Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 20.02.2020

„Nach Erwartungen richten“

Der „Südtiroler Landwirt“ hat den Präsidenten des Österreichischen Bauernbundes, Georg Strasser, über den Klimaschutz, die Rolle der Konsumenten und den Zugang zu EU-Handelsabkommen befragt. Am kommenden Samstag ist er Gastredner bei der Bauernbund-Landesversammlung in Bozen. ACHTUNG: Die Landesversammlung findet trotz der Notverordnung zum Corona-Virus statt. Sollte sie abgesagt werden, wird dies rechtzeitig bekanntgegeben. von Michael Deltedesco

Georg Strasser: „Konsument bestimmt beim Einkauf, was die Landwirtschaft produziert.“

Georg Strasser: „Konsument bestimmt beim Einkauf, was die Landwirtschaft produziert.“

Südtiroler Landwirt: „Wie wir Bauern und Klima schützen“ ist der Titel des Gastvortrages auf der Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes. Das Thema ist aktueller denn je: In Deutschland gehen Bauern auf die Straße und protestieren gegen Dumpingpreise und für mehr Wertschätzung, weil sonst immer mehr Betriebe aufgeben. Ist die Lage wirklich so ernst?

Georg Strasser: Österreichs Situation ist nicht mit Deutschland zu vergleichen. Wir arbeiten schon seit Jahrzehnten nach dem Prinzip der ökosozialen Marktwirtschaft. Das sieht man am Erfolg verschiedenster agrarischer Programme. Wir haben aber auch zehn Jahre stagnierender Einkommen hinter uns, und der „Europäische Green Deal“ steht bevor. Das heißt, wir müssen noch sauberer, nachhaltiger und grüner werden als bisher.

Wir brauchen neue Maßnahmen zum Schutz des Klimas, müssen Pflanzenschutzmittel reduzieren und insgesamt weniger Kohlendioxid ausstoßen. Investitionen und höhere Auflagen sind die logische Konsequenz, das kostet die Bauern Geld. Deshalb meine ich, dass ambitionierter Klimaschutz auch eine ambitionierte GAP-Finanzierung braucht. Mit Kürzungen im Agrarbudget haben wir deshalb ein Problem.

Was können Bäuerinnen und Bauern, aber auch die Bauernbünde und die Vermarktungsorganisationen tun, um höhere Preise für bäuerliche Produkte zu erzielen? 

Einige Anläufe in der Vergangenheit, vor allem der Politik, waren wenig erfolgreich.
Es gibt mehrere Hebel. Am effektivsten sind meiner Erfahrung nach Projekte innerhalb einzelner Branchen. Wir müssen Märkte besser bedienen, uns an gesellschaftlichen Erwartungen orientieren und die Balance zwischen Tradition und Innovation ausloten. Ich meine, Bauern sind mehr als nur Rohstoff­lieferanten. Auch muss der Lebensmittel-Einzelhandel unsere hohe Qualität anerkennen, das ist leider nur teilweise der Fall. Das Kaufverhalten wird sich nicht verändern, solange der Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Landschaft, aber auch Lebensmittel und Lebensraum nicht verstanden wird. 

Für die Zukunft der Betriebe ist der Schutz von Grund und Boden wesentlich. Südtirol bekommt nun ein neues Landesgesetz für Raum und Landschaft. Wie steht es um das bäuerliche Eigentum in Österreich?

Bei der Flächenversiegelung haben wir im Regierungsprogramm einen Zielpfad zur Reduktion auf netto 2,5 Hektar pro Tag bis 2030 verankert, obwohl das ein Thema der Bundesländer ist. Hier braucht es mutige Landes- und Kommunalpolitiker, die die Weichen mit Augenmaß stellen. Es ist positiv, dass ein Drittel unserer Bürgermeister aus dem Bauernbund kommt.

Ein zweiter Grund, weshalb Bauern auf die Straße gegangen sind, ist, dass sie sich häufig als „Sündenböcke“ der Gesellschaft fühlen. Wie kann man der Gesellschaft besser vermitteln, was bäuerliche Familien wirklich leisten und dass sie Respekt und Anerkennung verdienen? Hat man im Umgang mit den Konsumenten Fehler gemacht oder hat die Landwirtschaft gesellschaftliche Entwicklungen vielleicht unterschätzt?

Wir müssen weg von den Bildern mit Heimat­filmidylle, aber auch weg von den Bildern der Agrarindustrie. Es kostet viel Kraft, die Deutungshoheit – die wir bei Agrarthemen teils verloren haben – zurückzugewinnen. Alles, was wir nicht direkt ansprechen, ist indirekt ein Schuldeingeständnis. Der Klimadiskurs hilft uns, wir dürfen uns als agrarische Musterschüler hier nur nicht verstecken.

Stichwort Klima: Derzeit ist der Klimaschutz in aller Munde. Häufig werden die Bauern als Teil des Problems gesehen. Sind sie aber in Wirklichkeit nicht Teil der Lösung?

Den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen wir nur mit der Land- und Forstwirtschaft. Wie andere Sektoren müssen auch wir unsere Systeme umstellen. Bilanzielle Energieunabhängigkeit ist aus meiner Sicht möglich. Dafür braucht es neue Technologien und entsprechende Geschäftsmodelle. Wir können liefern, wenn man uns lässt!

Wie kann die Landwirtschaft stärker vermitteln, dass sie in der Klimadiskussion „mitgenommen“ und ernstgenommen werden muss?

Die Fakten sind auf unserer Seite. Wir müssen Konsumenten und Händlern gezielt die Frage stellen, ob sie lieber Fleisch aus agrarindustrieller Tierhaltung haben wollen oder klimaschonend erzeugtes Rind aus dem Alpenraum. Zudem sind die CO2-Emissionen in der Landwirtschaft rückläufig, bei anderen Sektoren ist es meist umgekehrt. 

Die zukünftige EU-Agrarpolitik wird deutlich grüner werden. Wo hat die Landwirtschaft noch Verbesserungspotenzial, wo kann sie konkret noch nachhaltiger werden?

Im Vergleich zu anderen Sektoren sind die Einsparungspotenziale begrenzt. Wir setzen uns aber zum Ziel, als erster Sektor energieautark zu sein. Mit Biogas, Holzgas, Ethanol oder Biotreibstoffen kann das gelingen. Wir müssen außerdem darauf schauen, regionale und europäische Stoff- und Wirtschaftskreisläufe zu schließen und kürzere Transportwege zu forcieren. 

Mehr Nachhaltigkeit bedeutet häufig höhere Kosten. Wie geht das mit der Wirtschaftlichkeit einher? Und ist nicht auch der Konsument gefordert, sich nachhaltiger zu ernähren?

Ja, der Konsument hat große Verantwortung, weil er bei jedem Einkauf bestimmt, was in der Landwirtschaft produziert wird. Aber auch die Politik trägt Verantwortung. Es braucht einen neuen Zugang bei den EU-Handelsabkommen. Und der Schutz der EU-Außengrenze vor Produkten minderer Standards muss im „Green Deal“ der Kommission umgesetzt werden. Ändert sich die Wettbewerbsfähigkeit, muss europäische Qualität am Markt geschützt werden.  

 

Landesversammlung

Am Samstag, dem 29. Februar findet im Haus der Kultur „Walther von der Vogelweide“ in Bozen mit Beginn um 9 Uhr die Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes statt. Alle Details dazu in der Einladung.