Produktion, Südtiroler Landwirt | 28.05.2020

Guter Milchpreis ist Grund zur Hoffnung

Ein guter durchschnittlicher Auszahlungspreis ist ein Indiz dafür, wie es der heimischen Milch­wirtschaft geht – doch er ist nicht das Einzige: Die Zahl der Lieferanten sinkt weiter, und seit ­Jahren erstmals auch wieder die angelieferte Milchmenge. Eine Bilanz. von Bernhard Christanell

Der frühe Wintereinbruch im November hat die Bedingungen für die Milchlieferung im vergangenen Jahr noch einmal erschwert. Foto: Frieder Blickle

Der frühe Wintereinbruch im November hat die Bedingungen für die Milchlieferung im vergangenen Jahr noch einmal erschwert. Foto: Frieder Blickle

In einem normalen Jahr ist sie die Zahl, die bei der Jahreshauptversammlung des Sennereiverbandes Südtirol das größte Interesse weckt: der durchschnittlich im Vorjahr erzielte Auszahlungspreis pro Kilogramm Milch. Doch das Jahr 2020 ist bekanntlich nicht normal – und so lüftet der Sennereiverband das Geheimnis in diesem Jahr über seinen Tätigkeitsbericht. Die Zahl – 51,20 Cent pro Kilogramm Milch – gibt Anlass zur Freude, liegt sie doch noch etwas höher als im vergangenen Jahr (50,64 Cent) und über dem Niveau, das in den meisten der umliegenden Länder ausbezahlt wird. Nur einmal seit der Jahrtausendwende – im Jahr 2013 – war der durchschnittliche Auszahlungspreis noch höher. Insgesamt haben die Südtiroler Milchhöfe und Sennereien an ihre 4509 Milchlieferanten im Jahr 2019 rund 204,3 Millionen Euro an Milchgeld ausbezahlt, im Jahr zuvor waren es rund 206,5 Millionen Euro für 4691 Milchlieferanten. 

Die angelieferte Menge an Kuhmilch lag im Jahr 2019 mit 399,1 Millionen Kilogramm erstmals seit 2016 wieder unter der 400-Mio.-Grenze und 1,7 Prozent unter jener des Vorjahres (2018: 405,8 Mio. kg). Die durchschnittliche Milchmenge pro Betrieb betrug im abgelaufenen Jahr 88.512 Kilogramm bei durchschnittlich 15 Milchkühen.

Zahl der Lieferanten sinkt wieder stärker

Soweit die nackten Zahlen. Was sich dahinter verbirgt, ist ein Trend, der seit vielen Jahren anhält und kein Ende zu finden scheint: Die Zahl der Milchlieferanten ist stark rückläufig, der Rückgang hat sich 2019 im Vergleich zu den Jahren zuvor sogar noch einmal beschleunigt. 

182 landwirtschaftliche Betriebe haben im Laufe des Jahres 2019 ihre Lieferung eingestellt, seit dem Jahr 2000 haben 1644 bäuerliche Familien die Milchlieferung aufgegeben – das ist mehr als ein Viertel. In der Regel sind es  Nebenerwerbsbetriebe, die die Milchlieferung einstellen – und Betriebe, wo ein Nachfolger fehlt. Wenn man bedenkt, dass die Milchwirtschaft – trotz aller Nischen und Zuerwerbsmöglichkeiten – nach wie vor die Haupteinnahmequelle der Südtiroler Bergbauern ist, sind das dramatische Zahlen. Laut Joachim Reinalter, Obmann des Sennereiverbandes Südtirol, bleibt der Trend insgesamt recht stabil: „Es hat in den letzten Jahren immer leichte Schwankungen in der Anzahl an Milchlieferanten gegeben. Aber der Trend geht leider nur in eine Richtung, und zwar nach unten.“ 

Milchproduktion im Nebenerwerb sei schwierig, und bei einem guten Arbeitsmarkt, der in den letzten Jahren verzweifelt nach Arbeitskräften gesucht habe, falle die Entscheidung zur Einstellung der Milchproduktion leichter. „Trotzdem werden die Betriebe weiter bewirtschaftet, und das ist entscheidend“, bleibt Reinalter optimistisch.

