ Die ganze Familie hat sie dabei unterstützt, hat ihr bei der Ausarbeitung der Rezepte geholfen, noch etwas an Wissen mitgegeben und auch die ein oder andere Geschichte über ihre Großmutter erzählt.

Funktioniert seit Generationen

„Als Kind war ich täglich bei meiner Großmutter. Über die Sommermonate haben wir jeden Tag Kräuter gesammelt.“ Rosi konnte sich zum Glück vieles merken. „Dieses alte Wissen hat schon seit Generationen immer funktioniert, warum sollte es heute nicht mehr funktionieren? Ich glaube, unser Körper ist extrem auf das alte Wissen eingestellt und darauf angewiesen, deshalb wirkt es beim Menschen auch so gut,“ ist Rosi über­zeugt. 

Neben den Wildkräutern sind für Rosi die Alpenpflanzen ganz wichtig: „Wir haben hier eine besondere Gegend, für die Bäuerinnen und Bauern ist die Arbeit auf den Höfen beschwerlich. Wahrscheinlich haben deshalb die Leute eine besondere Beziehung zu den Alpenpflanzen, da auch sie unter kargen Bedingungen überleben müssen. Das Edelweiß hat zum Beispiel bei uns einen hohen Stellenwert.“ Rosi hat in ihrem Garten eine gezüchtete Sorte, sie verwendet das Edelweiß bei verschiedenen Krankheiten wie Lungen- und Erkältungskrankheiten: „Dafür wird die Milch mit Edelweiß gekocht, mit Honig gesüßt und getrunken. Der Sohn einer meiner Freundinnen hatte einmal einen Pilz in der Lunge, ich habe ihr empfohlen, dieses Gemisch zu verabreichen, und der Pilz ist verschwunden.“ Die Heilkraft der Kräuter werde viel zu wenig genutzt, bedauert Rosi. 

Heilung geht durch den Magen

Junge Menschen hätten zwar Interesse, doch sie holen sich dann doch lieber schnell eine Kopfschmerztablette. Dabei gäbe es genug Pflanzen, mit denen man einen Tee zubereiten könnte, um die Schmerzen auf natürliche Art und Weise loszuwerden, z. B. Mädesüß, die älteste Pflanze aus der ursprünglich das Aspirin hergestellt wurde, verrät Rosi. 

Und noch etwas ist für Rosi ganz wichtig: Die Verwendung der Kräuter in der Küche. „Ich sage immer: Heilung geht bereits durch den Magen, das hat schon Hippokrates gewusst. Unsere Heilpflanzen sollten unsere Nahrung sein und unsere Nahrung unsere Heilpflanzen. Das ist auch der Grund, weshalb ich viele Kräuter in Küchenrezepte einarbeite. Denn es ist mir sehr wichtig, dass die Leute verstehen, dass Heilung durch Kräuter auch dann funktioniert, wenn man sie in der Küche verwendet und mit den Mahlzeiten aufnimmt.“ 

Dass es funktioniert ist Rosi überzeugt. Vor ungefähr acht Jahren ist sie am Epstein-Barr-Virus erkrankt, einem Herpesvirus, der das Pfeiffersche Drüsenfieber verursacht: „Die Ärzte stehen diesem Virus machtlos gegenüber, deshalb musste ich mit meinem Kräuterwissen – immer unter ärztlicher Aufsicht – diese Erkrankung in den Griff bekommen,  und das habe ich geschafft.“

Lieblingspflanze: Brennnessel

Wildkräuter zu sammeln, sei aber nicht jedermanns Sache. Man sollte in diesem Bereich schon relativ sattelfest sein, denn es gibt bei Wildkräutern relativ viele Verwechslungsmöglichkeiten, die mitunter gefährlich werden können. Man kann im eigenen Garten viele Wildkräuter anpflanzen und ihre Heilkraft nutzen, rät Rosi, so hat man die Kräuter stets griffbereit. 

Auf die Frage nach ihrer Lieblingspflanze fällt ihre Wahl interessanterweise auf ein allen bekanntes „Beikraut“: „Die Brennnessel, denn diese Pflanze hat für mich am meisten verschiedene Aspekte vorzuweisen, egal ob in der Küche oder für die Heilung. Sie hat eine unglaubliche Spannbreite und  fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Auch wenn sie brennt, muss ich sagen, eine gute Hexe brennt sie nicht!“

Neues Buch

Das Kräuterwissen meiner Großmutter

Jetzt ist endlich ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen: Rosi Mangger Walder hat es geschafft, ihr mündlich überliefertes Wissen in einem Buch zu bündeln und so vor dem Vergessen zu bewahren. Das war ihr wichtig. „Wir haben es extra so verfasst, dass es wirklich für jede/-n verständlich und lesbar ist. Es soll jeder nutzen können, nicht nur diejenigen, die bereits sattelfest sind, sondern auch Laien. Ein Buch für alle. Im Buch „Das Kräuterwissen meiner Großmutter“ ist bei jeder Pflanze eine Bestimmungsbeschreibung dabei, in der alle genauen Merkmale zur Pflanze vermerkt sind“, erzählt Rosi. Eine Liste mit den geschützten und teilgeschützten Pflanzen, ein Sammelkalender, Rezepte pro Pflanze und deren Heilkraft sind enthalten. „Ich bin überzeugt, dass das Buch jedem in irgendeiner Weise helfen kann, egal ob bei Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder anderen Beschwerden. Mir ist wichtig, dass die Leserinnen und Leser die Tipps auch ausprobieren, denn es kann immer passieren, dass eine Pflanze nicht wirkt, dafür aber eine andere.“ Und noch etwas ist ihr ganz wichtig: Dass richtig gesammelt wird! Die Pflanze muss man kennen, nur so kann richtig gepflückt werden, und zwar sparsam, um gleichzeitig dem Naturschutz gerecht zu werden. Die Artenvielfalt muss auch geschützt und beachtet werden. Auf die Frage, ob es den Bauerndoktor und das Kräuterweibele noch gibt, antwortet Rosi eindeutig mit Ja: „Ich habe schon sehr viele Leute am Hof gehabt. Ich kann bestimmt keinen Krebs heilen, aber ich kann auf alle Fälle unterstützen. Meine Aufgabe ist es, mein Kräuterwissen weiterzugeben und vor allem den Leuten, die meine Hilfe suchen, mit meinem Kräuterwissen zu helfen.“