Südtiroler Landwirt | 20.02.2020

Vom Bauernhof direkt in die Mensa

Der Kindergarten von Vöran bezieht Eier direkt vom Bauern – ohne Vergabeportal, mit einem einfachen Vertrag zwischen Bauer und Gemeinde. Das hat Vorteile für beide, ist Bürgermeister Thomas Egger überzeugt. Und bastelt schon an einem zweiten Abkommen – für Gemüse. von Renate Anna Rubner

Bäuerin Brigitte bringt die Eier vom Noafhof direkt zur Köchin in den Kindergarten von Vöran.

Bäuerin Brigitte bringt die Eier vom Noafhof direkt zur Köchin in den Kindergarten von Vöran.

Heute steht Geschnetzeltes mit Reis auf dem Speiseplan. Köchin Brigitte ist morgens um kurz nach acht schon dabei, die Jause für die knapp 40 Kinder herzurichten: Frischer Fruchtsalat, Äpfel, Joghurt, Saft und Wasser stehen auf dem Rollwagen. Auch das Gemüse fürs Mittagessen steht schon bereit. Da klopft es an der Tür, die Eierlieferung kommt. Bäuerin Brigitte Gasser Ainhauser bringt die frischen Bioeier vorbei, die die Köchin bei ihr bestellt hat. Morgen soll es Hirseauflauf geben, da braucht es die Eier. 

Im Kindergarten von Vöran legt man nämlich Wert darauf, abwechslungsreich und gesund zu kochen. Die Gemeinde unterstützt das voll, ihr liegen zudem die kleinen Kreisläufe am Herzen: Möglichst viel an Wertschöpfung soll im Dorf bleiben, deshalb kauft Köchin Brigitte viel in den Geschäften im Ort ein. Diese Einkäufe müssen über das Vergabeportal abgewickelt werden, so lautet die Vorschrift. Weil für kleine Auftragsvolumina, die jährlich weniger als 10.000 Euro ausmachen, eine Ausnahmeregelung gilt, kauft sie seit Jänner nun auch direkt beim Bauern, fürs Erste nur Eier – beim Noafhof.

Der Noafhof liegt in Vöran auf knapp 1300 Meter Meereshöhe. Seit September ­letzten Jahres werden hier von Markus und Brigitte Ainhauser etwa 300 Hennen gehalten. „In echter Freilandhaltung“, wie Brigitte sagt, denn der Stall ist mobil und kann je nach Bedarf verstellt werden, damit die Hennen immer etwas zum „Picken und Scharren haben“, wie die Bäuerin sagt. Drei Zwergziegen leben mit den Hühnern, zu ihrem Schutz. 

Qualität hat ihren Preis

Die Eier liefert Markus Ainhauser an verschiedene Geschäfte in Meran, Lana und Bozen, etwas wird auch ab Hof verkauft, der Kindergarten ist ein weiterer guter Abnehmer. „Das Geschäft läuft zu unserer vollsten Zufriedenheit“, sagt Bäuerin Brigitte, „die Kunden schätzen unsere Qualität, wissen, dass die Hühner viel draußen sind, dass sie bestes Biofutter kriegen. Schließlich sind wir Bioland-zertifiziert, das ist eine Garantie für die Leute!“ Diese Qualität habe aber auch ihren Preis.

Win-win-Situation

Den bezahlt natürlich auch die Gemeinde Vöran. Bürgermeister Thomas Egger ist aber überzeugt: „Unterm Strich ist es eine Win-win-Situation: Wir als Gemeinde haben weniger Aufwand, weil die Bestellung über das Vergabeportal wegfällt. Der Preis ist in Ordnung, im Geschäft würden wir ähnlich viel bezahlen. Und Bäuerin und Bauer bekommen das, was sie kriegen müssen.“ Zudem sei es ein gutes Gefühl, zu wissen wo das Essen herkommt. Dieser Mehrwert ist ihm bewusst, vielleicht weil er selber Bauer ist?

Thomas Egger war es auch, der diese unbürokratische Art des Lebensmitteleinkaufs für den Kindergarten auf den Weg gebracht hat, die Initiative ging stark von ihm aus. Der erste Schritt scheint nun gelungen, der zweite ist schon in Vorbereitung. Ab Herbst wird es im Kindergarten von Vöran auch Gemüse direkt vom Bauern geben.

