Marketing | 05.02.2020

„Stein muss es sein, nicht Fliesen!“

Als Gratwanderung zwischen echt bäuerlich und trotzdem komfortabel beschreibt Architekt Zeno Bampi die planerische Herausforderung bei Urlaub auf dem Bauernhof. Wirklich gerne arbeitet er an historischen Höfen. Auch wenn – oder gerade weil – er sich dort zurücknehmen muss. von Renate Anna Rubner

Die Materialien müssen passen: Holz und Stein machen einen Bauernhof aus.

Die Materialien müssen passen: Holz und Stein machen einen Bauernhof aus.

Wenn Zeno Bampi über Urlaub auf dem Bauernhof redet, gerät er ins Philosophieren. Beim Bauen sei viel falsch gelaufen in diesem Bereich, sagt der bekannte Architekt. Auch er selbst, habe den einen oder anderen Umbau „verbrochen“. Offensichtlich geläutert, plädiert er im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“ für Authentizität durch Stein statt Fliesen, Massivholz- statt Laminatböden, den typischen Stallgeruch und den Bauernhof als Erlebnisort für die ganze Familie. 

Südtiroler Landwirt: Herr Bampi, angenommen ich bin eine Bäuerin, komme zu Ihnen als Architekt und möchte auf meinem Bauernhof UaB in Ferienwohnungen anbieten. Wie gehen Sie vor?

Zeno Bampi: Dann sage ich: Liebe Frau, wesentlich ist, dass Sie den Gast mögen. Urlaub auf dem Bauernhof ist nichts, womit man reich wird. Man muss viel von sich geben, man muss Interesse am Gast haben. Denn nur, wenn ein Gast dieses Interesse spürt, ist man auch erfolgreich. Zumindest einer in der Familie muss die natürliche Eigenschaft haben, einen Gast unterhalten und mit ihm kommunizieren zu können. Denn der Gast von UaB ist ein spezieller: Im Normalfall hat er Kinder und hat von seinen eigenen Kindheitserinnerung her Zugang zum Bäuerlichen. Deswegen sucht er Bauernhof-Duft, Bauernhof-Flair. 

Oft, auch das habe ich festgestellt, sucht dieser Gast die Einfachheit von Bäuerin und Bauer, diese von händischer Arbeit geprägte Welt, die in klarem Widerspruch steht zu seinem eigenen Leben in der Stadt und im Büro. Er will sich wohlfühlen, etwas erleben und vor allem etwas weitergeben an die Kinder, was sonst nicht möglich ist. Er sucht das Urige, Typische, Regionale. Keine Ferienwohnung von der Stange, mit der man vorgaukelt, dass es am Hof eben gar nicht so bäuerlich ist. Das ist in meinen Augen genau das Falsche. Wo Bauernhof draufsteht, muss auch Bauernhof drin sein. Und ich gehe noch weiter und sage: Es muss auch ausschauen, riechen und sich anfühlen wie Bauernhof! 

Sie raten Bäuerinnen und Bauern also, zunächst die eigenen Qualitäten zu hinterfragen und dann erst zu planen. Worauf ist aber in der Planung zu achten?

Ich sage den Bauern immer, dass sie auf jeden Fall den Hofverkehr vom Touristenverkehr trennen sollen. Weil ein Bauernhof einfach viele Gefahrenquellen hat. Wenn ich zum Beispiel das eigene Auto, den Traktor und vielleicht sogar das eine oder andere Gerät und dann noch die Autos der Gäste in demselben Innenhof unterbringen muss, ist die Gefahr groß, dass irgendwann ein Kind unter die Räder kommt. Deshalb rate ich, bei Möglichkeit zwei getrennte Zugänge und zwei Örtlichkeiten für Autos und Fuhrpark vorzusehen.

Das kann ja auch aus einem anderen Gesichtspunkt heraus vorteilhaft sein …

Genau. Die Bauernfamilie braucht zwar Berührungspunkte mit den Gästen, aber sie braucht auch ihre Privatsphäre. Deshalb rate ich, das konkret zu planen: Wo will man den oder die Berührungspunkte haben? Manchmal ist es die Frühstücksstube, manchmal die große Labe, manchmal der Innenhof.

