Produktion | 05.03.2020

„Ehrlich über Nachhaltigkeit reden“

Seit etwas mehr als sechs Monaten ist Walter Pardatscher Direktor im Verband der Südtiroler Obstgenossenschaften VOG. Über die zentralen Themen, die Vermarktung und die Sorten der Zukunft hat der „Südtiroler Landwirt“ mit ihm gesprochen. von Michael Deltedesco

Bild: Südtiroler Apfelkonsortium

Bild: Südtiroler Apfelkonsortium

Der Verband der Südtiroler Obstgenossenschaften VOG hat sich seit seiner Gründung zur größten Vermarktungsorganisation für Äpfel in Europa entwickelt. Die elf Mitgliedsgenossenschaften sind in fünf Pools organisiert: Meran, Eisacktal, Bozen West, Bozen Süd und Unterland. Hinzu kommt die Genossenschaft Bio Südtirol. 

Der VOG als übergeordneter Verband organisiert den Anbau, die Qualitätskontrolle, das Marketing, den Verkauf und den Vertrieb eines Großteils der Südtiroler Äpfel: Über eine halbe Million Tonnen werden im Einzugsgebiet des VOG pro Jahr durchschnittlich geerntet. Das entspricht beinahe einem Drittel der italienischen Gesamternte und rund sechs Prozent der europäischen Ernte. 

Seit August 2019 hat der Verband der Südtiroler Obstgenossenschaften einen neuen Direktor: Walter Pardatscher erklärt im Interview mit dem Südtiroler Landwirt, wie das Geschäft mit den Äpfeln derzeit läuft und wie sich der Verband für die Zukunft rüstet.

Südtiroler Landwirt: Herr Pardatscher, Sie sind seit letztem Sommer Direktor des VOG. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz, was waren die wichtigen Themen? 

Walter Pardatscher: Drei Themen sind für den VOG zentral. Einmal natürlich die Vermarktung, gerade nach dem schwierigen Verkaufsjahr der Ernte 2018. Dann haben wir uns im Rahmen einer strategischer Sortenplanung intensiv mit dem Thema Sortenerneuerung beschäftigt. Hierzu werden derzeit mehrere Projekte umgesetzt. Und nicht zuletzt setzen wir uns mit der Weiterentwicklung des Verbandes und mit dem Konzept „VOG 2020“ auseinander.  

Sie haben es erwähnt: Nach einem sehr schwierigen Verkaufsjahr 2018/2019 ist die Vermarktung der Ernte 2019 besser gestartet. Wie laufen die Verkäufe derzeit? 

Die aktuelle Vermarktungssaison hat mit großem Optimismus begonnen, weil die europäische Gesamternte 2019 viel geringer ausgefallen ist als jene 2018 und das am Markt zu spüren ist. Leider sind die Erwartungen etwas gedämpft worden. Zum einen gab es im Herbst noch Restbestände der Ernte 2018 zu vermarkten. Und zum anderen ist heuer die Verteilung der Größen der Äpfel nicht ideal. Daher ist es uns nicht überall gelungen, die Preise deutlich genug anzuheben. Dennoch bin ich nicht pessimistisch. Einige Sorten werden sogar früher verkauft sein als erwartet. Die Nachfrage ist da, leider fehlen teilweise gewisse Größen und auch der Preis ist nicht berauschend. 

Sie haben den Preis angesprochen: Für viele Produzenten, aber auch Konsumenten ist es unverständlich, dass ein Kilogramm Äpfel im Supermarkt zum Teil deutlich über zwei Euro kostet, die Bauern aber nur einen Bruchteil davon bekommen. 

Erst kürzlich war ich auf einer Tagung, bei der es unter anderem um diese Frage ging und auch Vertreter der Handelsketten anwesend waren. Man merkte ganz einfach, dass der Einkaufspreis des Apfels knallhart von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. 

Um am Markt bestehen zu können, müssen wir uns von den Mitbewerbern abheben – durch starke Marken, neue Sorten und hohe, gleichbleibende Qualität. In Zukunft müssen wir auch die Herkunft stärker spielen. 

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Walter Pardatscher: „Die Umsetzung von Verbesserungen ist oft komplex und braucht Zeit.“


Ist nicht grundsätzlich das Problem des Obstbaus derzeit, dass in einem normalen Jahr ohne z. B. Frost in Osteuropa die Märkte übervoll sind und gleichzeitig der Konsum zurückgeht? 

In einem normalen Jahr gibt es in der Tat eine Überproduktion. Daher setzen wir auf neue, weiter entfernte Märkte. Dazu brauchen wir robuste Sorten, die auch über lange Strecken transportiert werden können. Außerdem sollen neue Apfelsorten das Produktportfolio zu verschiedenen Zeitpunkten der Verkaufssaison erweitern: Frühsorten ergänzen den Gala zu Saisonbeginn, und mit besonders lagerfähigen Apfelsorten können wir unsere Kunden in Zukunft auch in den Monaten April bis Juli gut bedienen.

