Südtiroler Landwirt, Wirtschaft | 02.04.2020

Albtraum Corona-Krise: Was nun?

Südtirols Wirtschaft wurde durch die Maßnahmen gegen die Corona-Epidemie abgewürgt. Die Landwirtschaft darf weiterarbeiten – allein es fehlt (oft) der Kunde! Wie es den einzelnen ­Sparten geht: Der „Südtiroler Landwirt“ hat nachgefragt. von Renate Anna Rubner und Bernhard Christanell

Die Weinwirtschaft leidet extrem unter der Krise, nicht nur finanziell. Auch das Fehlen saisonaler Arbeitskräfte könnte zum Problem werden.

Die Weinwirtschaft leidet extrem unter der Krise, nicht nur finanziell. Auch das Fehlen saisonaler Arbeitskräfte könnte zum Problem werden.

Es ist etwas geschehen, was unglaublich ist. Wir hoffen, bald aus diesem Albtraum zu erwachen“, sagt Eduard Bernhart, Direktor des Konsortiums Südtiroler Wein, im Telefon­interview mit dem „Südtiroler Landwirt“. Der Südtiroler Weinmarkt ist durch die inzwischen weltweit voranschreitende Corona-Krise praktisch ganz zum Erliegen gekommen. Das Leben hat sich auf das Wesentliche reduziert, es geht um die Grundversorgung. Wein gehört nicht dazu. 

5000 Weinbauern betroffen

„Zudem stehen Gastronomie und Hotellerie still, wodurch ein weiterer zentraler Absatzmarkt für den Südtiroler Wein wegbricht", rekapituliert Bernhart. Und durch die Absage der wichtigsten Messen und Promotionevents fehle in diesem Frühjahr auch die Bühne, um den Jahrgang 2019 zu präsentieren.

„Corona hat im Weinsektor eine Lawine losgetreten, die von Tag zu Tag größer wird“, sagt Bernhart. Der fehlende Absatz und die Forderungsausfälle, die darüber hinaus zu erwarten sind, würden ein enormes Loch in die Umsätze der Kellereien reißen. „Dieses Loch werden unweigerlich auch die 5000 Südtiroler Weinbauern und ihre Familien zu spüren bekommen“, prognostiziert der Direktor des Konsortiums, der mit Liquiditätsengpässen rechnet und auf öffentliche Unterstützung für den Sektor Wein drängt. „Kommt diese Unterstützung nicht, stehen wir vor einer Konkurswelle!“

 Im Konsortium Südtirol Wein laufen bereits die Drähte heiß, gezielt plant man für die Zeit nach der Krise. „Um diese schwierige Zeit gut zu überstehen, muss die ganze Branche an einem Strang ziehen“, sagt Bernhart. „Damit wir danach wieder schnellstmöglich auf die Beine kommen.“

Lieferservice zeit- und kostenaufwändig

Auch Südtirols Gärtnereien werden stark von der Krise gebeutelt: Fast 80 Prozent des Jahresumsatzes werden in der Gartenbaubranche im Frühjahr, vor allem im März und April, gemacht. Tausende Jungpflanzen warteten bereits verkaufsbereit auf den Ladentischen, als die Schließung der Gärtnereien per Dekret verordnet wurde. in der Folge landeten große Mengen an Frühlingsblühern auf dem Kompost. Seit Samstag, 28. März, dürften die Betriebe wieder öffnen. Sofern sie das tun, wird man peinlichst darauf achten, alle Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, um Kunden und Mitarbeiter zu schützen.

Die Nachfrage nach Pflanzen ist derzeit sehr groß: Nicht nur weil die frühlingshaften Temperaturen die Gartensaison eingeläutet haben, sondern auch wegen der verhängten Ausgangssperre: Viele nutzen das „Garteln“ als willkommene Beschäftigung in dieser besonderen Situation. „Das Telefon klingelt ununterbrochen“, sagt Martina Schullian, Inhaberin des gleichnamigen Gartencenters in Bozen.  Wie sie bieten fast alle Gärtnereien einen Lieferservice an, der sehr gut angenommen wird und trotz der Öffnung der Gärtnereien aufrechterhalten bleibt, solange noch die rigorosen Ausgangsbestimmungen gelten. „Das ist zwar mit einem deutlich höheren Arbeits- und Kostenaufwand verbunden, aber zum Wohle der Kunden behalten wir den Lieferservice aufrecht. Das normale Verkaufsgeschäft kann das aber nicht ersetzen“, erklärt Schullian.