Solche Begegnungsräume braucht es, denn der UaB-Gast sucht ja Kontakt zur Bauernfamilie und zum Leben am Hof. Aber: Wenn der Bauer abends müde heimkommt und auch mal niemandem über den Weg laufen möchte, dann muss er die Möglichkeit haben, ungesehen in seine Stube zu kommen. Auch das ist wichtig. 

Sie haben von Authentizität gesprochen. Was meinen Sie konkret damit?

Ja, es braucht drei Dinge: Lust und Platz zum Kommunizieren, Trennung im Sinne von Sicherheit und Privatsphäre und last, but not least: Authentizität! Ich sage den Bäuerinnen und Bauern immer: Im Zweifelsfall ist es besser, ihr baut für euch etwas Neues und bringt die Gäste im alten Bauernhaus unter. Nicht umgekehrt! Urlaub auf dem Bauernhof wird sich nur halten können, wenn er unverwechselbar bleibt: Wenn man ein Haus und ein Mobiliar und eine Atmosphäre hat, die sich abheben. Denn die Hotels schauen alle gleich aus. Die haben wir Architekten – da nehme ich mich keineswegs aus – alle gleich gestylt. Und in München, Gelsenkirchen oder Berlin oder wo die Gäste herkommen, stehen auch dieselben Häuser. Deshalb: Geruch, Haptik, Geräusche, all das macht einen wirklichen Bauernhof aus. Und nicht irgendwelche Möbel von IKEA oder wattierte Lederrücken hinter den Betten.

Sauber und komfortabel will’s der Gast aber doch …

Ja, das ist ja der Zwiespalt: Der Gast will es einerseits clean haben und trotzdem eintauchen in eine – oft auch nur vorgegaukelte – „Heidiwelt“. Da weiß ich selber noch nicht so recht, wie man diese Balance schafft. Ich hab’ auch viele von diesen cleanen Zu- und Umbauten gemacht, ich bin nicht unschuldig. Ich weiß, wovon ich rede. Aber UaB im wirklichen Sinne ist das nicht. 

Man wird zwar etwas belächelt, wenn man sagt, die Architektur, die wir heute machen, ist zwar zeitgemäß, aber das bedeutet auch, dass sie zeitlich verfällt, optisch: alles, was wir in den letzten drei, zehn, zwanzig Jahren gebaut haben. Aber: Alles, was wir in den letzten drei, zehn, zwanzig Jahren erneuert haben, hat immer noch Wert, ist immer noch gut, hat immer noch Charme! Weil die Grundstruktur eine alte ist. Weil man diese „Heidiwelt“ in so einer Struktur geben kann.

Bauer und Bäuerin verkaufen bei UaB in der Regel einen schönen Ort – meistens sind es sehr schöne Plätze –, einen Geruch und ein Selbstwertgefühl. Denn ein richtiger Bauer und eine richtige Bäuerin strahlen Selbstwert aus. Und dieses Spannungsfeld zwischen dem Gast, der auf einen Bauernhof in Urlaub kommt und in diese bäuerliche Welt eintaucht, macht UaB reizvoll, begehrenswert. 

Der große Wert des Bauernhofes ist die historische Struktur und das historisch gewachsene Umfeld und nicht das Nachahmen dessen, was die Hoteliers einfach besser können. 

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Zeno Bampi in seinem Büro: „Konkurrenzlos ist der Bauernhof, der echte."


Angenommen, man hat einen charakteristischen oder historischen Hof: Wie kann ich ihn in seiner Charakteristik erhalten und trotzdem wohnlich und funktionell machen?

Da gibt es zwei Punkte, die es meiner Ansicht nach zu berücksichtigen gilt: Erstens, dass man in der Materialienwahl alles vermeidet, was der Baumarkt anbietet: Vinyl und Fliesen. Fliesen sind der Tod eines jeden Bauernhauses! Stein, ja, der ist ein Teil des Ortes, der Landschaft! Es gibt jetzt auch Fliesen mit Steinoptik, die kann man kaum von echtem Stein unterscheiden. Aber Seele haben sie keine ... 

