Wirtschaft | 29.04.2020

Der Restart aus der Krise

Südtirol und seine Produkte stehen für Korrektheit, Konsequenz und Ehrlichkeit. Ein Ruf, der sich nun bezahlt macht, sagt IDM-Agrarchef Stephan Wenger im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“. Und ein gewichtiges Argument im Maßnahmenpaket „Restart Südtirol“ von IDM. von Renate Anna Rubner

Mit der Solidaritätskampagne Ich.Du.Wir.Südtirol begann IDM Südtirol den Restart aus der Corona-Krise. Foto: IDM

Mit der Solidaritätskampagne Ich.Du.Wir.Südtirol begann IDM Südtirol den Restart aus der Corona-Krise. Foto: IDM

Stephan Wenger ist einer, der gerne ins kalte Wasser springt: So hat er bereits in mehreren Südtiroler Unternehmen immer dann Führungsstellen übernommen, wenn Auf- oder Umbruch auf dem Plan stand. Die Direktion des neu geschaffenen Bereichs Agrar bei IDM Südtirol hat er mit 1. Jänner übernommen, bald darauf schon begannen der Lockdown und die damit einhergehende Krise: Hotel­lerie und Gastronomie sind geschlossen, entsprechend der Horeca-Kanal (Hotel, Restaurant, Catering) für Produkte aus der Landwirtschaft. Wie Restart Südtirol, ein Maßnahmenpaket von IDM Südtirol, die heimische (Land)Wirtschaft aus dieser Krise führen soll, erklärt Stephan Wenger im Interview.

Südtiroler Landwirt: Herr Wenger, Sie haben im Jänner dieses Jahres den neuen Bereich Agrar bei IDM Südtirol übernommen. Was genau ist ihr Aufgabenbereich?

Stephan Wenger: IDM Südtirol besteht heute – unter der Generaldirektion von Erwin Hinteregger – aus vier Direktionen: Marketing, Unternehmensentwicklung, Verwaltung und Agrar: Die Aufgabe dieser neuen Direktion, die ich leiten darf, ist es, alle Vermarktungsaktivitäten  für die Agrarsektoren Milch, Wein, Apfel und Speck sowie die Produkte mit Qualitätszeichen Südtirol zu unterstützen: durch Produktmarketing und EU-Förderprogramme. Das bedeutet konkret, dass Aktionen entwickelt und umgesetzt werden, um einzelne Produkte, z. B. Südtiroler Wein, zu bewerben. Dass diese Produkte ­gemeinsam beworben werden, also cross sektoral, z. B. Südtiroler Wein mit Südtiroler Speck oder Käse. Und dass, übergreifend mit dem Bereich Tourismus, ein Gesamtpaket für die Marke Südtirol geschnürt wird, um diese enge Verzahnung bestmöglich für die Vermarktung zu nutzen.

Durch Coronakrise und Lockdown kam es zu einem totalen Stillstand in Tourismus und Gastronomie. Damit brach der gesamte Horeca-Kanal (Hotel, Restaurant, Catering) als Absatzmarkt weg. Mit „Restart Südtirol“ hat IDM nun ein Maßnahmenpaket vorgestellt, das die Südtiroler Wirtschaft stützen soll: Auch den Agrarsektor. Wie kam dieses Maßnahmenpaket zustande?