Apfelmarkt stabil, aber hürdenreich

Auch die Obstwirtschaft ist von der aktuellen Krise beeinträchtigt: Die Arbeitsweise in den Genossenschaften, sprich in der Sortierung und Verpackung wurden den gegebenen Sicherheitsmaßnahmen angepasst, und Vertrieb und Verwaltung arbeiten großteils im Homeoffice, die Nachfrage nach Äpfeln ist aber ungebrochen. Walter Pardatscher, Direktor des VOG, erklärt: „Die Monate März, April gehören immer zu den absatzstärksten Monaten der Verkaufssaison. Man konnte aber eine erhöhte Nachfrage spüren.“ Martin Pinzger von den Vinschger Produzenten bestätigt das und berichtet besonders in der ersten Phase von starken Zuwächsen, ausgelöst durch Hamsterkäufe. Nun seien die Mengen wieder abgeflacht. „Zwei Veränderungen sind derzeit beim Konsumverhalten zu verzeichnen: Zum einen wird nur noch ein- bis zweimal die Woche eingekauft. Das geht zulasten von sehr verderblichem Obst und Gemüse. Und zum anderen wird vorzugsweise verpacktes Obst gekauft. Derzeit schaffen wir es nicht, die Nachfrage nach Äpfeln in Beuteln bzw. Fruchtschalen zu befriedigen“, sagt Pinzger.

Seit Italien in der Corona-Statistik China überholt hat, sind weit entfernte Märkte italienischen bzw. europäischen Produkten gegenüber verunsichert, wie Martin Pinzger berichtet: „Nicht gerechtfertigt, wie wir wissen, aber es gibt leider diesen psychologischen Effekt, den wir – ehrlich gesagt – im Jänner auch gegenüber chinesischen Produkten in Europa feststellen konnten.“

Auch die Logistik ist eine Herausforderung zurzeit. Walter Pardatscher erklärt: „Es gibt zwar keine offiziellen Einfuhrbeschränkungen, aber in Europa und auch in anderen Ländern ist es aufgrund des Lockdowns teilweise über Tage bzw. Wochen nicht möglich, die üblichen Abläufe zu gewährleisten.“  

Wie arbeitet man in den Lagern und in der Sortierung der Genossenschaften? Pinzger und Pardatscher unterstrichen die erste Priorität, nämlich die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Versorgung der Verbraucher. In den Genossenschaften werde gerade Außer­gewöhnliches geleistet, loben beide. Sorgen macht man sich wegen der beginnenden Vegetationsperio­de und des damit einhergehenden hohen Bedarfs an Arbeitskräften. Beide sind aber verhalten optimistisch und „hoffen, dass sich die Situation bis in den Sommer entspannt“. 

Milchwirtschaft: Kaufverhalten sichtbar

Auf die Milchwirtschaft sieht Joachim Reinalter, Obmann des Sennereiverbandes Südtirol, schwierige Zeiten zukommen. In der aktuellen Lage ist vor allem ein verändertes Kaufverhalten zu erkennen: „Die Menschen kaufen vor allem abgepackte Produkte und Ware, die länger haltbar ist. Das erkennen wir am geringeren Absatz von Frischmilch ebenso wie am Käse, der über die Theke verkauft wird. Diese Umsatzeinbußen kann niemand mehr wettmachen, das ist schon jetzt klar“, berichtet Reinalter. Der verminderte Absatz über die Theke in den Geschäften ist in allen Geschäften deutlich zu erkennen und macht vor allem den kleineren Milchhöfen im Land zu schaffen.  

Völlig weggefallen ist natürlich auch in der Milchwirtschaft der Tourismus als starker Absatzkanal.  „Nach aktuellem Stand können wir überhaupt nicht abschätzen, ob der Tourismus im Sommer wieder anlaufen wird. Für uns ist das ein großes Problem“, betont Reinalter. Der vermehrte Verkauf von länger haltbarer H-Milch anstelle der Frischmilch bringe wesentlich weniger Wertschöpfung für die Bauern. 

Die vorübergehenden Engpässe bei der Lieferung von Verpackungsmaterial sind für die kommenden Wochen behoben. „Vor allem bei den Joghurtbechern hatten wir große Probleme, weil diese zu einem guten Teil in Serbien produziert und über Österreich an unsere Milchhöfe geliefert werden. Da Serbien nicht zur EU gehört, gab es hier Schwierigkeiten. Mittlerweile haben sich jene Milchhöfe, die Joghurt produzieren, mit Vorrat eingedeckt – zumindest bis Mitte April“, erklärt Reinalter. Der Absatz für Joghurt aus Südtirol laufe weiterhin gut, auch Mozzarella werde momentan gut verkauft. „Die Corona-Krise wird große Nachwirkungen für unsere Milchwirtschaft haben. Vorerst versuchen wir aber mal, die akute Krise zu überstehen und hoffen, dass unsere Mitarbeiter alle gesund bleiben, dann kümmern wir uns um das Wirtschaftliche“, sagt Reinalter.