Zudem müssen wir alles tun, damit der Konsum besonders in den traditionellen
Märkten wieder steigt. Mit neuen Sorten, die sich in Geschmack und Textur von den anderen unterscheiden, sehe ich hier durchaus einige Möglichkeiten. Diese neuen Sorten müssen aber nicht unbedingt Clubäpfel sein, doch meistens sind es solche. Das Branding ist dann noch eine weitere, besondere Herausforderung. 

Aktuell spricht man vor allem über Club-Äpfel. Welche Bedeutung haben in Zukunft  noch die Standardsorten?

In Zukunft werden wir im VOG etwa 30 Prozent gemanagte Sorten, sprich Club-Äpfel, und 70 Prozent Standardsorten haben. Gerade in den traditionellen Märkten, wie etwa Italien, werden diese Standardsorten sehr wichtig bleiben. Was wir tun müssen, ist, eine hohe Qualität zu produzieren. Viele Anlagen mit Standardsorten sind alt. Diese müssen in den nächsten Jahren erneuert werden, um eine hohe Qualität der Früchte zu gewährleisten. 

Insgesamt werden die Sortenplanung und die saisonale Vermarktung an Bedeutung gewinnen. Wann welche Sorten auf welchen Märkten platziert werden, wird entscheidend sein. 

Ein drittes Thema, das Sie genannt haben, ist die Weiterentwicklung des Verbandes. Seit einigen Jahren gibt es bereits das Konzept „VOG 2020“. Wann wird das Konzept umgesetzt? Wir sind ja bereits im Jahr 2020. 

Nach der Umsetzung der Vermarktungspools vor zehn Jahren ist „VOG 2020“ der nächste logische Schritt. Ziel muss sein, dass es für jeden Kunden nur mehr einen Ansprechpartner gibt – auch weil es auf der Seite des Handels eine immer größere Konzentration gibt. Der VOG wird nach außen als eine Einheit auftreten. Ich habe gesehen, dass für viele Märkte diese Notwendigkeit dringend besteht. Als Einheit sind auch das Marketing und die Vermarktung von Clubäpfeln leichter – um nicht zu sagen überhaupt erst möglich. Zudem habe ich das Gefühl, dass sich viele Mitglieder diesen nächsten Schritt erwarten. Das Konzept sollte in nächster Zeit umgesetzt werden, und der Verwaltungsrat wird sich sicher intensiv um dieses Thema kümmern.

Ein Thema, das viele Obstbauern und auch den VOG beschäftigt, ist die öffentliche Meinung. Letzthin war besonders der Pflanzenschutz immer wieder in der Kritik. 

Wir können selbstbewusst auftreten, denn wir haben viel erreicht. Wir produzieren gesunde Äpfel auf hohem Niveau nachhaltig und in einer sehr hohen Qualität. Durch neue technische Lösungen und Weiterentwicklungen ist zum Beispiel die Abdrift deutlich reduziert worden.  

Wir müssen in der Bevölkerung verstärkt Bewusstsein dafür schaffen, dass unsere Äpfel nach höchstem Standard produziert werden, wir aber trotzdem daran interessiert sind, uns ständig zu verbessern und weiterzuentwickeln. Die Umsetzung von Verbesserungen ist aber oft komplex und es braucht dafür Zeit. Dennoch müssen wir uns ständig weiterentwickeln, auch weil der Druck auf den Märkten steigt. Das muss aber in einem verträglichen Maß sein. Nur so können wir gewährleisten, dass der Fortbestand unserer bäuerlichen Strukturen gesichert ist. Der Mehraufwand muss also auch entsprechend honoriert werden. Das ist die große Herausforderung. 

Was kann konkret noch verbessert werden? Wo gibt es Nachholbedarf? 

Ich glaube, wir dürfen nicht zu sehr auf kurzfristige Trends aufspringen und müssen einige Themen sehr pragmatisch angehen. 

Viele Maßnahmen, die auf den ersten Blick als eine gute nachhaltige Alternative erscheinen, sind es auf den zweiten Blick gar nicht. Viele Alternativen etwa zu Glyphosat haben auch ihre Nachteile, sind arbeits- und energieintensiv und daher wenig klimaschonend. 

Leider gibt es häufig keine einfachen Antworten auf komplexe Probleme. Vielleicht sollte die Gesellschaft eine ehrliche Diskus­sion über Nachhaltigkeit führen, die nicht nur die Produzenten, sondern auch die Konsumenten in die Verantwortung nimmt.