IDM ist Südtirols hat die Mission, Impulsgeber und treibende Kraft für die nachhaltige Entwicklung Südtirols zu sein. Deshalb haben wir uns die Frage gestellt, was die heimische Wirtschaft in dieser besonderen Zeit braucht, womit IDM ihr bestmöglich über diese Krise hinweghelfen kann. In der ersten Phase haben wir viele Gespräche geführt: Mit Vertretern und Entscheidern aller Sektoren und Verbände und allen Partnern (Stakeholdern). Und haben, basierend auf diese Gespräche, die verschiedenen Herausforderungen herausgearbeitet und nach Themenschwerpunkten geclustert. Um dann ein Maßnahmenpaket auszuarbeiten, das aus fünf Schwerpunkten besteht: Einer massiven Brand-Kampagne für alle Sektoren (Tourismus, Produkte, Export  usw.) und einer Solidaritätskampagne in Südtirol, um die lokalen Kreisläufe zu stärken und zu fördern, Absatz zu generieren und die Wertschöpfung im Land zu steigern. Dann sollen die Synergien zwischen Agrarbereich und Tourismus sowie der Export weiterentwickelt und die Unternehmen in der Digitalisierung unterstützt werden.

Dieses Maßnahmenpaket mit dem Namen „Restart Südtirol“ wurde der Landesregierung vorgestellt und genehmigt. Mit Phase zwei haben wir bereits begonnen. 

Den Auftakt machte die Initiative Ich.Du.Wir.Südtirol. Was bezweckt man damit? 

Dabei geht es um eine Solidaritätskampag­ne nach innen, die also die Südtiroler Bevölkerung anspricht: mit unseren Produkten und dem produzierenden Gewerbe, mit dem breiten Angebot an Urlaubs- und Freizeitmöglichkeiten und unserer Lebensart. 

Ich denke, die Leute sind jetzt sehr offen für Solidarität. Und genau da wollen wir sie abholen. Für den Bereich Landwirtschaft bedeutet das konkret, dass den Südtirolerinnen und Südtirolern der Wert der tagtäglichen Arbeit unserer Bäuerinnen und Bauern mit dieser Krise bewusst geworden ist. Und dieses Bewusstsein können wir mit dieser Initiative noch mal tiefer verankern.

Stärker verankert werden sollen auch Südtiroler Qualitätsprodukte in der heimischen Hotellerie und Gastronomie. Wie will man diesbezüglich konkret vorgehen?

Ziel ist es, (noch) mehr Südtiroler Qualitätsprodukte im Kanal Horeca zu platzieren. Damit wir nicht nur ein Ferienangebot Südtirol bieten können, sondern ein Erlebnisangebot Südtirol: mit tollen Hotels, hochwertigen Produkten, unverwechselbarer Landschaft. Die Produkte sollen Teil dieses Erlebnispaketes werden, Gastronomie und Hotellerie sollen über die Solidaritätskampagne stärker für dieses Thema sensibilisiert werden und mehr heimische Produkte ins Angebot nehmen. Denn so wird das Gesamtkonzept stimmig und die Begehrlichkeit der Produkte erhöht. In nächster Konsequenz werden Südtiroler Produkte auch noch nach dem Urlaub, also  daheim verlangt und gekauft. 

Neben diesen Maßnahmen, die nach innen gerichtet sind, soll Südtirol auch auf den wichtigsten Märkten stark beworben werden. Mit #alleswaswirlieben. Betrifft das auch landwirtschaftliche Produkte?

Bei #alleswaswirlieben handelt es sich um eine Dialogkampagne, die wir in unseren wichtigsten Absatzmärkten, also Italien, Deutschland, Schweiz und Österreich, spielen. Denn die Gäste sind zwar daheim blockiert, wir wollen aber mit ihnen in Kontakt bleiben. Mit einfachen, aber sehr emotionalen Bildern und Botschaften: Damit wird Südtirol ganzheitlich beworben, also nicht nur das Urlaubs­erlebnis sondern auch die Gastronomie und die Produkte. 

Mit dieser Kampagne sind wir vor knapp einem Monat gestartet, sie wird vor allem über unsere Social-Media-Kanäle gespielt und zeigt, was in Südtirol gerade passiert: zum Beispiel die Apfelblüte oder Reben, die austreiben. Und wir konnten feststellen, sie kommt sehr gut an: Die Klicks sind gut, die Rückmeldungen oft sehr emotional, sehr positiv. 