Und zweitens, wir müssen wieder mehr Mut haben. Mut, einen alten Tisch, ein paar alte Stühle oder eine alte Tür zu verwenden. Und nicht den Tisch aus dem Möbelhaus, wo alle einkaufen, nur weil’s eben schick ist. Es muss nicht alles minimalistisch sein, linear, es darf, nein muss, Charakter haben. 

Und dann sollte der Architekt zuallererst das Haus verstehen. Das bedeutet, dass er sich selber zurücknimmt und dem Haus den Vorrang gibt. Die gewachsene Architektur, wenn es eine bedeutende ist, muss erhalten bleiben! 

Und die Bauersleute?

Ja, wenn der Mensch nicht dazu passt, dann ist alles „faked“. Wenn die Bauernfamilie ihr Bauernhaus und seinen Wert nicht schätzt, seine Geschichte und Tradition nicht versteht und auch nicht weitergeben kann oder will, dann entsteht auch keine Stimmung. Der Gast merkt sehr schnell, ob Mensch und Hof zusammen harmonieren, ob diese Stimmung da ist oder nicht. Das spürt er, kann es vielleicht nicht benennen, artikulieren, aber er spürt und fühlt sich wohl oder eben nicht. 

Alte Bauernhäuser sind oft niedrig, dunkel. Der Gast will es hell und einladend. Welche Rolle spielt Licht für das Innenleben?

Ich sage den Leuten immer: Wenn man die Tür zur Ferienwohnung öffnet, will man nicht in einem dunklen Flur stehen. Beim Betreten einer Wohnung muss der Blick aufgehen nach draußen, zum Licht hin. Der Gast braucht keinen Vorraum, er kann ruhig direkt ins Wohnzimmer oder in die Wohnküche eintreten. Lass ihn hineingehen, lass ihn nach draußen schauen ...!

Ist eine Wohnung erst mit Balkon/Terrasse oder einem anderen Außenbereich komplett?

Ja, ein Freibereich ist sehr wichtig für eine Ferienwohnung. Weil der Gast das will, auch wenn er ihn nicht braucht. Aber das Erste, was er in einer Ferienwohnung sucht, ist der Balkon, die Terrasse. Bei UaB kann man Ferienwohnungen manchmal in nicht mehr genutzte Wirtschaftsräume im Parterre legen, wo es vielleicht einen kleinen Garten oder eine Terrasse gibt. Ansonsten unbedingt einen Balkon oder eine Terrasse, noch besser ist eine Loggia. 

Ich persönlich mache ja gerne Veranden. Auch weil ich beobachtet habe, dass Häuser mit Veranda Ferien-Charakter haben. 

Braucht UaB so etwas wie einen Wellness-bereich?

Ja, brauchen tut es den nicht unbedingt, aber gut ist es schon. Das ist wie im Hotel: Wenn der Swimmingpool nicht da ist, geht’s nicht. Wenn er da ist, geht zwar keiner hinein, aber es ist ein Plus für den Gast. Der Wellnesshype ist verführerisch. Er kostet Geld, meist schafft er Schulden. Aber es ist ein Kriterium für die Auswahl. Ich rate: So klein wie möglich, z. B. einen Naturteich oder eine Minisauna im Garten, zwei Duschen dazu. Das passt dann schon. Nichts von der Stange, das ist die große Stärke von Urlaub auf dem Bauernhof. 

Eine stimmige Außengestaltung ist für einen UaB-Betrieb …

 … wichtig, sehr wichtig! Auch da macht das Gesamtbild die Stimmung. Schlimm sind elektrische Tore, Briefkasten-Anlagen, Betonpflaster und dergleichen. Der Baumarkt ist der Tod der Authentizität! Eine Serie solcher Vorzeige-Errungenschaften, und alles ist kaputt …