Wirtschaft, Politik, Südtiroler Landwirt | 23.01.2020

Innovationsgeist dringend gesucht

Neue Ideen und Disziplin sind gefragt, wenn Südtirols Obstwirtschaft sich weiterentwickeln soll. Mit diesem Appell ließ Landesrat Arnold Schuler bei der Obstbautagung in Meran aufhorchen – und erntete dafür nicht nur Verständnis. von Bernhard Christanell

Der Kursaal von Meran bildet jedes Jahr den feierlichen Rahmen für die Obstbautagung.

Der Kursaal von Meran bildet jedes Jahr den feierlichen Rahmen für die Obstbautagung.

Alles, was in Südtirols Apfelwelt Rang und Namen hat, versammelte sich vor rund zwei Wochen im Meraner Kurhaus, um sich mit der Obstbautagung des Absolventenvereins landwirtschaftlicher Schulen (ALS) auf das neue Jahr einzustimmen. Auch mehrere Schulklassen und zahlreiche Obstbauern nutzten den Tag, um sich über die neuesten Trends im Apfelanbau zu informieren. 

Einleitend blickte ALS-Obmann Stefan Pircher auf das abgelaufene Obstbaujahr zurück: „Es war kein einfaches Jahr – mit sinkenden Auszahlungspreisen, neuen Schädlingen und turbulentem Wetter. Wir hoffen, dass das neue Jahr diesbezüglich etwas ruhiger und positiver verläuft.“ Von Ruhe und Stillstand war anschließend in der Eröffnungsrede vom Landesrat für Landwirtschaft, Arnold Schuler, wenig zu hören. Zwar bescheinigte er der Südtiroler Obstwirtschaft, dass sie „sehr gute Voraussetzungen mitbringe, um die kommenden Herausforderungen zu meistern“. 

„Viel Hirn pro Hektar ...“

Er unterstrich auch, dass „kein anderes Apfelanbauland über so viel Hirn pro Hektar verfüge“, womit er der guten Ausbildung an den Schulen, der professionellen Beratung der Betriebe und der umfangreichen angewandten Forschung Rosen streute.

Der Landesrat richtete aber auch kritische Worte an den voll besetzten Kursaal: „Es wird nicht ausreichen, wenn wir immer wieder darauf hinweisen, dass wir die Besten sind – auch wenn das in manchen Bereichen stimmen mag. Südtirols Obstwirtschaft muss weiterhin Innovationsgeist beweisen und eine Aufbruchstimmung vermitteln, wenn sie sich weiterentwickeln und weiterbestehen will.“ 

Weinwirtschaft als Vorbild

Ein Beispiel sah Schuler in der Weinwirtschaft, die vor einigen Jahrzehnten am Boden lag, dann konsequent auf Qualität gesetzt hat und heute als blühender Wirtschaftssektor dastehe. „Es muss uns gelingen, Südtiroler Produkte – also auch den Apfel – als Premium­produkte darzustellen. Wir brauchen konkrete Schritte in Richtung Sortenerneuerung und die Möglichkeit, die innere Qualität unserer Äpfel besser messbar zu machen. 

„Auch bei der Sortierung müssen wir uns auf einen einheitlichen Weg einigen“, forderte Schuler. Doch auch die Apfelbauern selbst nahm der Landesrat in die Pflicht: „Die Zeiten, in denen man davon ausgehen konnte, dass Genossenschaften alles vermarkten können und müssen, was angeliefert wird, sind vorbei. Es gibt Standards und Vorgaben, die einfach einzuhalten sind.“ 

Auch die Pflicht zur Verwendung von Injektordüsen stehe außer Frage. „In diesem Punkt braucht es Disziplin von allen und keine weiteren Diskussionen“, betonte Schuler. 

Einiges verbessern will der Landesrat aber auch in der Kommunikation des Südtiroler Obstbaus nach außen: „Wir wollen der Gesellschaft ein realistisches Bild davon zeigen, wie wir draußen in den Obstwiesen arbeiten. Wir müssen dieses Bild aber auch noch weiter verbessern, indem wir zum Beispiel den Wert unserer Familienbetriebe und des Ökosystems, in dem wir arbeiten, besser darstellen als bisher.“ 

Schuler sieht darin ein mögliches Alleinstellungsmerkmal für die Südtiroler Obstwirtschaft – nicht nur der Gesellschaft, sondern auch dem Markt gegenüber. 

„Qual der Wahl“ bei der Sortenerneuerung

Als die Worte des Landesrates noch im Kursaal nachhallten, war bereits zu spüren, dass manche im Saal sich von diesen klaren Worten angegriffen fühlten. 

