Politik, Südtiroler Landwirt | 28.05.2020

Südtirol bleibt ausgesperrt

Es hätte kaum eine schiefere Optik geben können: Gerade jetzt, wo alle Seiten den Wert regionaler Produkte herausstreichen, bleibt ebendiesen der Weg in viele öffentliche Einrichtungen verwehrt. Die Empörung ist nicht nur beim Bauernbund groß. von Bernhard Christanell

Schlechte Nachrichten für Südtiroler Produkte: Der Zugang zu den Küchen der öffentlichen Einrichtungen bleibt ihnen weiterhin vielfach verwehrt. Foto: Pixabay

Schlechte Nachrichten für Südtiroler Produkte: Der Zugang zu den Küchen der öffentlichen Einrichtungen bleibt ihnen weiterhin vielfach verwehrt. Foto: Pixabay

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Die Südtiroler Krankenhäuser und viele andere öffentliche Versorgungseinrichtungen werden auch in den kommenden vier Jahren mit Milch und Milchprodukten aus anderen Regionen beliefert. Der Grund: Die Landesverwaltung hat über eine EU-weite Ausschreibung unter anderem einen Lieferanten von Milch- und Eiprodukten um eine Gesamtsumme von rund 9,2 Millionen gesucht. Den Zuschlag erhielt nicht ein Lieferant aus Südtirol, sondern der Großhändler Camillo Fasolo aus San Martino di Lupari in der Provinz Padua, der wiederum die Milch von einem Betrieb in Cremona bezieht. Fasolo ist vor wenigen Wochen mit der Lieferung gestartet. 

Heimische Großhändler scheitern am Preis

Durch die Finger schauten einmal mehr die Südtiroler, allen voran der Lebensmittelgroßhändler Gastrofresh, der sich diesmal besonders ins Zeug gelegt und berechtigte Hoffnungen auf den Zuschlag gemacht hatte. Den Ausschlag gab – auch das keine neue Erfahrung – der Preis: Fasolo sicherte sich den Auftrag mit einem Angebot von rund 7,2 Millionen Euro, die Gastrofresh lag rund drei Prozent drüber.  

Das Medienecho war enorm, auch durch die sozialen Netzwerke fegte ein regelrechter Sturm der Entrüstung – mit heftigen Attacken vor allem gegen die Landespolitik. Auch der Bauernbund macht seinem Unmut Luft. Landesobmann Leo Tiefenthaler betont: „Wir fordern seit Langem, dass bei der Bewertung der Angebote Kriterien wie etwa die nachhaltige Produktion oder die Lieferfähigkeit höher bewertet werden müssen. Beim Preis können wir mit unseren nachhaltig und auf kleinen Höfen produzierten, qualitativ hochwertigen Erzeugnissen vom Berg nicht mithalten.“ In den großen Ställen in der Ebene seien die Produktionskosten niedriger. 

Ärgerlich sei darüber hinaus, dass im konkreten Fall die Milch teilweise in Plastikflaschen angeliefert wird. Dazu kommt, dass es zwischen Angebot und Lieferung oft große Unterschiede gebe: „Wir wissen aus Erfahrung, dass bei der Angebotserstellung alles versprochen wird, dann aber häufig vieles nicht eingehalten werden kann“, beschwert sich Tiefenthaler. Auch kürzere Transportwege bei lokalen Produkten müssten mehr zählen, fordert der Landesobmann: „Gerade in diesen Zeiten zeigt sich, wie wertvoll lokale Kreisläufe sind. Kurze Transportwege schützen zudem das Klima.“

Ausschreibungskriterien nochmals überarbeiten

Erbost sind auch die Tierzuchtverbände und der Sennereiverband Südtirol. Dessen Obmann Joachim Reinalter fordert ebenfalls eine Überarbeitung der aktuellen Ausschreibungskriterien: „Diese sind so zu gestalten, dass der Mehrwert für die Südtiroler Produkte gerechtfertigt ist. Die Vergabeagentur des Landes hat sich in den letzten Jahren bemüht, die Kriterien anzupassen, jedoch sind wir immer noch nicht am Ziel. Wir müssen zumindest einen Preis verlangen, welcher die Kosten deckt. Darunter können wir nicht gehen, denn dann würden unsere Bäuerinnen und Bauern draufzahlen.“ 

Ein besonders skurriles Detail: In der Ausschreibung ist die Nähe zur Region als eigenes Kriterium angeführt. Der Wettbewerbssieger aus Padua hat dieses Kriterium erfüllt, indem er eine leer stehende Halle in Bozen Süd angemietet hat. „Es kann doch nicht sein, dass das gleich viel zählt wie die flächendeckende Infrastruktur im ganzen Land, die unsere Milchhöfe bieten“, beschwert sich Reinalter.