Folgen der Corona-Krise noch nicht abesehbar

Für eine Prognose, wie sich die aktuelle Corona-Krise auf diesen Trend auswirken wird, ist es laut Reinalter noch zu früh: „Die Milchmenge hängt ja von vielen Faktoren ab, unter anderem auch von Futtermenge und Futterqualität. Da wissen wir noch nicht, wie sich diese heuer entwickeln werden.“ 

Die Anzahl an Milchlieferanten sei seit Jahren in ganz Europa rückläufig, die Corona-Krise werde das nicht weiter beschleunigen, ist Reinalter überzeugt: „Die aktuelle Situa-tion hat eine Wirtschaftskrise zur Folge und kurzfristig auch steigende Arbeitslosigkeitszahlen. Da überlegt sich jeder, ob er eine bestehende Einkommensquelle aufgibt.“

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Milchwirtschaft als Wirtschaftszweig seien noch nicht absehbar, sagt Reinalter: „Vieles hängt jetzt davon ab, wie schnell die Gesundheitskrise überwunden wird und wie stark und nachhaltig diese die Wirtschaft und den Tourismus in die Knie zwingen wird.“ Wenn keine Touristen kämen, dann fehle ein wichtiger Teil des Konsums, wenn die Stimmung am Arbeitsmarkt schlecht sei, dann fehle den Menschen das Geld. Vor allem die weltweite Wirtschaftskrise werde an der Milchwirtschaft nicht spurlos vorübergehen. 

„Was den Export betrifft, so hoffen wir, dass dieser möglichst bald wieder anzieht, vor allem für unseren Käse und den Mascarpone ist der Auslandsmarkt sehr wichtig“, unterstreicht Reinalter. 

Rahmenbedingungen werden schwieriger

Die Gründe für den Rückgang bei der angelieferten Milchmenge liegen auch in den Rahmenbedingungen. Annemarie Kaser, die  Direktorin des Sennereiverbandes, berichtet: „Die Grundfutterproduktion hat im Sommer wetterbedingt gelitten. Es ist immer noch die Natur, die uns die Maßstäbe vorgibt. Zunehmende Wetterextremereignisse wie Starkregen, Hagel oder Dürre zeigen, dass der Klimawandel bereits Realität geworden ist.“ 

Der vorzeitige Wintereinbruch im November habe viele Landwirte bei der Gülleausbringung in Bedrängnis gebracht, auch die Milchsammlung sei teilweise nur durch großen Einsatz aller Beteiligten möglich gewesen.

Milchwirtschaft ist kein Selbstläufer

Reinalter wünscht sich, dass die steigenden Anforderungen an die Bergbauern endlich durch deutlich höhere Preise am Markt abgegolten werden: „Den Landwirten wird derzeit in kurzer Zeit viel abverlangt. Die Anforderungen an die Bauern in Sachen Klima- und Umweltschutz sowie Tierwohl steigen, der Markt zahlt diesen Mehrwert bisher leider nicht.“
Die ureigenen Aufgaben der Landwirte – die Produktion von Lebensmitteln und die Pflege der Kulturlandschaft würden in der Diskussion um die von der Gesellschaft erwünschten Gemeinwohlleistungen häufig untergehen. „Hier sind die Politik und der Tourismus gefordert, Anreize für eine Weiterführung der Höfe zu schaffen, damit sich bei den Bäuerinnen und Bauern nicht das Gefühl der Überforderung und damit die Bereitschaft zum Aufgeben breitmacht. Denn die Milchwirtschaft im Berggebiet ist kein Selbstläufer“, unterstreicht Obmann Reinalter.

Anteil von Biomilch weiter gering

Zurück zu den Zahlen im Tätigkeitsbericht: Von den knapp 400 Millionen Kilogramm Kuhmilch wurden 75,1 Millionen Kilogramm als Heumilch angeliefert – das sind knapp 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor und rund 18,9 Prozent der Gesamtmenge. Der gesamte Anteil an Biomilch und Bioheumilch ist mit 16,6 Millionen Kilogramm oder 4,1 Prozent der Gesamtmenge weiterhin gering. 

Gesunken sind im vergangenen Jahr die Mengen an verkaufter Frischmilch, haltbarer Milch und Sahne, gestiegen sind die Mengen an Butter, Käse, Joghurt sowie Mascarpone, Ricotta und Topfen. Eine kleine Nische bleibt nach wie vor auch die Produktion von Ziegenmilch (1,5 Mio. kg) und der entsprechenden veredelten Produkte. 

Umfangreiche Kontrollen in den Labors 

Der Veredelungsgrad in der Südtiroler Milchwirtschaft steigt weiter an. Annemarie Kaser freut das: „Dass die Milchhöfe inzwischen fast die gesamte Milch verarbeiten können, bringt Wertschöpfung. Es führt aber auch dazu, dass der Aufwand bei den Kon-trollen stark steigt, weil jeder Kunde seine eigene Untersuchung und sein eigenes Zertifikat haben will.“ Die Anforderungen der Handelsketten an die Qualität der Milchprodukte werden ständig mehr. 

Diese Trends spiegeln sich auch in zwei Dienstleistungen wider, die der Sennereiverband als wichtiges Tätigkeitsfeld abwickelt – die Kontrollen der Rohmilch und der Milchprodukte: Im Bereich Rohmilch werden neun Analysemethoden abgewickelt, welche insgesamt 45 verschiedene Parameter erfassen. Dies ergibt insgesamt über fünf Millionen Analysen im Jahr. Die Milchlieferanten werden umgehend über das Ergebnis ihrer Proben benachrichtigt. 