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Seit 1. Jänner 2020 ist Stephan Wenger Direktor des neu eingerichteten Bereichs Agrar bei IDM Südtirol.


Außer der Grünen Woche und der Fruit Logistica werden in diesem Jahr wohl kaum noch Messen stattfinden. Besonders die Weinbranche trifft das hart. Wie plant man, 
dem Südtiroler Wein nach dem Lockdown schnell wieder auf die Beine zu helfen?

Betroffen sind natürlich alle Sektoren, in unterschiedlichem Ausmaß allerdings. Extrem diejenigen, die nahe am Horeca-Kanal sind: Wein verzeichnet einen Einbruch von 95 Prozent, aber auch die anderen Sektoren leiden unter der Situation. Bei Milch, Apfel und Speck kann der Lebensmitteleinzelhandel einiges auffangen, aber lange nicht in dem Ausmaß wie nötig. Mit den für heuer abgesagten Messen wie Prowein, Vinitaly oder Vievinum fehlt der Weinwirtschaft in diesem Jahr nicht nur das Schaufenster, sondern auch der direkte Kundenkontakt. Deshalb haben wir Ersatzmaßnahmen geplant, wie Online-Seminare und andere digitale Kanäle, die genutzt werden können, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben. Damit zumindest ein kleiner Teil aufgefangen werden kann. Aber: Solange der Kanal Horeca zu ist, fehlt für den Wein der wichtigste Absatzkanal. Eine Erholung wird voraussichtlich nur schrittweise geschehen, wir werden für jeden Schritt die passende Unterstützung anbieten. 

Wie viel Budget steht für den Restart zur Verfügung?- Und wie viel entfällt dabei auf den Bereich Agrar?

Für „Restart Südtirol“ hat die Landesregierung die nötigen Mittel bereitgestellt, mit dem Ziel, alle Wirtschaftssektoren zu stützen, um geeint und gestärkt aus dieser Situation hervorzugehen. Ein Abgrenzen ist deshalb auch nicht möglich und nicht sinnvoll: In jedem der fünf Schwerpunkte ist jeder Sektor involviert, jedes Produkt. Und darüber steht die Marke Südtirol. Wir werten das zur Verfügung gestellte Budget als klares Signal und starkes Bekenntnis der Landesregierung zum Restart-Paket von IDM Südtirol. Das in uns gesetzte Vertrauen verstehen wir als Auftrag, um diese finanziellen Mittel bestmöglich einzusetzen, für Südtirol. 

Zur Zeit wartet alles auf Lockerungen. Vor allem der Tourismus, aber mit ihm auch die Landwirtschaft. Wie lange wird es dauern, bis wieder Vertrauen entsteht in „Made in Südtirol“?

Es stimmt. Die Nervosität steigt tagtäglich. Alle warten darauf, dass es wieder losgeht. Aber heute kann das noch niemand sagen. Ende Februar hatten wir wegen Corona-infizierten Urlaubern aus Südtirol international sehr schlechte Schlagzeilen. Das Robert-Koch-Institut hat dann Südtirol als Krisengebiet deklariert. Das war eine schwierige Zeit, wir haben sehr darunter gelitten. Die einzig richtige Entscheidung in dieser Situation war die Schließung des gesamten Tourismus. Im Nachhinein das Beste, was wir tun konnten. Südtirol ist bekannt für Korrektheit, für Qualität. Auch diese Schließung und die Kommunikation in diesem Zusammenhang waren ehrlich und korrekt, das wird uns heute hoch angerechnet. 

Wir haben uns in der Vergangenheit ein solides Image erarbeitet. Das macht sich jetzt bezahlt: Die Gäste haben Vertrauen in die Marke Südtirol. Denn der Wert und die Kraft einer Marke zeigt sich dann, wenn’s schwierig wird! Die Marke Südtirol wird deshalb dazu beitragen, rasch und vor allem gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.