Produktion, Südtiroler Landwirt | 23.01.2020

Almweiden für artenreiche Bäche

Weideland beherbergt eine ausgesprochen vielfältige Flora, das ist aus zahlreichen Untersuchungen bekannt. Eine Studie von Eurac Research zeigt nun: Auch die Bäche, die beweidete Flächen durchqueren, sind ein Hort der Biodiversität.

Bäche, die durch extensiv genutztes Weideland fließen, sind besonders artenreich. Das haben Forscher von Eurac Research herausgefunden.

Bäche, die durch extensiv genutztes Weideland fließen, sind besonders artenreich. Das haben Forscher von Eurac Research herausgefunden.

Extensiv bewirtschaftete Weiden sind in den Alpen ein stark bedrohter Lebensraum: Weil mühsam zu bearbeiten und unwirtschaftlich, werden die Flächen in hohen Lagen zunehmend aufgegeben und wachsen in der Folge schnell mit Wald zu, der im Zug der Klima­erwärmung immer höher klettert. Seit 1980 hat sich die landwirtschaftlich bewirtschaftete Fläche in den Alpen je nach Region zwischen 20 und 70 Prozent reduziert. Tiefer gelegene Weiden dagegen werden häufig gedüngt und intensiver genutzt. Wie sich solche klimatisch und wirtschaftlich bedingten Änderungen in der Landnutzung auf die alpinen Ökosysteme auswirken, haben Wissenschaftler bisher nur für Pflanzen und Bodentiere untersucht, mit eindeutigem Ergebnis: Verschwindet das halbnatürliche Habitat Weide, reduziert sich die Vielfalt der Arten deutlich. 

Auch Gewässer profitieren von Bewirtschaftung

Dass es auch zu einer Verarmung der Gewässer führt, wenn die traditionelle Bewirtschaftung hoch gelegener Weiden aufgegeben wird, haben nun Biologen von Eurac Research in einer umfassenden Studie gezeigt. In fünfzehn Gewässerabschnitten in ganz Südtirol nahmen die Forscher die Gemeinschaft der im Flussbett lebenden wirbellosen Tiere, wie Insektenlarven, Würmer oder Krustentiere, unter die Lupe. Um die Wirkung des angrenzenden Umlands bewerten zu können und vergleichbare Daten zu erhalten, wurden die Wasserläufe sorgfältig ausgewählt: Keiner hat einen Gletscher im Einzugsgebiet, alle Proben wurden weitab von landwirtschaftlicher Nutzung oder anderen menschlichen Einflüssen entnommen. Was die Bäche unterscheidet, ist nur die Bodenbeschaffenheit des Gebiets, durch das sie fließen: Felsiges Gelände über 2000 Meter Höhe, hoch gelegene Weideflächen auf rund 2000 Metern, Nadelwälder zwischen 1500 und 1600 Meter und tiefer gelegene Weideflächen zwischen 1000 und 1200 Meter Höhe. 

70 Arten und Gattungen 

Die detaillierte Analyse der Kleinstlebewesen ergab dabei deutliche Unterschiede: In Gebirgsbächen, die Weiden durchqueren, fanden die Forscher nicht nur mehr wirbellose Tiere und eine größere Zahl an Arten; die vorkommenden Arten erfüllten auch mehr Funktionen – Aufgaben wie das Filtern des Wassers zum Beispiel oder das Zerkleinern von Pflanzenmaterial. „Diese Gewässer sind also in jeder Hinsicht vielfältiger als Bäche, die durch felsiges Gelände oder Nadelwald fließen“, erklärt der Biologe Alberto Scotti. Insgesamt 70 Arten und Gattungen Wirbelloser hat er mit seinen Forscherkollegen in der Studie identifiziert. 

Auskunft über ökologischen Zustand

Für Forscher sind die kleinen wirbellosen Tiere ein wichtiger Indikator, weil sie hervorragend Auskunft über den ökologischen Zustand eines Gewässers bzw. seinen Wandel geben. Das liegt vor allem an zwei Eigenschaften: Die meisten dieser Lebewesen reagieren rasch auf Veränderungen der Umgebung, und ihre Lebenszyklen sind lang genug, um Rückschlüsse auf Entwicklungen oder Ereignisse zu erlauben. 

Eine chemische Wasseranalyse komme einem Schnappschuss gleich, der nur den Moment abbildet, erklärt Scotti. Die Gemeinschaft der kleinen Flussbewohner dagegen spiegelt die Wirkung aller Umweltfaktoren über einen längeren Zeitraum: Statt eines Fotos sehen die Forscher sozusagen einen Film. Beide Analysen ergänzen sich und geben das korrekte Gesamtbild wieder.

Unabhängig von der Höhenstufe

Überraschend für die Wissenschaftler war, dass der Effekt „Weide“ in den Gebirgsbächen unabhängig von der Höhe festzustellen ist – im Allgemeinen weisen höher gelegene Lebensräume nämlich eine geringere Artenvielfalt auf. In allen Wasserläufen, die Weiden durchqueren, fanden die Forscher aber verblüffend ähnliche Gemeinschaften von Wirbellosen, egal ob auf 2000 Meter Höhe oder im Talboden. 

„Dies gilt aber nur für die traditionelle, extensive Form der Weidewirtschaft, die in Südtirol von der Landesverwaltung auch mit Zuschüssen gefördert wird“, betont Alberto Scotti. „Eine intensivere Beweidung dagegen bewirkt in den Bächen einen Verlust an Biodiversität, weil dabei ein Überangebot der Nährstoffe Phosphor und Stickstoff ins Wasser gelangt.“