Die für die Milchqualität entscheidenden Parameter – die Gesamtkeimzahl und die Zellzahl – sind seit Jahren recht stabil. Die Zahl der Betriebe, die wegen der Überschreitung von Grenzwerten vorübergehend gesperrt werden mussten, war 2019 leicht rückläufig. 

Die Gesamtzahl der Kontrollen im Bereich der Rohmilch ging im vergangenen Jahr zurück. „Die Zahl der Rohmilchproben ist abhängig von der Anzahl der Milchlieferanten, welche rückläufig ist, und von der Anzahl an Tieren, welche unter Leistungskontrolle stehen. Auch der Kontrollkuhbestand ist rückläufig“, erklärt Kaser.

Sprunghaft angestiegen ist im vergangenen Jahr hingegen die Zahl der Proben im Bereich der Produktkontrolle: Insgesamt wurden 2019 an fast 27.000 Produkten (+ 14,2 %) über 89.600 Proben (+ 10,1 %) genommen. 

Annemarie Kaser berichtet: „Diese ständig steigende Zahl an Proben führt zu einem Platzmangel im Untersuchungslabor, was die Abwicklung erschwert. Dennoch sind wir ständig darum bemüht, den Mitgliedsbetrieben angepasste Lösungen anzubieten, damit sie den Anforderungen des Marktes gerecht werden können.“ 

Zudem untersucht der Sennereiverband auch die Proben der Direktvermarkter und der Almen. „Vor allem während des Almsommers haben wir sehr viele Proben abzuarbeiten. Für die Produktsicherheit jedoch sind die Analysen unerlässlich“, betont Kaser.

Beratung trägt Früchte

Neben diesen Proben und einer umfangreichen Marketing-Tätigkeit gehört auch die Beratung der Bergbauern zu den wichtigen Aufgaben des Sennereiverbandes. Fünf Hofberater waren 2019 auf über 2400 Höfen in ganz Südtirol unterwegs. 

Den Schwerpunkt bei den Hofberatungen bildete im Vorjahr die Kontrolle von bestehenden und die technische Abnahme von neuen Melkanlagen. Insgesamt wurden rund 1900 Anlagen geprüft. Häufiges Thema bei Beratungsgesprächen waren wiederum die Zell- und Keimzahl. Das Thema Tierwohl wird immer wichtiger, und im Osten des Landes spielt die Clostridien-Beratung immer häufiger eine Rolle. 

Interesse für handwerkliche Milchverarbeitung steigt

Immer mehr gefragt ist auch die Beratung des Sennereiverbandes in der handwerklichen Milchverarbeitung. „Die Produktqualität und -vielfalt in den Hofkäsereien und auf den Almen haben sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt“, weiß Kaser zu berichten. Im vergangenen Jahr nahm sowohl die Zahl der aktiven Hofkäsereien – jetzt 87 – als auch jene der Almkäsereien – mittlerweile sind es rund 70 – zu. 

Der Sennereiverband betreut die Almen im Rahmen des „Qualitätssicherungsprogrammes Milchviehalmen“ und mit dem „Grundpaket Alm“ für kleinere Betriebe. Insgesamt wurden auf diesen Almen im Jahr 2019 rund 2200 Milchkühe und 400 Milchziegen aufgetrieben sowie rund 200.000 Kilogramm Almprodukte (Käse und Butter) hergestellt. Die Erfolge bei diversen Wettbewerben – sowohl für Hofkäsereien als auch für Almkäsereien – geben den Bemühungen des Sennereiverbandes recht.

Monitoring zum Tierwohl startet

Der Sennereiverband Südtirol ist schließlich auch eng in ein nationales und internationales Netzwerk von milchwirtschaftlichen Verbänden, Universitäten und Forschungsanstalten sowie spezifischen Vereinigungen wie Afema, DLG und AEDIL eingebunden. Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit der Freien Universität Bozen. 

Viel Energie fließt auch in das Projekt Tierwohl, wobei es auch um das Thema Anbindehaltung geht. Hier wird erforscht, wie diese ursprüngliche, für viele Betriebe in Südtirol – bedingt durch die Berglandwirtschaft – unverzichtbare Haltungsform zur Gesundheit und zum Wohle der Kühe optimiert werden und damit langfristig akzeptiert bzw. wettbewerbsfähig bleiben kann. Ein Monitoring zur Erfassung von Tiergesundheit und Tierwohl in der Milchviehwirtschaft soll ab dem laufenden Jahr in allen Milchviehbetrieben in Südtirol umgesetzt werden.