Leise Kritik trat aber erst am Nachmittag zutage, als der Landesrat die Tagung bereits verlassen hatte: Als letzten Programmpunkt stellten Markus Bradlwarter vom Sortenerneuerungskonsortium Südtirol und Jürgen Christanell vom Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau eine ganze Reihe von neuen vielversprechenden Apfelsorten vor, die zum Teil bereits in Südtirol angebaut, zum Teil noch getestet werden. Bradlwarter unterstrich dabei: „Den Vorwurf der mangelnden Innovationskraft der Südtiroler Obstwirtschaft kann ich nicht nachvollziehen. Diese vielen neuen Sorten, die wir in den kommenden Jahren in unseren Anlagen anpflanzen werden, zeigen das Gegenteil: Wir haben die Qual der Wahl und können aus dem Vollen schöpfen, und darüber sind wir sehr froh.“

Drei neue Direktoren mit vielen Ideen

An neuen Ideen und Schwerpunkten sollte es auch in den Südtiroler Erzeugerorganisationen VOG und VI.P sowie beim Obstverarbeitungsbetrieb VOG Products nicht mangeln – stehen an deren Spitze doch in allen drei Fällen seit Kurzem neue Direktoren. Bei der Obstbautagung nutzten Walter Pardatscher (VOG), Martin Pinzger (VI.P) und Christoph Tappeiner (VOG Products) die Gelegenheit, um ihre Ideen und neuen Schwerpunkte für die Südtiroler Obstwirtschaft vorzustellen. 

Pardatscher nannte als vorrangige Ziele eine noch gezieltere Sortenplanung für die Südtiroler Obstbauern und die Rückerorberung des europäischen Marktes: „Es muss uns gelingen, dass es zumindest in Europa weniger aus anderen Kontinenten importierte Äpfel auf dem Markt gibt. Bei der Sortenwahl wollen wir auf einen guten Mix aus bewährten und innovativen neuen Sorten setzen“, fasste Pardatscher zusammen. 

Auch die Obstwirtschaft müsse sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass es „neben der häufig geforderten ökologischen Nachhaltigkeit auch eine ökonomische und eine soziale Nachhaltigkeit gibt.“ 

Pinzger sieht das Apfelanbaugebiet Vinsch­gau auch mittelfristig als „Golden-Spezialisten“, auch wenn der Anteil dieser Sorte bis zum Jahr 2030 in Richtung 40 Prozent sinken solle. Bei der Einführung neuer Sorten warnte Pinzger vor einer „Sorten-zu-Vielfalt“, für die sich der VI.P auch künftig wappnen will. Darüber hinaus sieht Pinzger den VI.P als Vorreiter in Sachen Bioproduktion, Service und Qualität. Den Partnern auf lokaler Ebene soll der VI.P unter Pinzger auch weiterhin mit „voller Transparenz und großer Offenheit“ begegnen, den eigenständigen Weg als Erzeugerorganisation jedoch weitergehen. 

„Wir kennen uns sehr gut, haben uns aber noch nicht geküsst …“

Gerade dieses Thema kam auch zur Sprache, als Fragen aus dem Publikum zugelassen wurden. Ein Obstbauer aus dem Burggrafenamt nutzte die Chance für einen eindringlichen Appell an die beiden Erzeugerorganisationen, sich zusammenzuschließen und die Trentiner Nachbarn von Melinda mit ins Boot zu holen. „Nur so können wir dem Handel gegenüber als starker Partner entgegentreten und uns behaupten“, lautete die Forderung aus dem Publikum. 

Martin Pinzger entgegnete, dass es für die Produzenten im Vinschgau derzeit noch mehr Risiken als Chancen gebe, um einen solchen Schritt zu tun. Walter Pardatscher sorgte mit einem bildlichen Vergleich für allgemeines Lächeln im Saal: „Wir sind wie ein Paar, das gern miteinander viel Zeit verbringt. Wir kennen uns sehr gut, und wir gefallen uns sehr gut, aber wir haben uns noch nicht geküsst. Wer weiß, was in ein paar Jahren sein wird …?“

VOG Products als Verarbeitungsbetrieb noch innovativer und effizienter machen – das hat sich Christoph Tappeiner zum Ziel gesetzt. VOG Products wolle in Zukunft dort noch mehr investieren, wo es wirtschaftlich sinnvoll und wo mehr Wertschöpfung möglich ist. 

VOG Products: Frische und Industrie zusammenführen

„Unsere größte Chance liegt im Zusammenspiel von Frische und Industrie. Fertig- und Spezialprodukte sind die Antwort auf Convenience, auf Regionalität und auf viele weitere Trends unserer Zeit“, betonte Tap­peiner. 

Das Ziel sei eine Wertsteigerung durch Veredelung, eine hohe Qualität des Grundproduktes sei auch bei der Obstverarbeitung das oberste Gebot. „Wir als VOG Products sind keine Boutique, wir sind aber auch keine Altweibermühle. Qualität kann nur mit Qualität produziert werden“, unterstrich Tappeiner, der aufgrund steigender Ansprüche an die Apfelproduktion mit steigenden Anlieferungsmengen bei VOG Products rechnet.