Zunächst nur für den Eigenbedarf

Am Spitalerhof in Vöran lebt Familie Laner mit ihren drei Kindern. Der Hof ist klein, mit zweieinhalb Hektar Fläche insgesamt wirft er zu wenig ab, als dass man von ihm leben könnte. Erhard ist hauptberuflich Lehrer, seine Frau Verena bietet nicht nur Urlaub auf dem Bauernhof an, sie hat auch einen Acker angelegt, auf dem sie allerhand Gemüse anbaut. Zunächst war es nur für den Eigengebrauch gedacht, bald aber waren die Mengen zu groß. Deshalb fing sie an, Gemüsekistchen anzubieten. Das wurde im Dorf und rundherum gut angenommen. Auch ein Gasthaus im Ort ist ihr Kunde, einiges verarbeitet sie selber: das Obst zu Aufstrichen und Trockenfrüchten, Gemüse legt sie sauer ein und verarbeitet es zu Suppenwürze. Aus Kräutern stellt sie Sirupe her und Teemischungen und bietet all das in ihrer Produktecke den Feriengästen an.

Von September bis in den Winter 

Das Saatgut bestellt Verena in Österreich, alles aus Bioproduktion. Zum Teil zieht sie Pflänzchen daraus, die im späten Frühling dann aufs Feld kommen, das meiste aber kommt direkt in die Erde, Mitte bis Ende Mai. „Nächste Woche hinterlege ich in der Gemeinde unser Angebot“, sagt die Bäuerin, „ab September können wir den Kindergarten dann beliefern: sicher bis der erste Frost kommt, danach ist das Sortiment etwas eingeschränkt, weil wir keine Lagermöglichkeit haben. Aber Zwiebeln, Rohnen, Kohlgemüse, Kartoffeln, Pastinaken und Endiviensalat geht noch länger.“

Über die nötigen Mengen hat sie mit Köchin Brigitte bereits vorab gesprochen. Hat ihr gleichzeitig erklärt, was in welchem Zeitraum zur Verfügung stehen wird. So können sich beide vorbereiten: Verena in ihrer Anbauplanung und Brigitte bei ihrem Menüplan. In den Kindergarten kommt die junge Bäuerin sowieso jeden Tag: Ab September hat sie zwar nur noch ihren Jüngsten abzugeben, aber die Gemüselieferung kommt dann einfach mit.

Produktpalette ausbaufähig 

Thomas Egger denkt unterdessen schon über die nächste Etappe nach, obwohl er sich bei den Gemeinderatswahlen im Mai nicht mehr als Bürgermeister zur Verfügung stellt. In Vöran und Umgebung gäbe es noch einige Bauern, die als Lieferanten für den Kindergarten infrage kommen: „Wir müssen jetzt erst mal schauen, wie sich das Ganze etabliert. Vielleicht gibt es dann noch interessierte Produzenten: für Käse beispielsweise,  Fleisch oder auch verarbeitete Produkte.“ 

Bürokratisch sei es für Bäuerinnen und Bauern zunächst zwar ein bisschen mehr Aufwand, aber letztendlich ein sicherer und planbarer Absatzkanal. Ein Vorteil für Betriebe, die ein Nischenprodukt in relativ kleinen Mengen produzieren. „Mit einem einfachen Vertrag sehen wir mit den bäuerlichen Lieferanten ein bestimmtes Budget vor. Innerhalb dieses Budgets sind wir flexibel, solange es die 10.000-Euro-Grenze nicht übersteigt“, sagt der Bürgermeister. Falls es mal Engpässe in der Belieferung geben sollte, weil beispielsweise früh Schnee fällt und kein Gemüse geerntet werden kann, habe man ja die Geschäfte im Ort als Puffer.

Hühnchen als nächster Schritt?

Beim Thema Fleisch hakt Bäuerin Brigitte wieder ein: Ihre Hennen sind nämlich Les-Bleues-Hühner, eine Zweinutzungsrasse, die etwas weniger Eier legt als eine Hybridlegehenne, sie ist aber auch massiger und kann nach vollendeter Karriere als Legehenne noch als hochwertiges Suppenhuhn Verwendung finden. 

Zudem hat sich der Noafhof bei der Abnahme dieser Hühner dazu verpflichtet,
dieselbe Menge an Männchen abzunehmen. Die wollen Markus und Brigitte Ainhauser dann als Masthähnchen aufziehen, schlachten lassen und frisch verkaufen, das Projekt startet demnächst. Wer weiß, vielleicht darf sich der Kindergarten von Vöran ja bald schon über saftige Backhendln direkt vom Noafhof freuen. 



Wie die Gemeinde Schlanders kleine Kreisläufe fördert, lest ihr in unserer Print-Ausgabe.