Freiwillige Helfer fehlen

Ein großer Einschnitt ist die aktuelle Krise auch für einen Verein, der gewohnt ist, vor allem mit Menschen aus Deutschland zu arbeiten: Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) vermittelt jedes Jahr Tausende freiwillige Helfer auf Südtirols Bergbauernhöfen, zum Großteil sind dies bereits seit einigen Jahren deutsche Staatsbürger. „Die fallen zurzeit natürlich völlig weg“, berichtet VFA-Koordinatorin Monika Thaler. Der Großteil der Helfer komme aber ohnehin in der Zeit der Heuernte – also ab Ende Mai – nach Südtirol. „Bis dahin hoffen wir, dass wir das Schlimmste überstanden haben und wieder einigermaßen normal arbeiten können“, erklärt Thaler.
In der Zwischenzeit sind die Mitarbeiter damit beschäftigt, bereits gemeldete Helfer für die Sommermonate zuzuteilen, neue Anmeldungen kommen derzeit kaum. Sehr beeindruckt haben Thaler die vielen besorgten Rückmeldungen von treuen Helfern aus dem Ausland: „Wir bekommen laufend Anrufe und E-Mails, in denen uns die Helfer ihre Anteilnahme ausdrücken und uns Mut zusprechen. Auf der anderen Seite kontaktieren uns auch viele Bauern, die völlig verzweifelt sind, weil sie fürchten, in diesem Sommer keine Helfer zu bekommen“, erzählt Thaler. Die Krise sieht sie auch als Chance: „Vielleicht besinnen sich viele Menschen nach dieser extremen Erfahrung wieder auf das Wesentliche und entschließen sich, statt des üblichen Jahresurlaubs samt Flugreise die Ferien im eigenen Land – und dort vielleicht als freiwillige Helfer auf einem Bergbauernhof – zu verbringen“, hofft Thaler. 

UaB-Betriebe unter Stornierungsdruck

Auf Entspannung hofft Hans J. Kienzl, Leiter der Abteilung Marketing im Südtiroler Bauernbund, denn vor allem Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Betriebe sind von der Corona-Krise stark betroffen: „Jänner und Februar ist die Saison sehr gut gelaufen, am Tag, nachdem der erste bestätigte Fall in Südtirol aufgetreten ist, begannen aber bereits die Stornierungen. Zunächst wurden unmittelbar bevorstehende Ferienaufenthalte abgesagt, dann auch jene für Ostern und da­rüber hinaus.“ Bitter für alle UaB-Betriebe, entsprechend angespannt ist die Stimmung. Die Abteilung Marketing steht ihren Mitgliedern in diesen schweren Zeiten ganz besonders zur Seite: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind telefonisch erreichbar und beantworten die vielen Fragen, die die UaB-Betriebe zurzeit beschäftigen. 

Zudem gibt man aktuelle Meldungen weiter: So war es für viele eine Erleichterung, dass die Banken dazu bereit sind, die Kredite bis auf ein Jahr zu stunden, sprich die Kapitaltilgung auszusetzen. Das habe viel Druck weggenommen, meint Kienzl. Er rät: „Nun ist wichtig, Ruhe zu bewahren und sich finanziell zu organisieren. Dann können wir Kraft schöpfen, um danach wieder voll durchzustarten.“ Das gelte nicht nur für die UaB-Betriebe, sondern auch für die Abteilung Marketing: „Wir werden, wenn alles überstanden ist, ordentlich Geld in die Hand nehmen und in Werbung investieren, damit unsere Betriebe schnellstmöglich wieder volle Betten haben!“

Kienzl berichtet: „Wir registrieren täglich mehr als 2000 Zugriffe auf unser Internetportal. Das bedeutet für mich, dass sich die Leute nach wie vor für Urlaub auf dem Bauernhof interessieren und sich Gedanken zu ihrer Urlaubsplanung machen.“ Er ist überzeugt, dass die Stammgäste ihren Betrieben treu bleiben und spätestens im nächsten Jahr wiederkommen. „Gar einige haben auch noch nicht storniert und hofft, den Urlaub im Sommer auf ihrem Lieblingsbauernhof verbringen zu können", sagt Hans J. Kienzl.