Es sei das erklärte Ziel des Landes, Südtirol zum begehrtesten nachhaltigen Lebensraum zu machen. „Ein sehr erstrebenswertes Ziel, aber dieses Ziel erreicht man nicht zum Nulltarif. Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass einem die Umwelt am Herzen liegt. Da ist es umwelttechnisch ein Irrsinn, die Milch von irgendwoher zu bringen, wenn die Milchhöfe praktisch vor der Eingangstür des Krankenhauses produzieren“, unterstreicht Reinalter.

Viel Wertschöpfung für Südtiroler Produkte geht verloren

Die Südtiroler Milchwirtschaft bzw. die Gastrofresh habe den Preis in ihrem Angebot so berechnet, dass dieser die Kosten gedeckt hätte – bei einem durchschnittlichen Preis für die Südtiroler Milch. „Mit dem Niveau des Wettbewerbsgewinners hätten wir keinen durchschnittlichen Rohstoffpreis erzielt. Wir haben unser Möglichstes getan. Leider hat es nicht gereicht. Das ist schade, weil so viel Wertschöpfung im Land verloren geht. Zudem wäre es uns auch aus Imagegründen wichtig, dass in den Spitälern ein Südtiroler Milchprodukt angeboten wird“, erklärt Reinalter.

Dass das Ergebnis der Ausschreibung ein enormer Imageschaden ist, dessen ist sich auch der Landesrat für Landwirtschaft Arnold Schuler bewusst: „Wir werden uns die Sache genau anschauen und prüfen, was wir aus dieser Misere lernen können. Gerade in der aktuellen Situation wäre es wichtig gewesen, hier auf Regionalität zu setzen“, betonte Schuler beim halbjährlichen Treffen mit den Tierzuchtverbänden vergangene Woche. Er sieht eine Möglichkeit, dass Südtiroler Produkte doch noch zum Zuge kommen könnten: „Wir hoffen, dass sich Fasolo nun zumindest an unsere Milchhöfe wendet und von ihnen lokale Produkte bezieht.“

Nicht nur Krankenhäuser von der Ausschreibung betroffen

Ein weiterer Punkt, der bislang in der Diskussion noch kaum beachtet wurde: Das Ergebnis der Ausschreibung betrifft bei Weitem nicht nur die Krankenhäuser. 

Alle Vergabestellen – also zum Beispiel Gemeinden, Bezirksgemeinschaften, Seniorenheime, Kindergärten oder Schulen –, die für die Produktgruppe Milchprodukte im Jahr mehr als 25.000 Euro ausgeben, können die Produkte zwar selbst neu ausschreiben, müssen sich aber an die Preise aus der Ausschreibung des Landes halten. Die Chancen, dass sich zu diesen Bedingungen ein lokaler Produzent an der Ausschreibung beteiligt, sind aber gering. 

Als Alternative dazu können die Vergabestellen den Wettbewerbssieger fragen, ob er die Lieferung übernehmen möchte. Falls dieser absagt – etwa weil die zu beliefernde Struktur abgelegen ist und eine Lieferung sich aus seiner Sicht nicht lohnt –, kann die lokale Vergabestelle selbst eine Ausschreibung vornehmen. Unter dieser Schwelle von 25.000 Euro kann die Vergabestelle immer selbst ausschreiben, sie ist in diesem Fall nicht an den Wettbewerbssieger gebunden. 

In Südtirol kümmert sich die Genossenschaft Emporium um viele kleinere Ausschreibungen. Peter Kaufmann, Geschäftsführer von Emporium, erklärt: „Über diese Schwelle von 25.000 Euro pro Jahr fallen in Südtirol etwa einzelne Bezirksgemeinschaften, die größeren Gemeinden, aber auch ein ansehnlicher Teil der Seniorenwohnheime.“ 

Schwelle von 25.000 Euro kann erhöht werden

Diese genannte Schwelle von 25.000 Euro Lieferumfang pro Jahr sei übrigens in Südtirol festgelegt worden, erklärt Kaufmann: „Das heißt im Klartext: Die Schwelle kann für eine kommende Ausschreibung – also wohl erst in vier Jahren – auch erhöht werden, wenn die Landesregierung das beschließt. Für viele öffentliche Einrichtungen würde das die Möglichkeit, bei kleineren Ausschreibungen auch lokale Produzenten zum Zug kommen zu lassen, deutlich erhöhen.“ 

Es liegt also nun am politischen Willen im Land, die richtigen Schlüsse aus dieser Situa-tion zu ziehen. 

Die Chancen dafür stehen vielleicht besser denn je, das weiß auch Bauernbund-Obmann Tiefenthaler: „Bisher waren es immer nur wir, die sich über solche Ungerechtigkeiten aufgeregt haben. Diesmal kocht aber nicht nur der Bauernstand, sondern die ganze Volksseele. Dass in einer solchen Situation die Regionalität den Kürzeren zieht, versteht nämlich wirklich niemand.“


 Zum Artikel „Südtirol bleibt ausgesperrt“ in der Ausgabe Nr. 10 vom 29. Mai 2020 im Südtiroler Landwirt möchte die Landesregierung einige Punkte klarstellen. Hier finden sie den Text.